Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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77. Jahrgang Nr. 6 Der Gemeindetzote. Berlin, 7. Februar 1913 Beilage zur „Allgemeinen Leitung deß Iudentumß". lkorrklponden?kn und Kschrichten. Deutschland. — Berlin, 4. Februar'. Die Bewegung der deutschen Mediziner gegen das lleberhandnehmen des Ausländertums an unseren Universitäten hat in der vor kurzem stattgefundenen Versammlung der Berliner Mediziner im Kriegervereinshaus ein vorläufiges Ende gesunden. In allernächster Zeit wird das Abgeordnetenhaus sein Votum abgeben. Die Ereignisse in der Versammlung können ein allgemeineres jüdisches Interesse beanspruchen. Die Ausländersrage basiert aus zwei verschiedenen Momenten. Das eine ist ein rein wirtschaftliches: die hohe Prozentzahl der Ausländer, die Platzfrage, die Sprachhindernisse usw., alle diese Dinge sind der Oefsentlichkeit bereits aus den Tageszeitungen bekannt. Diese Uebelstände werden von allen Leiteil zugegeben. Selbstverständlich ist viel übertrieben worden. So entspricht es zum Beispiel nicht der Wahrheit, daß die Ausländer in einer ihre Prozentzahl übersteigenden Zahl die vorderen Reihen in den Auditorien inne hätten. Das zweite Moment ist ein mehr subjektives: Sprache, Kleidung, Benehmen, standesgemäße Lebensführung ilsw. werden bemängelt. Antisemitismus als starker Grundton ist sicher dabei. Aber auch bei den reichsdentschen jüdischen Studenten gelließen die Ausländer lvenig Sympathie. Bon dem Vorsitzenden der Versammlung cand. med. Töpsser und voll dem Vorsitzenden der Hallenser Klinikerschast wurden diese Punkte dargelegt und, was von besonderem Interesse ist, die Ausländersrage mit einer Russenfrage identifiziert, die man weiterhin spezialisierte zu einer Frage der „russischen Juden", die „minderwertige Studenten" seien, und die lnan nicht wolle. Dies Wort „minderwertig" wurde in der Diskussion von eineln jüdischen Studenten beaustandet. Aber man war am Vorstandstisch darauf vorbereitet. Einer der Herren trat sofort einen merkwürdigen „Wahrheitsbeweis" für diese Minderwertigkeit an, das heißt, er las einen Artikel aus einer Petersburger antisemitischen Zeitung vor, der sich auf unsere russischen Stllüenten bezog lind voll antisemitischen Unflätigkeiten und Verleumdungen niedrigster Art strotzte. Da war die Situation klar. Ein jüdischer Student erklärte klirz und scharf: „Ich bin mit einigen Freunden hierher gekommen, um die Forderungen der deutschen Kliniker zu unterstützen. Da aber durch die Vorredner die Versammlung von vornherein in das seichte Fahrwasser antisemitischer Polemik hilleingeraten ist, können wir uns nicht weiter beteiligen." Scholl aber erklärte der Vorsitzende das für ein Mißverständnis, es habe ihnen fern gelegen, einen antisemitischeil Ton auzuschlagen, und — dies unter großem Beifall — die deutschen jüdischen Kommilitonen seien Reichsdeutsche und streng von den Russen zu scheiden. Daraus nahm der jüdische Redner seine Erklärung zurück. Ob das richtig war? Eigentlich war schon gemlg Antisemitismus da, um es äbleugueil zu können: der unflätige Artikel lind die Abtreilnung der russischen Juden von den Russen. Für uns reichsdentsche Studenten jüdischer Konfession bestand gewiß ein Konflikt. Wir hatten als deutsche Stlldenten unsere nationalen und wirtschaftlichen Interessen zu vertreten, wir durften aber nicht unsere Haild dazu bieten, daß llnseren russischen Glaubensgenossen die letzte Möglichkeit, ein ineuschenwürdiges Dasein in Rußland zu führen, geraubt lvird. Hieran wollte ein anderer jüdischer Redner, Dr. Zwirn, offenbar aliknüpsen. Leider verlor er bald den Faden und fand nur die richtigeil Worte gegen das Vorlesen jenes Artikels. Als der Vorsitzende später — auf diesen Augenblick wohl vorbereitet — den Redner unterbrach und mit großem, lviderspruchslosem Beifall erklärte: „Die Versammlung fußt einzig und allein aus nationaler, nicht auf konfessioneller Grundlage. Ob Jude oder Christ, zuerst ist von einem, der uns lieb sein soll, zu fordern, daß er sich seines Deutschtums bewußt lind daß er Kommilitone ist," da war der jüdische Sprecher erledigt. Man hätte einen gewandteren vorschicken sollen. Roch versuchte ein jüdischer Kollege die Situation'wieder zu bessern. Er verlangte sogar noch eine formale Verschärfung des Physikums — offenbar nur ein Scheinmanöver — plädierte für einen höheren Prozentsatz der Zulassung und akzeptierte sonst alle