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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-02-14 · Heft 7 (14.2.1913) · p. Seite 74

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 7 (14.2.1913)
Date
1913-02-14
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
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weite Gebiete des Seelenlebens im tiefsten Dunkel. Ihnen weit überlegen kann der einfachste, religiöse Mensch unserer Zeiten fein, weil >der Horizont, der ihn -nmleuchtet, an Tiefe und Klarheit gewaltig zugenommen hat. ' Goethe hat gemeint: die Menschheit schreitet fort,'der Mensch bleibt immer derselbe. Dies letztere sagt der tiefschauende Dichter; die moderne Psychologie muß auch dies bestreiten; ihr folgen wir, selbst gegen einen Goethe. Gerade wegen unserer religiösen Gesamtanschau-ung sehen wir in der Geschichte von rückwärts her, wie Mose bei seiner Felsenvision (Exod. 34, 2) göttliches Walten. Und darum sind uns Offenbarung und Gefchichte keine Gegensätze. Steinthal hat darauf hingewiesen, daß eine Offenbarung der Gesamtwahrheit in der Kindheit des israelitischen Volkes dem schwersten Erziehungsfehler, der Mitteilung unverdaulichen Lehrstoffes gleichgekommen wäre. Offenbarung ist kein plötzlicher, zeitloser Akt, an gleichgültigem Stoff, von einer Schlagkraft, die alle geistigen Nebel zerreißt, dumpfbrütende Blindheit zur Erleuchtung über die letzten Erkenntnisse bringt, aus Steinen ein Fruchtgefilde macht. Und Geschichte ist keineswegs ein blindwirkender Ablauf von Geschehnissen durch und an Menschen, als Wesen, die aus dem Nichts -sind und in das Nichts versinken, -ein sich abhetzender, sinnloser Kreislauf von Suchen -und Fliehen, Hassen und Lieben, Tun und Leiden; kurz, sie ist kein m e ch -a nischer P r o z -e ß. Sondern Offenbarung und Geschichte sind ein und derselbe geistige Vorgang, von zwei Seiten betrachtet: Göttliche Offenbarung ist religiöse Geistesgeschichte vom Ausgangspunkte des letzten Urhebers, des bewegenden Mittelpunktes, des wirkenden Grundes; und Geschichte ist göttliche Offenbarung, geschaut vom denkenden, fühlenden und handelnden Menschen. In diese höhere Beziehung gesetzt, werden sie für uns zur Einheit. Zur vollen Klarheit gehören hierher zwei ergänzende Gedanken: Geschichte ist uns nicht Evolution, und Geschichte schließt die Leistungen überragender Persönlichkeiten in sich. Sie ist nicht Evolution. Diese hat ihren Platz bei. der Entstehung der Welten, den Epochen der Erdgeschichte; überhaupt im -kosmischen Geschehen. Sie führt auch auf den Gottschöpfer Zurück, unterliegt aber anderen Gesetzen, als das geistige Geschehen, das mit dem Menschen einsetzt, und im engeren Verstände Geschichte heißt. Diese ist eine Selbstoffenbarung Gottes, unter Zuhilfenahme der menschlichen Vernunft als gottähnlicher Mittelursache. Der schöne Begriff des „selmttok limhocknuseh boruch lni" (Teilnehmer an den göttlichen Schöpfer- und Heiligkeitsgedanken) erweist sich hier als fruchtbar. Und die größten Teilhaber an diesen göttlichen Gedanken sind eben die religiösen Führer des Judentums, s e i n e Prost h e t e n und vor alle m M o s e. Ihre maßgebende Bedeutung verkennt der jüdische Liberalismus so wenig, daß in neuerer Zeit auf den schöpferischen Genius des jüdischen Volksgeistes wieder nachdrücklicher hingewiesen werden mußte. Die neue Stellung zur Bibel rührt zum guten Teil von den neuen Entdeckungen im Gebiete der religiösen Seelenkunde her, die uns das Wesen und die Wahrheit der Prophetie erhellt und die Propheten Israels wieder zu Menschen von Fleisch und Blut erweckt haben. Ist es Schuld des religiösen Liberalismus, daß uns die christliche The o l o g i e darin den Rang abgelaufen hat? Wer tiefer blickt, erkennt überall die Nachwirkung des Maimonides, der im Judentum bis heute keinen Nachfolger gefunden hat, es sei denn den ungeberdigen, großen Spinoza. Wenn