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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-02-07 · Heft 6 (7.2.1913) · p. Seite 66

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 6 (7.2.1913)
Date
1913-02-07
Page
Seite 66 (sequence 6)
Language
German
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66 Wir glauben, auf diese Weise dazu beizu tragen, das gute Verhältnis zlvischen Inden'und-Nichtjuden und zwischen den Juden und deir Behörden zu kräftigen. . Politische Besprechungen. . DieDurchführung unserer Pläne und unserer Hilfsaktion ist in den jetzigen Zeiten und Verhältnissen'zweifellos nur erreichbar, insofern die bulgarische Negierung uns ihre Unterstützung und ihr Wohlwollen zu gewähren bereit ist. Insbesondere ist eine Reise in - die eroberten Gebiete, um nur eines hervorAheben, nicht durchführbar, wenn nicht die Militär- und, Zwilbehörden eine ausdrückliche und besondere Erlaubnis hiechu gewähren. Seitens der serbischen Regierung Haben wir diese Erlaubnis.durch Vermittlung des deutschen Gesandten für die, deutschen, durch Vermittlung des englischen Gesandten für das englische Mitglied unserer Kommission erhalten. Von der bulgarischen Negierung, mutzten Erlaubnisscheine seitens des Ministers des Innern und des Kriegsministers 'eingeholt werden. Bei dieser Sachlage war es geboten, mit den Ministern, und wenn möglich,, mit dem König sowie auch mit der Königin, die alle Humanitären, Bestrebungen unter ihre Patronage genommen hat, in unurittelbare Beziehung zu treten. Wir haben Unterredungen gehabt mit dem Handelsminister, der den abwesenden Finanzminister vertritt., Wir erlangten von ihm die Zusage, daß er, wenn nur irgend möglich, die vom Ausland einzuführeuden Waren zollfrei lassen werde. Dann mit dem Eisenbahnminister, der uns ermäßigte, Tarife für' die Beförderung der Waren und beschleunigten Transport an den Bestimmungsort /zusagte. Der Minister des Innern, bei dem wir gleichfalls waren, hat uns gemeinsam mit dem Kriegsminister Passierscheine sür alle eroberten Gebiete ausgestellt, in denen die Behörden gleichzeitig ausgesordert werden, uns größtes Entgegenkommen zu beweisen. Schließlich waren, wir beim Ministerpräsidenten (und Minister des Aeußern) Geschow. . Am Donnerstag abend um 7 Uhr hatten, wir zusammen mit Dr. Ehrenpreis eine Privataudienz bei der Königin. Sie empfing uns außerordentlich wohlwollend und liebenswürdig, und gab uns in einer halbstündigen Audienz sür unsere Arbeit,^ die sie in jeder Weise zu unterstützen versprach, schätzenswerte Anregungen und Winke. .. Es sei auch erwähnt, daß sie sich sehr lobend über-den Patriotismus und den Opfersinn der bulgarischen Juden ausgesprochen hat, und Herrn und Frau Rabbiner Dr. Ehrenpreis mehrmals besonders lobend erwähnte. Aiu Schluß der Audienz kain auch seitens der Königin die rumänische Judenfrage zur Sprache. Sie sprach freimütig und human über die Verhältnisse. Am Freitag wurden wir (wiederum Dr. Ehrenpreis, Dr. Nathan, Etkau Adler und Dr. Kahn) vom. König in Audienz empfangen. Auch beim König war der Empfang überaus freundlich und wohlwollend. Der Monarch unterhielt sich mit uns über eine Stunde in sehr angeregtem Gespräch. Wir setzten auch ihm, wie der Königin, die Aufgaben auseinander, die die vereinigten jüdischen Organisationen gegenüber den Opfern des Krieges erfüllen wollen. Er dankte und versprach seine volle Unterstützung. Besonders interessierte den König das 'Schicksal Adrianopels. Er legte der Tatsache, daß fast ein Viertel der Bevölkerung Adrianopels aus Juden bestehe, große Bedeutung bei. Die Angaben über die Einwanderung der seinerzeit vertriebenen Juden aus Spanien und Portugal nach der Türkei, die Beibehaltung ihrer Sprache usw. schienen ihm von großem Interesse zu sein. Der König versicherte wiederholt, daß alle Juden in seinem Reiche aus. sein Wohlwollen rechnen könnten und völlig' gleichberechtigtbehandelt werden und behandelt werden sollen. ■ , * Unsere Aufgabe in Sofia.ist erledigt. Wir kommen zum zweiten Teil unserer Ausgabe, die uuw. auf