Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- Seite 65 (sequence 5)
- Language
- German
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65 suchungen seststellen konnten. Diese erfreulichen Resultate lassen erkennen, daß das Verhalten der serbischen Zivil- und Militärbehörden unseren Glaubensgenossen gegenüber ein außerordentlich gutes ist. Aus Schritt und Tritt begegneten wir denr besten Einvernehmen Zwischen Juden und Behörden, zwischen Juden und der übrigen Bevölkerung. Jüdische Gemeinden und Private sind stark genug, um etwaige Schädigungen durch den Krieg aus eigener Kraft gutzumachen. Wir reisten in der zuversichtlichen Hoffnung ab, daß die serbische Regierung auch die türkischen Gefangenen jüdischen Glaubens jeden-Augenblick freilassen wird gegen die Sicherheit, daß sie nicht wieder gezwungen würden, gegen die Balkanstaaten zu kämpfen. Zu der eventuellen Repatriierung dieser gefangenen jüdischen Soldaten (etwa 50 bis 60 an der Zahl) war Herr S. Molcho als Vertreter aus Saloniki nach Belgrad gekommen, mit dem wir die nötigen Besprechungen^ hatten. . Bulgarien. In der Nacht vom 13. auf den 14. Januar, der hiesigen Neujahrsuacht, reisten wir nach Sofia. Die Bahnstrecke war überall militärisch besetzt. Wir kamen am 14. Januar gegen 11 Uhr (statt fahrplanmäßig 7 Uhr) morgens in Sofia an. Am gleichen Tag um 5 Uhr nachmittags hatten wir eine offizielle Sitzung im Hause des Grvßrabbiners Dr. Ehrenpreis, die von Berlin aus bereits telegraphisch vorbereitet war, mit dem Zentralkomitee für Bulgarien. Dazu waren neben den Vertretern aus Sofia auch Vertreter ans Philippopel und Rustschuk erschienen. Eine Zweite Sitzung fand am folgenden Tage statt. In der Zwischenzeit prüften wir das vorliegende Material, das, wie sich herausstellte, ganz entsprechend der vom Hilfsverein bereits vor Wochen gegebenen Anregung von Herrn Dr. Ehrenpreis in sehr geschickter und sachlicher Weise zusammengebracht worden war. Nur bei dieser minutiösen Vorarbeit war es möglich, in verhältnismäßig kurzer Zeit die ganzen Angelegenheiten zu regeln. Einsetzung eines Zentralkomitees in Sofia. Während wir in Serbien von der Einsetzung eines besonderen .Komitees Abstand nehmen konnten,' setzten wir in Sofia ein Zentralkomitee ein. Wir hatten keinen Anlaß, irgendeine Aenderuug an dem bestehenden, spontan gebildeten Zentralkomitee, das unter dem Vorsitz von Dr. Ehrenpreis bereits so Hervorragendes geleistet hat, vorzunehmen und bestätigten daher dieses Komitee, das der. Union des Associations Jsraelit.es unterstellt wird. L o k a l k o m i t e e s. Dein Zentralkomitee unterstehen die in ganz Bulgarien und in den okkupierten Gebieten, soweit eine Verbindung mit diesen bisher herbeigeführt werden konnte, schon eingerichteten Lokalkomitees, die wir gleichfalls bestätigten. Eine genaue Liste fügen wir dem nächsten Bericht bei. Wirkungskreis des Zentralkvmitees. lieber den Wirkungskreis des Zentralkomitees konnte man verschiedener Meinung sein. Man kann den Wirkungskreis entweder nach den geographischen oder nach den politischen Verhältnissen abgrcnzen. Wir entschieden uns für das letztere, da unsere Komitees nur dann wirksam arbeiten können, wenn in den jetzigen schweren Zeiten die Zivil- und Militärbehörden ihnen ihre Unterstützung leihen. Art unserer Hilfe. Generell wurde von uns erklärt, daß nur in den vom Krieg nicht berührten Gebieten, die sich in Not befinden, nur su b s i d i ä r helfend eingreifen können, nur dann, wenn sowohl die politische Gemeinde wie die jüdischen wohlhabenden Glaubensgenossen selbst entsprechende Zuschüsse machen. Das Zentralkomitee legte uns völlig glaubhaft dar, daß in Bulgarien tatsächlich die Hilfeleistung auch in dieser Weise gehandhabt wird. - Es wurde uns nachgewieseu, daß man bisher säst ohne Hilfe von außen ausgekommen sei. Für den Monat Januar (julicmischer Kalender) seien aber die einheimischen Mittel erschöpft, für ganz Bulgarien ist für diese Zeit ein Betrag von 60000 Frank notwendig. Davon sind von den verschiedenen eingegangenen Geldern von auswärts noch vorhanden 30 0OO Frank, 20 000 Frank sollen in Bulgarien aufgebracht werden. Wir fanden es nach Lage der Verhältnisse für richtig, die restlichen 10 000 Frank zu bewilligen. In den eroberten Gebieten liegen die Verhältnisse anders, die .Wunden des Krieges sind schwerer, die örtliche Bevölkerung ist selten in der Lage, ihrerseits etwas Wesentliches beizusteuern. Wir bewilligten