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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-02-07 · Heft 6 (7.2.1913) · p. Seite 68

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 6 (7.2.1913)
Date
1913-02-07
Page
Seite 68 (sequence 8)
Language
German
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nach der Stärke, der Wärme seines religiösen Empfindens, so modern wiederum in seinen Anschauungen in den Fragen des sozialen Lebens. Man hat vielfach die Beobachtung gemacht, daß der konservative Jude ein desto eifrigerer Beförderer sozialen Fortschritts ist. Ich habe allezeit bei ihm den Eindruck gehabt, daß er nicht minder durch sein unentwegtes Eintreten für seine religiösen- Prinzipien, die er nirgends verleugnet hat, als durch sein soziales Wirken als Chef einer Großhandlung, als Mitglied von Handels- und Eisenbahnkammern, als Stadtverordneter, zu. dem allen er eine hohe kaufmännische Begabung mitgebracht, dem Namen des badischen Juden Ehre und Ansehen nach oben und unten, bei Behörden wie in der Bürgerschaft verschafft hat. Um eben dieser Eigenschaften willen aber war er auch einer der sympathischsten Menschen innerhalb seiner Glaubensgenossenschaft, und das selbst den Orthodoxen gegenüber; er war eben kein Fanatiker, am wenigsten ein Fanatiker des Unglaubens. Man muß, wie ich, den Mann im Gottesdienste, sein Midraschbuch in der Hand haltend, gesehen habeit. lieber seine Vertrautheit mit jüdischem Schrifttum, bis auf rabbinische Texte hin,, ist bereits von anderer Seite gesprochen worden. Rechnet man noch dazu, daß dies derselbe Mann gewesen, der in seinen Mußestunden, an Sabbatnachmittagen mit seinem Freunde, seinem Rabbiner Dr. A. Schwarz, den Kant las, und man hat da noch einmal die Vereinigung von Dingen, wie sie sonst nur vereinzelt bei Menschen unserer Zeit angetroffen werden, die verbunden das Geheimnis eines bedeutenden Menschen unserer Tage ausmachen. Ich kann nicht schließen, ohne zuvor noch der echt abrahamilischen Gastfreundschaft mit einem Worte gedacht zu haben, die in Leopold Ettlingers Haufe eine Pflebstätte gefunden, durch ihn unb seine hochgesinnte, feingebildete, noch lebende Gattin, die einen Hauch von dem verspüren läßt, was man jüdischen Adel, jüdisches Patrizierhaus nennt. T r c i t e l, Laupheim. Dr. Vt rilimk, geft. am 1. Oktober 1912. Hermann Mund geb. 3. Februar 183Y, geft. t. Oktober 1Y12. Oftn 1. Oktober 1912 starb zu Berlin Hermann Munk, einer H der größten Hirnphysiologen aller Zeiten. Am 3. Februar 1839 zu Posen geboren, erwarb er sich schon als sechzehnjähriger Jüngling das Zeugnis der Reife. Er studierte Medizin in Berlin und Göttingen. Im Jahre 1859 zum Dr. med. promoviert, habilitierte er sich 1862 als Privatdozent in Berlin und wurde bereits 1869 ebenda zum außerordentlichen Professor der Physiologie ernannt. Er übernahm 1876 den ordentlichen Lehrstuhl der Physiologie und das physiologische Laboratorium der Tierärztlichen Hochschule (damals „Tierarzneischule") zu Berlin; 1880 wurde er ordentliches Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften,- 1897 ordentlicher Honorarprofessor an der Berliner Universität. Nach dem Ende 1896 erfolgten Tode E. du Bois-Nehmon'ds war er von der-Berliner medizrnischen Fakultät, in erster Linie für den freigewordenen Lehrstuhl in Vorschlag gebracht worden. Nur' aus konfessionellen Rücksichten unterblieb seine Berufung. Im Jahre 1908 legte er sein Lehramt an der Tierärztlichen Hochschule nieder; Munk hatte an den Kriegen 1864, 1866 und 1870/71 teilgenommen, sich dabei vielfach ausgezeichnet und war wiederholt durch Kriegs-- dekorationen (Eisernes Kreuz usw.) ausgezeichnet worden.: Seit 1900 hatte er den Charakter als Geheimer Regierungsrat. Als Schüler Johannes Müllers in den großen Traditionen der Berliner Physiologie ausgewachsen, hatte sich Munk bereits in jungen Jahren durch Forschungen zur allgemeinen Nervenphysiologie, über das Wesen der Nervenerregung u. a. m. einen wissenschaftlichen Namen gemacht. Als ihm der neuerrichtete Lehrstuhl der Physiologie an der Tierärztlichen Hochschule zu Berlin übertragen wurde, wandte er sich sofort dem Forschungsgebiet zu. das damals die ganze wissenschaftliche Welt in Atem hielt, der Erforschung der Großhirnfunktiou. Durch die Entdeckung von Fritsch und Hitzig, daß bestimmte Stellen der Hirnrinde auf den elektrischen Reiz mit bestimmten Bewegungen antworten, war der Bann gebrochen, der seit Flourens' Zeiten die Hirnphysiologie umschlossen hielt und in der Vorstellung gipfelte, daß der gesamten Hirnrinde eine gemeinschaftliche unteilbare Funktion zukäme. Hier griff Munk mit seiner Tätigkeit ein, und in rascher Folge entstanden seine weltbekannten Arbeiten, in denen er für die gesamte Großhirnrinde Sittnessphären aufstellte und durch exakte Tierexperimente belegte. Vor allem die genaue Einteilung der Fühlsphäre mit ihren Vertre- - tungen für die Kopfregion, Arm, Bein und Nacken, dann die Feststellung der Sehsphäre im Hinterhauptlappen mit einer Projektion der Netzhauteindrücke auf bestimmte Rindenpartien und dem eigentümlichen, für die »Klinik so wichtig gewordenen Bilde der Seelenblindheit und, ihr an die Seite tretend, die Verlegung in den Schläfenlappen sind Großtaten seiner Forschung. Als die Einführung der Asepsis in die operative Technik eine immer genauere und feinere Ausgestaltung des Tierversuchs gestattete, hat Munk durch die Unterscheidung der isolierten, von der Großhirnrinde abhängigen Bewegungen von den in tieferen Hirnzentren ausgelösten, lediglich der Fortbewegung dienenden „Gemeinschaftsbewegungen" (Gehen, Klettern usw.) und in seinen Arbeiten über die Entstehung der Kontrakturen auch für die menschliche Pathologie wesentliche Fortschritte herbeigeführt. Endlich sind hier seine Arbeiten über die Funktion des Kleinhirns, dieses so lange rätselhaften Organs, zu nennen, in denen er das Kleinhirn als das Zentralorgan für unbewußte, koordinierte Gemeinschaftsbewegungen und für die feinere Gleichgewichtsevhaltung. aufstellte. Nicht ohne Kampf vermochte Munk diese feine Lehren zum Siege zu führen. Er hat selbst noch die Genugtuung erfahren, daß die feinere Hirnanatomie, die zur Zeit seiner ersten Versuche noch kaum entwickelt war, in ihren neuesten, mit den verschiedensten

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