Forderungen. So trat die Zerfahrenheit innerhalb der jüdischen Studentenschaft wieder einmal zutage. Wieder haben jüdische Studenten gegeneinander als Juden gesprochen. Eine vorherige Besprechung führte nicht zur Einigung. Wie anders hätte es gewirkt, wenn man unter Protest gegen die antisemitische Tonart, etwa erklärt hätte: „In erster Linie stehen uns unsere nationalen Pflichten. Wir sehen es als selbstverständlich an, daß den reichsdentschen Medizinern in allen besprochenen Fragen der uneinge-. schränkte Vorrang gebührt. Der konfessionelle Zusammenhang und vor allem die Humanität, die stets das Idol deutscher Geistesbildung gewesen ist, verbietet uns, das sittenlose Vorgehen Rußlands auch nur indirekt zu unterstützen." So etwa hätte der mittlere Weg ausgesehen, auf dem sich alle deutschen jüdischen Studenten hätten einigen können und müssen. Die Forderungen der deutschen Mediziner sind aus den Tageszeitungen bekannt. Die drei Punkte: Abiturientenzeugnis einer staatlichen Schule, behördliches Führungszeugnis, Einführung einer Prozentnorm und anderes dürsten genügen, um die russischen jüdischen Studenten von Deutschlands Hochschulen zu verbannen und sie in den Hexenkessel russischer Barbarei Zurückzustoßen. Das wird der Effekt dieser Forderungen sein, denen ich leider auch jüdische Studenten habe zustimmen sehen. Die Versammlung stellte sich auf den Standpunkt, daß nur die Sünden Rußlands nicht gut zu machen brauchen. Ein sehr hoher Standpunkt ist dies jedenfalls nicht. Bei gutem Willen wäre das eine ohne das andere möglich gewesen. Aber nian wollte nicht. cand. med. Otto Stran ß. ' y. Berlin, 4. Februar. Die Bewegung der d e u t s ch e n Klinikerschast gegen die ausländischen Studierenden, die ihren Ausgang bekanntlich von Halle genommen hat, bildete den Gegenstand der Beratung einer großen Versammlung, die dieser Tage hier stattfand und von über tausend jüdischen Studenten und Akademikern besucht war. Der Referent Herr Dr. Rosenberg faßte diesen akademischen Vorgang, in dem er eine Beschränkung der studierenden jüdischen Ausländer erblickte, ganz überslüssigerweise unter dem Gesichtspunkt eines national-jüdischen Problems. Sein Vortrag hörte sich wie eine Propagandarede für den jüdischen Nationalismus an. Schon der erste Diskussionsredner, Herr eand. med. Schapski rügte cs, daß man diesen Gegenstand zum Objekt einer Propagandaversammlung für den Zionismus gemacht habe. Es handelte sich hier ausschließlich um Gegenwartsfragen, und so wurde denn von einer ganzen Reihe von Rednern der zionistischen Propagandaarbeit sowie dem Zionismus an sich die schärfste Absage zuteil. Sämtliche Redner sprachen sich mit der größten Entschiedenheit gegen die Einführung der Prozeutnorm aus. Von seiten jener deutschen Studenten jüdischen Glaubens, die gegen den Zionismus polemisierten, wurde mit Recht betont, daß es unrichtig sei, hier in der Klinikersrage die trennenden Momente innerhalb der Studentenschaft jüdischen Glaubens hervorzuheben, man möge vielmehr für eine möglichst einhellige Kundgebung sorgen. Es war interessant, wahrzunehmen, wie auch von jüdischen Studenten gewisse Mißstünde anerkannt wurden. Die Forderung der Ablegung des Physikums wurde allgemein als berechtigt anerkannt, und auch die spätere Belegung der Plätze seitens der Ausländer für berechtigt erklärt. Hier handele es sich nicht um die Wissenschaft, sondern um die U n t e r r i ch t s s o r m , und der Unterricht sei eine nationale Einrichtung. Im Laufe der sehr ausgedehnten Debatte sprach unter anderen Professor Lev in, der antisemitische Einflüsse bei dem Beschluß der Klinikerschast doch glaubte.feststellen zu müssen, und der sich vor allem entschieden gegen die Prozeutnorm erklärte. Dagegen könne man sich den berechtigten Forderungen, Sprachexamen und Physikum, nicht widersetzen. Auch er rügt es, daß man die Klinikersrage zu national-jüdischer Propaganda benutze. Gegen die letztere Bemerkung wandten sich noch Rechtsanwalt Greifen- Hagen, Rechtsanwalt G r o n e m a n n, Dr. R o f e n b l ü h und Dr. S i m o n, während die Herren Dr. K ö st e r l i tz, stud. jur. Fraustütter und besonders wirkungsvoll Herr Kandidat K n o ch e von der Technischen Hochschule Charlottenburg den deutschen nationalen Standpunkt vertraten. Schließlich sprach noch Herr Dr. M o tz - kin, der in den Forderungen der Klinikerversammlung ein Ausnahmerecht erblickte und der darauf hinwies, daß, wenn erst einmal