für diese Gebiete, soweit Bulgarien sie okkupiert hat, vorerst einen Dispositionsfonds bis 5000 Frank. Für das ehemalige Bulgarien (also mit Ausschluß natürlich der eroberten Gebiete) halten wir mit unserer Bewilligung die Hilfsaktion für ganz oder doch fast ganz, soweit w i r in Betracht kommen können, abgeschlossen, vorausgesetzt, daß der Krieg nur noch kürzere Zeit dauert, was anzunehmen. Nach Lage der Verhältnisse müssen wir aber die baldige Etablierung von Leih lassen, um der jüdischen Bevölkerung wirtschaftlich wieder auszuhelfen, seitens der I. C. A. aufs allerwärmste befürworten. Wir haben die Ueberzeugung gewonnen, daß unsere bulgarischen Glaubensgenossen in entsprechender Höhe sich finanziell an diesen Leihkassen sicherlich beteiligen werden. Adrianopel. Die Frage von Adrianopel mußte für sich allein behandelt werden. Wann die Stadt wieder zugänglich wird, läßt sich natürlich nicht mit Sicherheit sagen, immerhin kann das schon in verhältnismäßig kurzer Zeit eintreten. Es war nötig, in zweifacher Weise Vorsorge zu treffen. Einmal muß das, was in Bulgarien nicht erhältlich ist, aus dem Auslande schon jetzt herbeigeschasst werden; was hier zu bekommen ist, muß aagekauft und in die Nähe Adrianopels gebracht werden, dainit im Augenblick der Zugänglichkeit für die Kranken und Halbverhungerten sogleich Hilfe vorhanden ist. Wir hatten vielfache eingehende Beratungen mit Fachleuten, Kauslenten, Aerzten, Politikern und Personen, von denen vorauszusetzen ist, daß sie die- Lage Adrianopels gut kennen, um mit ihnen festzustellen, was nötig ist und in welchen Mengen. Insbesondere gab uns auch die Königin in der besonderen Audienz, die wir bei ihr hatten, beherzigenswerte Winke gerade für Adrianvpel. Die Kosten, die die Hilfe für Adrianopel erfordert, werden sehr bedeutend sein. Wir müssen nach allem, was wir erforscht haben, von den 25 000 Juden, die cingeschlossen sein dürften. 10 000 mit allen Lebensbedürfnissen für mindestens acht Tage unterstützen; leider läßt sich sagen, daß auch schwere. Krankheiten in Adrianopel Herrscher!, wahrscheinlich Erkrankungen der Atmnngswege, Typhus, Lungenentzündungen, Dissenterie, Pocken, vielleicht auch Cholera. Nach genauen Berechnungen brauchen wir an Lebensmitteln, Heizung, Kleidung usw. mindestens 5-2 000 Frank, ein Dispositionsfonds für unvorhergesehene notwendige bare Geldausgaben muß bereitgestellt werden;' wir bewilligten dafür 13 000 Frank. Da größter Mangel an Aerzten und Schwestern herrschen wird, haben wir bereits einen jüdischen Arzt vom russischen Roten Kreuz engagiert für 20 Frank den Tag, ferner haben wir zwei Krankenschwestern aus Berlin bestellt, die Medikamente, kondensierte Milch, Erbsmehl, und für Kranke und Schwache andere Dinge,- die in Bulgarien nicht zu haben sind, mitbringen. Wir rechnen für Arzt, Schlvestern, Medikamente sowie für Krankenpflege 10 OOO Frank. Es liegt weiter im Interesse einer schnellen Gesundung 'der Verhältnisse, sobald Adrinnopel offen ist, daß diejenigen, die nur durch die Belagerung vorübergehend in Not sind, so schnell wie möglich in den Stand gesetzt werden, wieder ihre Tätigkeit aufzunehmen, daß die aus anderen Orten Geflüchteten möglichst rasch zurückkehren, um die Stadt von Nichtansässigen zu leeren. Für diesen Zlveck halten wir eine Provisorische, nur für die Beseitigung der Augenblicksnot berechnete Leihkasse für notwendig, für die 20 000 Frank von uns bercitgestellt werden sollen, aber nur in dem Falle, wenn die wohlhabenden Glaubensgenossen in Adrianopel ihrerseits hinreichende Garantie für die Rückzahlung dieser Summe geben. Sollte eine solche Aendcrung der Kriegslage eintreten, daß man die angehäuften Lebensmittel überhaupt nicht nach Adrianopel hineinbringen bann, so sind diese doch zu benutzen, um statt Geld an die Opfer in Thrazien und Mazedonien verteilt zu werden. Außerdem wird nur der Bedarf für 2 bis 3 Tage sofort gekauft, also etwa ein Drittel 8er ganzen Summe, der andere Teil wird auf Abruf bereitgehalten. Arzt, Krankenschwestern und Medikamente sind auch außerhalb Adrianöpels für eine Zeitlang notwendig und verwendbar. Einstweilen sollen allerdings Arzt und Schwestern für Adrianopel zur Verfügung bleiben. Sollte es noch einige Zeit dauern, bis 2ldriauopel wieder offen wird, so haben wir uns entschlossen, diese drei Personen der Königin für Zwecke der Krankenpflege ohne Beschränkung aus die Juden einstweilen zur Verfügung zu stellen.