Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- Seite 63 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Menschen und in der Menschheit duldete. Nie war das wirkliche Judentum dieser Theorie ähnlich, selbst nicht in den traurigsten Zeiten mittelalterlicher Entartung) vom. 16. bis 18. Jahrhundert. Die Theorie selbst ist erst ein Produkt der Neoorthodoxie, der man zu Dank für ihre Offenheit und Ehrliche feit verpflichtei ist., Indem sie sich zu dieser Anschauung mit Nachdruck bekennt, hat sie ihr Und sich selbst bei allen Denkenden das Todesurteil gesprochen. , Das Recht auf Denken aber erklären wir für die Kardinaltugend des Judentums. 'Es ist lehrreich, daß w.ir Lessing für uns in Anspruch nehmen konnten, dagegen Moses Mendelssohn für den erstens Blick auf seiten unserer Gegner finden. In seinem „Jerusalem" erscheint das Judentum scharf, und klar als geoffenbartes Religionsgesetz, mit ewiger Verbindlichkeit allein., für seine Angehörigen' ohne Kraft, sich über sich selbst hinaus zu entwickeln, es sei. denn . durch das unmittelbare Eingreifen Gottes in einem neuen, öffentlichen Akte. Von den ewigen Wahrheiten der Religion aber (Gott, .Weltregierung, Vorsehung usw.) sagt er: „sie dursten nicht durch unmittelbare Offenbarung eingegeben . . . werden. Das höchste Wesen hat sie allen vernünftigen Wesen durch Sache und Begriff geofsenbart, mit einer Schrift in die Seele geschrieben, die zu allen. Zeiten und an allen Orten leserlich und verständlich ist . . . Ihre Wirkung ist so allgemein, , wie der wohltätige Einfluß der Sonne, die, indem sie ihren Kreislauf durcheilt, Licht und Wärme über den ganzen Erdball verbreitet." Nicht allein der bekannte Prediger Dr. Jmm. H. Ritter hat diese Ausfassung in einer Abhandlung kritisch widerlegt; auch ein.so besonnener Forscher,, wie Pros. I. Guttmann (Breslau), erhebt Bedenken dagegen und sagt in seiner knappen Art (Ueber Dogmenbildung im Judentum, Breslau 1894, S. 17): „Das Judentum ist keine bloße Gesetzesreligion; es verdankt seine weltgeschichtliche Bedeutung vielmehr den religiösen und sittlichen Idealen, dieses der Menschheit verkündet hat." Kann aber Mendelssohn wirklich als Eideshelser der Orthodoxie gedacht werden, -derselbe Geistesheros, dessen providentielle Sendung es war, die Abendstrahlen des Mittelalters in seiner klaren Seele zu sammeln und gleichzeitig die Morgensonne neuer Erkenntnisse herauszuführen'? Zwischen Mendelssohn und S. R. Hirsch ist ein fundamentaler Unterschied. Mendelssohn erkennt der . Religion die Macht zum Gebieten, Zwingen und Strafen ab. Hirsch und seine Schule sehen keine Differenz zwischen jüdischem Staats- und Religionsgesetz. Dem Buchstaben nach ist Hirsch in vollem Recht. Die Tora setzt einen Priesterstaat voraus, dessen gedachter oberster König und Richter Gott selbst ist; sie bedient sich eines ausgedehnten Strafsystems. Den Geist der mosaischen Gesetzgebung hat dagegen der Weise von Dessau ersaßt und dadurch über sich selbst hinausgewiesen. Wir können unmöglich die wunderbaren Schlußkapitel aus dem „Jerusalem" auch nur in extenso hier wiedergeben, die jeden Konflikt zwischen Menschen und Gott, zwischen Rechten der Gottheit und Rechten der Menschen als „armselige Sophisterei" kennzeichnen. Aber die geflügelten Worte über Staat und Religion-müssen ihre Wirkung tun, da sie wie eine Anklage wider die Gegner der Richtlinien klingen: Der Staat gebietet und zwingt, die Religion b elehrt und üb er edet, der Staat erteilt Gesetzes!), die Religion Gebote (man denke an