Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse ppussiiÄm 77. Jahrgang Nr; 7 Berlin, 14 Februar 1913 Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Nuäolk Müsse» verUn» Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße qsj-*S, zu richien. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch. Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32*. üttftfHt Zur Würdigung der „Richtlinien". Von Theologus. — Die Woche. — Johann Hoeniger. Von Theodor Landsberg. — Höchste Zeit! Von Bernhard Breslauer. — Reiseerinnerungen an Spanien. Von Caspar Lazarus. — Brief an einen Freund. Von Else Dorn. — Feuilleton: An Heines Grab. Von Georg I. Plotke. — Lefesrüchte. — Büchere inlaus. — S prechfaal. — Dev Gemeittdebote «Beilage zur „Allgemeinen Leitung des Judentums"). Berlin, Posen, Chemnitz, Regensburg, Dülmen, Halberstadt, Göttingen, Frankfurt a. M., Mannheim, Weingarten, Wien, Trencsön (Oberungarn), Florenz, Paris. — Von Nah und Fern. Lur Würdigung drr „Mchtlimen". Von Theologus. III. ir haben das Religionsgesetz aus dem Mittelpunkt des Judentums entfernt, weil es Sache des Staates ist, dem Legälitätsprinzip Geltung zu verschaffen, wie Sache der Ethik, dem .Prinzip der autonomen Sittlichkeit. Aufgabe und Recht der Religion überhaupt erblicken wir darin, die heiligen Beziehungen des Menschen zu Gott festzustellen (Glaubensüberzeugungen), und die autonome Sittlichkeit in dem Begriffe des göttlichen Willens zu begründen und zu verankern (Idee der Heiligkeit, Verkündigung sittlicher Grundgebote). In beiden Beziehungen war das Judentum bahnbrechend, wegweisend, welterleuchtend. Im Religionsgesetze, mit mystischem Beiklang gern Tora genannt, sieht der Liberalismus die Summe von A u s d r u ck s f o r m e n, die das Judentum in üppiger Fülle sich geschaffen hat, die ihren hohen Rang in seiner Ökonomie einnehmen, aber gemeinsam mit dem Inhalt, dessen Hüter sie sind, in unmerklicher Umbildung begriffen bleiben.? Die Orthodoxie, die sich Judentum nur als Religionsgesetz denken kann, bleibt an der Außenseite kleben und beraubt die Religion ihrer Sonne, indem sie die Gottheit ganz allein als gesetzgeberische Instanz braucht. Jede irdische Majestät überkrifft an Machtvollkommenheit einen so begriffenen Gott. Können doch an diesen nicht einmal die flehentlichen Bitten seiner Untertanen um Aenderung eines Titelchens der einmal erlassenen Verfassung gelangen! Die tiefe Fehlerquelle, aus der alle Rückständigkeit in den Religionen fließt, offenbart sich auch hier: man macht begrifflich unvollziehbare Vorstellungen zuerst zum Fundament des Glaubens und alsdann zum Schi- *bolet der Gläubigkeit. Demgegenüber behaupten die Richtlinien die Göttlichkeit aller innerlich beglaubigten, jüdischen Wahrheiten, der religiösen wie der sittlichenindem sie von einer heiligen, das heißt von Gottes Hauch durchströmten Schrift ausgehen. Sie erkennen daneben.das talmudische, rabbinische und theologische Schrifttum an, das. allerdings weder heilig noch göttlich ist, dessen Autorität eine freiwillige, von der Judenh eit gezollte, also bedingte war (Satz „IV). Sie stellen fest,, daß es dem religiösen Liberalismus vermöge der Anwendung modern-wissenschaftlicher, Historisch-kritischer Grundsätze und Methoden gelungen sei, die Phasen der Entwicklung, der Um- und Fortbildung des Judentums nachzuweisen. Sie machen es zur Aufgabe jeder Generation, sich am heiligen Schrifttum als dem Niederschlag der objektiven und subjektiven Religion der Vorfahren zu orientieren und ihren Inhalt sich zu eigen zu machen; aber nicht im Sinne eines geistigen Nachdruckverfahrens, sondern zur Eingliederung in den gesamten übrigen Seeleninhalt (Satz V). Endlich fassen sie unsere Gegenwart fest ins Auge, und fordern eine mutige Entscheidung darüber, was zu neuem, geistigem Leben erweckt werden kann, und was sich als erstorben erweist (Satz VI). Die offenbare Absicht kann nur sein, dem religiösen Nihilismus oder Skeptizismus den Krieg zu erklären, Religion und moderne Geistesbildung auszusöhnen und dem Siegeszuge echter Aufklärung auch in den Köpfen der großen Masse Rechnung zu tragen. Das Judentum hat sich dem Kopernikanischen Weltsystem untergeordnet, den Kantischen Pslichtbegrisf anerkannt, die darwimstifche Schöpfungslehre mit der biblischen Lehre von dem Gottschöpser vereinbar befunden; es sollte vor den Ergebnissen literarischkritischer oder religionsgeschichtlicher Forschung die Waffen strecken? Zu glühendem Dank fühlt sie sich ihr verpflichtet, und hält den zuletzt zu geistiger Verkrüppelung führenden Begriff des „talmud tora" überwunden durch das Aufblühen der jüdischen Wissenschaft. An dieser teilzunehmen, aktiv schöpferisch oder doch empfangend, ist jeder Jude berufen, insbesondere der-moderne Rabbiner, der nicht, wie die Neuorthodoxie, die historische Ohrfeige des „Kauscherwächters" wieder vergessen hat. - Leicht beantwortet sich jetzt die Frage, welcher Begriff denn wesentlich die alte und die neue Ausfassung vom Judentum scheidet? Es ist die Idee der Geschichte, und das heißt d er g e i st i g e n E n t w i ck l u n g. Bekanntlich stand Mendelssohn dieser Idee völlig ratlos gegenüber. Den Grundgedanken der Lessingschen „Erziehung des Menschengeschlechts" hielt -er für verfehlt. Sein Irrtum rächte sich bitter -an seinen Kindern -und manchem seiner Jünger; „die Versehen der Großen," sägt der Talmud, „sind ihre Vergehen." Auch heute noch gibt es denkende Köpfe, die einen Fortschritt in jeden: Geistesgebiet zugestchen, nur nicht im religiösen. Sie glauben offenbar an einen geistigen Sündettfall, der sich seit dem Sinai und dem Zionsberge unaufhaltsam vollziehe. Eine schöne Perspektive! Eine Höllenfahrt ohne Ende; das kann unsere Meinung nicht sein. Mit großem Scharfsinn ist einmal (ich -glaube in diesen Blättern) ausgeführt worden, daß es eine Entwicklung über A b r a h -a m s Hingebung, M o s e s Ehrfurcht, D a v i d s Demut hinaus absolut nicht gebe. Der versteckte Irrtum liegt darin, daß vereinzelte Höhepunkte im Geistes- oder Gemütsleben religiöser Genies für den Radius ihrer Ausstrahlungskraft nichts beweisen. - Neben jenen Lichtpunktenlagern oft