Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
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Herr Venizelos, der Chef der griechischen Friedensdelegation, versichert ebenfalls in einem Schreiben an den „Jewish Chronicle", daß die Juden in Griechenland in jeder Beziehung mit dem hellenischen Bevölkerungsteil gleichberechtigt sind und die griechische Negierung es mit den jüdischen Bewohnern der neubesetzten Gebiete ebenso halten werde. Bezüglich der Ausschreitungen in Saloniki sagte der Kabinettschef des Herrn Venizelos in seiner Unterredung mit dem Vertreter des „I. Ehr.", daß die griechische Negierung über die- Vorgänge in Saloniki anfänglich falsch unterrichtet worden sei (!), sonst Hütte sie gleich energische Maßregeln zum Schutze der jüdischen Bevölkerung ergriffen. Ein anderes Mitglied der griechischen Friedensdelegation, der Wiener Gesandte Dr. v. Streit, sagte dem Interviewer, der größte Teil der Berichte von den judensemdlichen Ausschreitungen der Griechen in Saloniki stamme aus tendenziöser türkischer Quelle. (!) In Wirklichkeit lebten Juden und Griechen in Saloniki friedlich nebeneinander. (!) Wenn die griechischen Staatsmänner glauben, durch derartige „Darstellungen" die Greueltaten von Saloniki sühnen und das Vertrauen der Juden gewinnen zu können, so werden sie sich gründlich täuschen. .Von einer Bestrafung der griechischen Pogromhelden in Saloniki hört man noch immer nichts. und auch die Londoner Friedensdelegierten Griechenlands haben sich über diesen Punkt gründlich ausgeschwiegen. Unter diesen Umständen erscheinen die feierlichen Beteuerungen von der Freiheits-, Friedens- und Gerechtigkeitsliebe der Hellenen sowie von den freundschaftlichen Beziehungen des griechischen Herrscherhauses zu einzelnen Juden als leere Redensarten, die niemanden über die judenseindliche Gesinnung weiter griechischer Volks- und Negierungskreise hinwegtäuschenkönnen. * Demselben Blatt geht nachstehende betrübende N a ch r i ch t aus Petersburg zu: Seit einiger Zeit hat hier ein Massenauszug jüdischer Familien eingesetzt, die sich nach dem sogenannten Ansiedluugsrayon begeben. Der Grund dieser Erscheinung liegt in der Verschärfung der Bestimmungen, die den Aufenthalt der Juden in der russischen Hauptstadt beschränken. In sämtlichen Stadtvierteln Petersburgs ist neuerdings das Wohnrecht der dort ansässigen jüdischen Kaufleute und Handelsangestellten „revidiert" und den neuen Vorschriften entsprechend eingeschränkt worden. Gleiche Vorschriften wurden auch für Finnland erlassen. ■ ' * ■ * Die „S t a a t s b ü r g e r z e r t u n g", die nach übereinstimmenden Mitteilungen in den letzten Zügen liegt, benutzt die wenigen ihr noch beschiedenen Tage, um immer von neuem gegen die Juden zu hetzen. In einem Artikel. „Sozialdemokratie und Judentum" macht sie das letztere für die Sünden der ersteren verantwortlich und schließt mit folgenden erbaulichen Sätzen: Jede Anormalität in der Preisgestaltung aus dem heimischen Lebensmittelmarkte beutet die Sozialdemokratie gegen die Agrarier aus, unter sorgfältiger Ausschaltung aller Atomente, die für die wirklichen Lebensmittelverteuerer, für die hebräischen Getreidespekulantcn und Viehkommissionüre belastend sein könnten. Wenn der deutsche Bauer einen ehrlichen Lohn für seine mühevolle Arbeit beansprucht, so ist das nach jüdisch-sozialdemokratischer Auffassung Wucher und iUrtub, wenn aber ein Bankhaus Rothschild in wenigen Tagen infolge eines „geschickten" Börsenschachzuges aus Kosten kleiner Existenzen Millionen in seinen unergründlichen Tresors verschwinden läßt, dann wagt es die rote Parteipresse nicht, eine eigene Meinung zu äußern. Das alles ist der Ausdruck der vollsten Jnteressenharmonie Zwischen Sozialdemokratie und jüdischer Rasse. Beide Faktoren überbieten sich im Vernichtungskampse gegen die deutsche Nation. Darum: wer A sagt, muß auch B sagen; wer die internationale Sozialdemokratie als das Prinzip des Umsturzes bekämpft, muß auch das Judentum als das Prinzip der Zersetzung des deutschen Volkes bekämpfen. * In einem anderen Artikel „Die jüdische Vormachtsstellung in der Rechtspflege und der deutsche Verfall" leistet sie