Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- Seite 71 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229076--69186-3281474- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WMUUW 71 „Das heißt," ries der Bruder, „du willst Nachmonus haben undams Stokes geben! Ich soll zu dir kommen un mir Wochengeld holen von dem Maser,- was du zu bezahlen hast! Nein. Simon, noch nicht! Erst will ich alles verkaufen, mein bißchen Silberzeug, die Kissen aus meinem Bett — was will ich nicht tun! — Du ziehst die Hand ab von mir — Gott wird Helsen!" Derkalte Schweiß stand Simon auf der Stirn, als der Bruder mit diesen Worten aus der Tür ging. Aber das Gute in ihm hatte nicht die Macht, Mortche zurückzurusen. Er wollte Mortches Gläubiger nicht bezahlen; er wollte ihn Konkurs machen sehen: er wollte selbst der Erste in der Familie sein'und dann selbst.nach „seinem eigenen freien Willen" helfen. Trotz jener starken Worte glaubte' der Bracher doch nicht, daß alles zu Ende sei. Er verließ sich auf die Schwester. Aber Gittels leidender Zustand hatte sich verschlimmert, der Schmerz machte sie stumpf, und sie wurde gewissermaßen, was Mortche nicht'voraussehen konnte, ein Werkzeug gegen ihn; denn die Teilnahme mit Gittel und die Besorgnis um sie waren ein neuer und heimlicher Entschüldigungsgrund für Simon mit Bezug aus den Bruder. Wenn er sich so vollständig, wie er es tat,-ihrer annaym, konnte er den Kopf von zweifelhafteren Pflichten abwenden. Wer.es stand im Buche des. Schicksals geschrieben, daß Simon gerade da erinnert werden sollte, wo er vergessen wollte. Es wurde an Gittel nichts gespart; sie hatte nicht nur einen der berühmtesten Aerzte der Stadt, sondern die'besten jüdischen Pflegerinnen. Bor dem Hause wurde die Straße-mit Stroh belegt, damit sie schlafen konnte. Jedesmal, wenn Simon aus seinem Hause trat, tat es ihm bitter weh, daß -Gittel nicht selbst sehen könne, daß sie in ihrer Krankheit wie eine Prinzessin gehalten, wurde.- Die Stille, welche die Wagen plötzlich in der. Nähe des Hauses annahmen, hatte säst etwas ebenso Feierliches wie die Fürbitte in der Synagoge. Aber ihre Krankheit Verschlimmerte sich, und der Arzt erklärte, daß er zu einer Operation schreiten müsse. „Ist Gefahr damit verbunden?" fragte Simon. Der Arzt antwortete: „Wir stehen ja alle in Gottes Hand; aber eine eigentliche unmittelbare Gefahr sehe ich nicht. Aufschieben hätte keinen Zweck; ich komme bald nach Mittag." Als er mit seinen Instrumenten wiedergekommen war und sie zurechtgelegt hatte, bemerkten Simon Levis scharfe Augen, daß er das Zeichen des Kreuzes über ihnen machte. Trotzdem man im täglichen Leben sehr selten Gelegenheit hat, dieses Zeichen machen zu sehen, erkannte Levi es doch fast instinkt- .mäßig und nahm an, daß der Arzt um den Ausfall der Operation besorgt wäre. Er sagte mit gespitztem Mund, der einschmeichelnd und ein bißchen maliziös aussah: „Entschuldigen Sie, Herr Professor, Se haben ein kleines Kreuz über Ihre Messer gemacht. Sind Sie böse, wenn ich frage: Was soll das bedeuten?" Der Professor hatte ein beinahe peinliches Gefühl; in seinem Stande pflegt man keine Religiosität zur Schau zu tragen und am allerwenigsten mit den religiösen Gefühlen anderer in Konflikt zu geraten. Er antwortete sanft und beinahe entschuldigend: „Sie müssen sich deswegen, nicht ängstigen und mir's auch nicht übelnehmen, Herr Großhändler. Das ist nur ein Zeichen, das ich im Namen meines Gottes zu machen pflege, wenn die Gesundheit und vielleicht das Leben eines anderen Menschen von meiner Hand abhängen." „So . . -. ein Zeichen . . . im Namen Ihres Gottes . . . Herr Professor . . ."sagte Simon in einem Tone, der dem Arzt wie .dumme Höflichkeit klang. „Wollen Sie nicht einen. Augenblick warten, Herr Professor? Wollen Sie so gut