Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- Seite 70 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Landschaft kann ich nicht mehr andalusisch nennen. Da-, für ist die Bettelei bei dem Stationsaufenthalt geradezu.widerlich. 8—10 jährige Mädchen stecken von beiden Seiten den Kopf in den Wagen und. betteln um Zigarrenstümmel. Ich stieg im Hotel Suizo ab; dasselbe ist sehr gut. Ich freute mich, eine bekannte Berliner Tageszeitung, das „Berliner Tageblatt"', dort vorzusinden. Abends machte.ich eine Promenade zum Paseo del gran Capitain.; Es ist ein länglich schmaler Platz mit verschwenderischer Beleuchtung; in der Mitte ist eine Passage für Fußgänger, an den Außenseiten lassen sich die Damen im Wagen herumsahren und bewundern. Cordova, früher der Mittelpunkt maurischer Herrschaft und eine der reichsten Städte in Europa, ist heute eine heruntergekommene Größe. ' Kleine Plätze, holprige Straßen, die so-eng sind, daß man in ein Patio (Haussliw) flüchten muß, wenn ein.Wagen ankommt. , . . ' In erster Linie Habe ich Cordova besucht, um Spuren der Synagoge und des Geburtshauses des berühmten Moses Maiinonides, der hier 1135 geboren wurde, auszufinden. Diesem Großen in Israel widmete ich. zunächst meine Aufmerksamkeit. ' Der Führer, ein Studiowie. er sich nannte, dem ich meine Wünsche vortrug, verstand mich nicht, hatte den Namen Maimonides nie gehört und gab der Fülle seines Wissens dahin Ausdruck, daß seit der Jsabella de Catvlica Juden in Spanien nicht mehr existieren. Ich ließ mich zu einem sogenannten Gelehrten führen, -leider hatte ich ihn nicht angetroffen. Diesen Feststellungen galten hauptsächlich meine Vorbereitungen vor Antritt der. Reise. Trotz tropischer Hitze habe ich Mühen, Anstrengungen nicht gescheut; um diese Stätten zu ermitteln, und betrübten Herzenshabe ich von weiterem Forschen Abstand nehmen müssen. Zu meiner großen Freude fand ich später in einem Artikel der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" von Margarete Marasse die Notiz, daß es in Cordova!eine Calle Maimonides gibt, die zu den Resten der ehemaligen Synagoge führt. Der Baedeker schweigt darüber. In . dieser trümmerhasten' Stadt ist die Sehenswürdigkeit die Moschee, die größte und erhabenste Schöpfung der Mauren auf dem Gebiete der religiösen Baukunst in Spanien. Die Außenmauer macht allerdings einen verfallenen und verlassenen Eindruck. Beim Eintritt aber wird man verwirrt durch . die Menge von Säulengängen und Säulen, die auf 860 Stück angegeben werden. Langsam nur gewöhnt sich das Auge an das geheimnisvolle Dunkel. Dieser Tempel ist von den maurischen Herrschern oftmals umgebaut und stets erweitert worden. Vieles ist durch den Einbau einer katholischen Kirche zerstört. Der künstlerische Höhepunkt ist die Gebetnische des Kalifen, der Mihrab. Arabische Schriftsteller berichten, daß 280 Kronleuchter und 7425 Lampen ohne Unterlaß brannten. Es muß ein eigenartiger Anblick gewesen sein, bei der Beleuchtung auf allsgebreiteten Teppichen Tausende von betenden Mauren zu sehen. Ich schloß mich einer englischen Gesellschaft an, die den Domschatz besichtigen wollte. Eintritt 3 Pesetas. Das Gewölbe, das ausgefüllt war mit Kelchen, Kruzifixen, Weihrauchpfannen, Monstranzen, die der Schilderung nach aus echten Metallen bestehen, repräsentiert Millionenwerte. Hier Und in den zahlreichen Kathedralen, Klöstern liegt das tote Kapital und ist zum guten Teil die Ursache des wirtschaftlichen Niederganges