aber ein Buch von Eornill über den israelitischen Prophetismus aufschlußreicher ist, als ein solches von Dr. Kaatz in Zabrze I; jenem übrigens die glänzende Arbeit des liberalen Rabbiners Professor Mahbanm (Berlin 1883, bei I Berlin 1907 bei M. Poppelauer. Dümmler) als Vorläufer diente, sind dann diese Tatsachen 'nicht bezeichnend? War es nicht immer ein Ruhm des Judentums, an den Geistesbewegungen der Umwelt teilzunehmen, hat es nicht dadurch gerade dem Judentum seinen Rang zu allen Zeiten gewahrt? So stehen denn Mosaismus und Prophetie auch für die Richtlinien im Mittelpunkte des Judentums. Niemand hat also das Recht, aus den Sätzen IV—VI abzulesen, daß der religiöse Liberalismus den g ö t t l i ch e n U r s p r u n g des Judentums bestreite. Alles religiöse Sehnen und Ahnen, sowie alle wahrhaft herzensfromme Verehrung des Göttlichen trägt etwas vom echten Gottesglauben in sich; aber das Judentum, das bestimmt ist, Weltreligion zu werden (Satz 1), ist uns in höchstem Sinne eine Schöpsting Gottes. Dagegen betonen wir wiederholt, daß das Judentum uns weder ausschließlich, noch vorzugsweise Gesetz bedeutet. Gott hat eine Verkündigung ergehen lassen, ausgenommen itmrbe sie von vielen bevorzugten Geistern (Ps. 68, 12). Mose war ein Gesetzgeber; Gott war es nicht in gleicher Weise; — Denn GoLt ist kein Mensch. Der talmudische Grundsatz: es bedient sich die Schrift (um der Schwäche der Menschen willen) der menschlichen Ausdrucksweise, scheint für die Orthodoxie nur zu existieren, wenn es . gilt, Gott als Arzt, als Kriegsmann, als Lehrer zu erfassen. Warum macht man halt, sobald der Gesetzgeber in Frage kommt, und besorgt nicht, den Finger Gottes allzu wörtlich aufzufassen, und sich ein Bild vorzustellen, ganz analog der bekannten Darstellung auf der Bildsäule, die uns „Gott" Schamasch und den König Hammurabi zeigt?! Es mag wehetun und schmerzen, aber die Zeit ist da, zu- * zngeben, daß Gott kein Gesetzgeber sei, wie Konfuzius uud Manu, Hammurabi und Mose, Karl der Große oder Wilhelm I. Längst sind davon auch die großen Massen unserer deutschen Judenheit durchdrungen; wieman hören kann, wenn inan unter das Volk geht. Diese Erkenntnis würde sich sacht, wie das neue Blatt einer Palme öffnen, wäre der Lärm nicht so groß, den die Hüter eines morschen Gebäudes machen, um es womöglich noch vor dem Einsturze zu retten. Diese Hüter weisen die neuen Erkenntnisse energisch zurück, und fordern den Glauben an die ewige Verbindlichkeit des R el i g i o n s g e s e tz es. Ein Gesetz, das seinen Anfang in der Zeit genommen (oder war die tora nicht nur in der Dichtung uranfängtich, ja vielleicht noch vor der Gottheit da?)- es soll ewig — ewig dauern? Kann man hier noch guten Glauben, kindlichfeste Ueberzeugung voraussetzen? Wir fürchten, es möchte die Partertaktik, dies unglückselige Moment unserer neueren, jüdischen Kämpfe, im Spiele sein! Ein Preis, eine Krone und völlige Unterwerfung demjenigen, der den Begriff der ewigen Verbindlichkeit des Religionsgesetzes uns darlegt, so daß sein innerer Widersinn, seine völlige Unvollziehbarkeit auch für denkende Wesen aus der Welt geschafft ist; doch bitte, ohne Zuhilfenahme neuer, unbeweisbarer Dogmen, ohne Opfer d e s I n t e l l e k t s. Sir Woche. Berlin, den II. Februar 1913. olgenden Brief, den Ludwig Fulda an Herrn Dis rektor Adler in Frankfurt a. M. geschrieben hat, wiederhole ich gern aus dem „Berl. Börsen-Courier" an dieser Stelle: Verehrter Herr Direktor! Nur gutgläubige Illusion, verbunden mit einer hochgradigen Ileberschätzung meines Namens, kann Sie zu der Hoffnung verleiten, ein Wort aus meinem Munde werde gegen die Orgien des Rassefauatismus irgendwie ins Gewicht fallen. Durch Worte überzeugt man immer nur Gesinnungsgenossen oder höchstens Unparteiische. Wann aber hätte je die Leidenschaft, wann die blinde Wut vorgefaßter

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