sein, einen Augenblick zu warten?" fügte er gleich darauf hinzu und ging in sein Zimmer. ' Er begann mit einer Unruhe aus. und ab zu gehen, als ob er ein Versteck suche, während .er vor sich hinredete: „Was is Üo mehr? -Was is schon los? Simon, sei kein Narr! Nischt is los! Er is ein tüchtiger Mann! Naarischkeiten! Ich kann ruhig sein. Ich Hab das Meinige getan. Nu, er hat e Zeichen gemacht! Was is e Zeichen? E Zeichen kann man bald machen. Das kostet nischt! Kann man de Krankey kurieren mit Zeichenmachen, würd's nischt viel Apothekers geben. Un was geh's mich an? 's' Zeichen " macht nischt geschmad? Aber 's hat mer nischt gefallen, wie ichs Habgesehen . . . 's ho.t mer nischt gefallen! . . .'s macht mer Angst! Ich Hab' Angst!. . 's is gewesen, als ob noch einer mehr in de Stub gekommen is. Un.wer is gekommen? Cr sagt, es is sein Gott! Kemech! Wenn es is der richtige Gott, is es doch m e in Gott! — Adaunoi Elauheinu, wenn du's gewesen bist, un de würdest stehen un zusehen, daß se an meiner Schwester Gittel zerrten un rissen un schnitten, um se gesund ze machen, un der Bal Hamoves stünde draußen, und du würdest sagen: Warum bekohlt ihr Bruder Simon mir nischt das Geld, was er mer schuldig is? . . Schema Jisroel, ich kann's nischt aushalten, de Stub dreht sich um mich . . . Wieviel bin ich schuldig? Naarischkeiten mit e Legat nach meinem Tod! Wenn er sein Geld haben un'Gittel gesund machen will, muß üch bei Lebzeiten bezahlen! ^-Wieviel is es?" Er öffnete eine Schublade, holte Papiere hervor und begann zu rechnen; mit großer Sorgfalt, allerdings ganz mechanisch, denn er kannte ja das Fazit, und es galt nur, einen Entschluß zu fassen. ' Der Arzt öffnete die Tür, sah mit Verwunderung oder Staunen, daß Siinon Levi sogar in einem solchen Augenblick über den Papieren saß Und rechnete und sagte: -,Verzeihung, Herr Großhändler, aber ich kann nicht gut auf Sie warten, besonders, wenn Sie viele wichtige Geschäfte haben." „Wichtige-Geschäfte? Das is ein wichtiges Geschäft! Wichtiger, als Sie glauben! Ich komm'schon!" Erkniff die Augen und fast das ganze Gesicht fest zusammen und sagte: „Nu is es gemacht!" Darauf ging er zur Schwester hinein und sagte: „Gittel, mein Schwesterleben, lass'n jetzt herankommen, im Namen Gottes des Allmächtigen. Ich sage dir, de wirst gesund." „Wie kannst du das so bestimmt sagen?" sragte Gittel sanft und zitternd vor Angst, indem sie sich bereitmachte. „Wie. soll ich's der sagen? Hör' zu, Gittelche, leg' deinen Kopf herauf. So . . ." Und ihr ins Ohr flüsternd, sagte Simon Levi: „Ich Hab' Maser bezahlt. Dein Bruder Mortche soll die. 20 000 . Taler haben, er soll der Erste sein. Ich bin se Gott schuldig, er wird dabei sein — wenn auch nich so viel — aber er soll se haben. Alle zwanzigtausend. Deinetwegen. Nu brauchste keine Maure ze haben, Gittelche, un ich Hab' auch keine Maure." „Simon," sagte Gittel, „Gott soll dir benschen, Gott soll dir segnen." . Von der Zeit an wurde Simon Levi viel glücklicher als zuvor; er hätte ein . friedliches Gemüt, war aus seine Weise munter und witzig im täglichen Verkehr, sanft und wohltätig, so daß er sich einen.guten Namen erwarb. Er gelangte auchzu Ansehen, wenn auch nicht in einem großen Kreise. Als. die Angelegenheiten des Bruders geordnet waren und das Geschäft wieder gut und solider war als zuvor, heiratete der Sohn Frederik Rikke Jacobsen. Es war eine große Hochzeit, und als Simon die Braut im weißen Schleier unter der Chuppe betrachtete und sah, wie sein Bruder lustig das Glas zertrat und seine Schwester und die Leute umher geputzt und feierlich gestimmt waren, und er dann daran dachte, daß dieser schöne Anblick zu einem nicht geringen Teil sein Merckwar, da schloß, er die Augen und sagte: Ich danke dir, allmächtiger Gott dafür. |faaüsa< ■■■I ..";