in Spanien.' Nun zum Glanzpunkt der Reise: Granada, der Alhambra, Sierra Nevada. Vor der Abfahrt machte mich der Führer! aufmerksam, daß ich mir etwas zu essen mitnehmen'solle, und er bestand darauf, trotz meines Einspruches, daß in Bobadilla, einer großen Kreuzungsstation, das Mittagessen eingenommen werden könne. Alle Mitreisenden verproviantierten sich, und auch ich ließ mir den Eßkober mit Broten füllen. Als Mundvorrat', bestellte ich Käsebrote,' bekam aber Wurst bzw. etwas Aehnliches. Die Versorgung war sehr angebracht.; Da der Rapido an diesem Tage nicht ging, mutzte ich einen außergewöhnlich schlechten Zug benutzen. Um 11 Uhr vormittags sollte er abgehen, ein Viertel vyr 12 setzte sich der gut besetzte Zug in Bewegung. (Schluß folgt.) Ij|a|iggggg (Nachdruck verboten.) Von Mei'r Goldschmidt. Deutsch von Ida Anders. (Schluß.) ald darauf brachte Mortche die Aufstellung, die Simon verlangt hatte. Sie war von zwei zuverlässigen Männern unterschrieben und lief darauf hinaus, daß das Haus M. Levi unter den gegenwärtigen Verhältnissen 20 000 Taler brauche. .Simon schrie laut auf, wie unter dem Einfluß körperlicher Schmerzen. Teils erschien die Summe ihm zu groß, terls hatte sie in ihrer Größe eine unheimliche Aehnlichkeit mit jen^er Summe, die er als Maser hätte bezahlen müssen, von der er aber nur Die Zinsen bezahlte. Er hatte mehr bezahlt als die Zinsen; außer den. Summen, die wir schon kennenhatte er allmählich auf dem Gebiete der Wohltätigkeit nicht wenig Hinzugesügt. Er hatte zufolge der. doppelten oder zweideutigen Buchführung, die er vorgezogen, und die ihm zur Gewohnheit geworden war, dem lieben Gott einen, ansehnlichen Vorschuß gegeben, und trotzdem wurde nun die ganze Summe von ihm verlangt, Maser von den ganzen 200 000 Talern. Es lag hierin etwas merkwürdig Aufreizendes, und es spornte ihn zum Widerspruch an. Das Ganze schien ihm eine Verschwörung zu sein, bei der man sich leise in den Bart lachte, und ihn zum Fußschemel seines Bruders machen wollte. Es lag etwas Eigenartiges, nicht eigentlich Ungerechtes, aber Listiges hierin, was das Böse in seinem Charakter an die Oberfläche trieb: unter Zwang und auf diese Weise wollte er nicht Gutes tun. Trotzdem er seinen Entschluß gefaßt hatte, las er doch die Papiere anscheinend mit großer Aufmerksamkeit durch und sagte endlich: „Das is klar un durchsichtig wie de Sonne: 20 000 Taler für.deine Gläubiger!" „Ja," sagte Mortche, „aber dann hat man auch die Aussicht, daß alles ausstehende Geld wieder einkommt." „Aussicht? Ja —heißt Aussicht. —Un wenn's nischt einkommt? Un wenn das Haus M. Levi unterdessen spekuliert un wieder in de Unterbilanz kommt? Nein, Mortche, du bist mein Bruder, un was ich dir für Gefallen tun kann, will ich tun. Aber deine Gläubiger bezahl' ich nischt." „Aber, Simon, dann mach' ich doch Konkurs." „Nu, machste Konkurs! Haben schon größere Häuser Konkurs gemacht!" Vergebens malte der Bruder aus, was es für die ganze Familie für ein Tort'sein würde. Wenn er in Konkurs geriete; vergebens wies er daraus hin, daß die Heirat seines Sohnes dadurch wahrscheinlich in die Brüche ginge. — Simon hatte sein Nein gesagt und fügte nur hinzu: - „Weil du Schulden machst, soll ich bezahlen! Weil Ball sein soll, muß auf mein' Kopf getanzt werden. Na,' nit! Nu laß alles rein gefegt wer'n! Se wer'n inzwischen -nischt mit Rikke Jacobsen davonlausen, un Hab ich 'n bißchen, werd auch 'n bißchen für deinen Sohn. Frederik da sein!"