das Gebiet des Kriegsschauplatzes selbst führt, wo wir mehr als bisher die Verheerungen und AuZschreitungen während des Krieges mit eigenen Augen sehen werden, und unsere Eindrücke und Informationen in Sofia persönlich nachprüfen können. Die Weltsnlchsuung des Judentums. Venter diesem Titel ist von Rabbiner Dr. Lud w i g Pick, JL'f dem bewährten langjährigen Mitarbeiter an dieser Zeitung, soeben ein Buch erschienen^, das in hohem Maße die Aufmerksamkeit weiter Kreise verdient. Nicht bloß, weil es eine stattliche Anzahl neuer lehrreicher Momente bietet, zur Illustrierung der jüdischen Weltanschauung manche bisher nur wenig berücksichtigte Quellen der. Weltliteratur mitteilt, sondern und hauptsächlich deswegen, weil die Form der Darbietungen, selbst wo es sich um die Lösung weltbewegender Fragen, der schwierigsten wissenschaftlichen Probleme handelt, - eine so leicht faßliche und allgemeinverständliche ist, daß die Lektüre des Buches sich zu einem wahrhaft seelischen Genuß gestaltet. Schon in der „die Grundzügedes Judentums" überschriebenen Einleitung weiß der Verfasser den Goetheschen Ausspruch: „Daß die Lehre des Judentums durch eine Stusenreihe irdischer und geistiger Erkenntnisse bis in die entferntesten Regionen der Ewigkeit hinausführt", geschickt anzuwenden, um auf ihm weiterbauend, die treibenden Kräfte in der Entwicklung des Judentums mit Meisterhand zu zeichnen. Man kann dem Verfasser nur zustimmen, wenn er sagt: Wüßte man nicht, von wem dieser Ausspruch stammt, so könnte man, ihn als von einem der alten mit Perspektiven: Geist begabten jüdischen Propheten oder einem der erleuchteten jüdischen Religionsphilosophen des Mittelalters getan, halten. Tatsächlich trifft Goethe mit diesem, seinem bisher wenig beachteten Ausspruch, wie kaum ein anderer, den Kern des Judentums und führt uns zugleich, wie der Autor richtig bemerkt, zu dem Standpunkt Epor, von welchem aus das Judentum seine umfassende Welt- und Lebensanschauung gewonnen hat. Es ist der Standpunkt irdischer und geistiger Erkenntnisse, der Natur und Geist, Realismus und Idealismus in einem richtigen Verhältnis miteinander verbindet, jede Einseitigkeit vermeidet und den Menschen in seiner Ganzheit mit allen ihm innewohnenden Grundkosten sorgfältigst berücksichtigt. Diese Kräfte bewegen sich zwar frei innerhalb ihrer Grenzen, aber vereint wurzeln sie in dem Boden der Moral. — Der Verfasser weist darauf hin, wie das Judentum durch die Annahme eines einzigen gemeinsamen Urvaters des ganzen Menschengeschlechtes und die Verkündigung einer künftigen Vereinigung und Verbrüderung aller Erdenvölker den Grundriß eines kulturellen Weltplanes für die Geschichte der Menschheit zeichnet, und kommt sozu dem Ergebnis, daß das wahre Wesen des Judentums folgende drei Prinzipien bilden: 1. das einheitliche Menschengeschlecht; 2. die einheitliche Moral; 3. die einheitliche Religion. Freilich sind diese Gedanken nicht neu, am allerwenigsten denjenigen, die die Quellenschriften des Judentums kennen;, aber die Art, wie der Verfasser die seinen Ausführungen zugrunde liegenden Prinzipien beleuchtet, hat entschieden Anspruch auf Originalität und verdient besondere Anerkennung durch die plastische Form der Darstellung, die den Leser in ihren Bann zwingt und zum Nachdenken anregt. . . i Außerordentlich wertvoll sind, wie ich schon oben bemerkte, die vom Verfasser zur Bekräftigung der jüdischen Weltanschauung mitgeteilten Auslassungen nichtjüdischer Schriftsteller und Denker aus der Weltliteratur, von denen nur wenige hier folgen mögen: „Im Kapitel, „Stellung, zum Darwinismus", S. 15, zitiert der Verfasser aus Genesis 2, 7: -,Und der Mensch ward zum lebendigen Wesen", die Übersetzung des Onkelos: nnb DlKD mm „Und sie (die denkende Seele) wurde im Menschen zum sprechenden Geist", und verweist dabei aus den Sprachforscher Max Müller, der ebenfalls sagte: Es sind keine anatomischen Hindernisse, welche das Tier nicht zum. i) C. Boas Nachf., Verlagsbuchhandlung. Berlin, 1912. ,

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