sich den herrlichen Satz: „Den Germanentonus wird der Jude niemals erben noch vererben." Am. Ende macht sie diesen Vorschlag: Da nun aber auch , die freie Advokatur gemäß der Gewerbeordnung ein Gewerbe wie die ärztliche Praxis darstellt, abgesehen von der Erfüllung einzelner Voraussetzungen, so sind für den Ausländer- Juden alle Wege frei, im Zeitenlaufe alle einflußreichen Stellen in der Rechtspflege und Verwaltung zu besetzen. Hiergegen müssen.wir Front machen. Es muß, wie z. B. in Belgien, nachgeprüft werden, wie der Jude hier seßhaft geworden ist, welche Legitimation er seinerzeit vorgewiesen hatte. Da die Welt voraussichtlich nicht lange mehr das Vergnügen haben wird, die Ausführungen der „Staatsbürgerzeitung" zu lesen, so sei diese kleine Blütenlese unseren Freunden dargeboten. Bericht der Delegierten des tzilfsoerrins der deutschen Inden über dir Leit vom 19. Isnunr dis 19. Januar 1913: Oesterreich. Freitag den 10. Januar morgens trafen Dr. Nathan und Elkan Adler in Wien zusammen. Unmittelbar darauf hatten die Herren eine eingehende Unterredung mit den Herren der Wiener Allianz, bei der in bezug auf das Hilsswerk für die Opfer des Balkankrieges und unsere Informationsreise nach den Notstandsgebieten .einevollständige Uebereinstimmung erzielt wurde. Herr Dr. Kahn traf später in Wien ein.. Er war über Brüssel gefahren, um mit dem Vorsitzenden unserer Union des Associations Jsraolites , Herrn Franz Philippson, die finanzielle Lage und Einzelheiten der Berichterstattung und Sammlung des Materials zu besprechen. Serbien. Sonntag den 12. Januar frühmorgens reisten wir über Budapest nach Belgrad. Wir trafen gegen elf Uhr abends dort ein, hatten aber trotz der späten Stunde noch eine kurz vorbereitende Besprechung mit dem Rabbiner Dr. Alcalay, der uns am Bahnhof erwartet hatte. Die Konferenz wurde am anderen Tage fortgesetzt. Dr. Alcalay, ein äußerst verständiger, für unsere Zwecke sehr eifriger Herr, schilderte uns ausführlich und detailliert die Lage der Juden in Serbien und in den von den Serben besetzten Gebieten. In Serbien leben -etwa 7500 Juden. Verhältnismäßig sind sehr viele Juden eingezogen worden, aus Belgrad, wo unter 92 000 Einwohnern 5600 Juden leben, allein 670. Sehr viele davon sind bei der Miliz, sie sind also nicht direkt auf den Kriegsschauplatz entsandt worden. Schabads (30—35000 Einwohner), Juden 250 Seelen, 35 Soldaten, P i r o t t (30 000 Einwohner), 350 Juden, 32—35 Soldaten, Pozarewats (25000 Einwohner), Juden 150^—200 Seelen, jüdische Soldaten 30. Diese Stadt hat infolge des Krieges von Belgrad her verhältnismäßig ' die meiste Unterstützung haben müssen. S e s k o w a t s (20 000 Einwohner), 150—200 Juden, 20 jüdische Soldaten. Vereinzelte jüdische Familien in K r u s ch e w a t s, Jagodina,Walje wo, Saidschar. Die von Serbien eroberten Städte, in denen Juden wohnen, sind folgende:;;t|i Novibazar (6—7000 Einwohner), 40—50 jüdische Familien, v o r dem Krieg viel durch Arnauten gelitten, im Kriege nicht. P r i s ch t i n a (15—20 000 Einwohner), 60 jüdische Familien, vordem Krieg ebenfalls 'unter Arnauten sehr gelitten, im Kriege nicht. K u m a u o w o (10 000 Einwohner), 10 jüdische Familien, nicht gelitten, bei Kumanowo blutige Schlacht. In Sjanitza und Ferisowitsch etwa fünf bis sechs jüdische Familien. In Mitrow i tz a etwa 10, nirgends Juden geschädigt. Ebmso nicht in Ueskueb (60—70 000 Einwohner), über 2000 jüdische Seelen. Die Reichen waren, nach Saloniki geflüchtet und sind jetzt Zurückgekehrt. Viele zum türkischen Heer ausgehoben; dort waren auch viele türkische jüdische Soldaten aus Saloniki, die, beim Rückzug abgeschnitten, hier blieben, unterstützt werden mußten und später nach Saloniki heimkehrten. Durch direkte Kriegsschädigung haben die Juden Ueskuebs nicht gelitten. Hilfe von außen scheint nicht notwendig. M o n a st i r (90 000 Einwohner), 12 000 Juden, etwa 30^-40 waren zum türkischen Heer ausgehoben. Keine besondere Schädigung von Juden erfolgt, sie können im großen und ganzen ohne fremde Hilfe auskommen. Das ist die Lage in Serbien und den von den Serben besetzten Gebieten, die wir durch eingehende Nachforschungen und Unter-