das schöne jüdische mizwot). Der Staat hat physische Gewalt, die Macht der.Religion ist Liebe und Wohltrm .Wie weit ist Dr. Wohlgenmt von dieser Liebe entfernt, da er die Gemeinden auffmHert, die Jugend den liberalen Rabbinern nicht ferner anzuvertrauen, und die Rabbiner, ihre Aemter Niederzulegen, um würdigeren (d. h. orthodoxen) Amtsgenossen den Platz zu räumen! Solches wagt man, 100 Jahre nach Aushebung der Jurisdiktion der Rabbiner, nach dem Verbot ihrer Bannflüche rmd der Ausstoßung Andersdenkender aus der Gemeinde. Dies die Frucht der religiösen Verwilderung und der Abwendung von den andrängenden, religiösen Fragen im Judentum der letzten 30 Jahre. Unsere Ausführungen haben gezeigt, daß der Sturm gegen die in den Richtlinien aufgestellten Glaubenssätze nicht so sehr in dem, was sie sagen, als in dem, was sie stillschweigend verneinen, seinen Grund hat, in dier Entfernung der Idee voll der göttlichen Gesetzgebung a u s dem Mi t t el p u nk te d e s I u d e nt u m s. Es ist wahr: eine U m l a g e r u n g d e r Teile innerhalb des Judentums hat stattgefunden;. das Judentum ist für den Liberalismus eine Lebensmacht, es wächst darin, es formt und bildet sich alles zu neuer Schönheit, wie in einem Äergkriställ. Wer die Religionsgeschichte unseres Glaubens kennt, wird sich weiter, nicht wundern, daß die Stellung zum Religionsgesetz wieder einmal die Geister scheidet) Unsere volle Meinung zu diesem Zentralproblem möchten wir erst im nächsten Abschnitte geben, der die Sätze IV—VI behandelt, d. h. Offenbarung und Geschichte, vorausgesetzt, daß der freundliche Leser uns folgen will. Zum Satze III nur soviel, daß wir in ihm die Kernworte von der A u s e r w ä h l u n g und dem a ll g e m e i. neu P r i e st e r t u m ungern vermissen; war es doch der Liberalismus, der diese ewigen-Ideen des Judentums mit neuem Inhalt erfüllt hat. Bit Woche. B erlin, den 4. Februar 1913. ür Montag, den 3., abends 7 Uhr, ist der Wasfenst i l l st a n d zwischen den Balkanmächten gekündigt worden. Vielleicht hat, wenn diese Zeitung in die Hände der Leser kommen wird, trotz der Kriegsmüdigkeit aller Parteien schon wieder eine blutige Schlacht stattgefunden. Man kann nur aufs innigste wünschen, daß diese Greuel baldigst enden. Wie es mit den Juden in den einzelnen Balkanländern steht-, ersehen unsere Leser aus dem Bericht der Delegierten des „Hilfsvereins der Deutschen Juden", der als besonderer Artikel folgt. Zur Ergänzung dieser Berichte möge folgender Artikel der „N. I. K." über ein Interview mit den Balkandelegierten in London dienen: Im Aufträge der hiesigen jüdischen Wochenschrift „Jewish Chronicle" hatte deren Mitarbeiter, Dr. S. M. Mölamed, vorige Woche eine Unterredung mit den Friedensdelegierten der Balkanstaaten über die Rechtslage der Juden in den vom Balkanbund eroberten Gebieten. Dr. Danew, der Chef der bulgarischen Delegation, äußerte sich u. a. wie folgt: , Die 40 000 Juden Bulgariens befinden sich im. Vollbesitze aller bürgerlichen Rechte und Freiheiten. Sie nehmen am staatlichen Leben mit demselben Eifer und Ernst teil wie die besten meiner eigenen Volksgenossen. Unser nationaler Handel liegt in ihren Händen, und wir wüßten in der Tat ohne sie nichts anzusangen. Sie sind keine Jobber, wie ihre Feinde behaupten, sondern Kaufleute im besten Sinne des Wortes. Namentlich jetzt sind die Juden uns durchaus unentbehrlich, denn sie sind berufen, die neueroberten Gebiete wirtschaftlich zu erschließen und so das Werk der Bulgaren erst nutzbar zu machen. Bezüglich der jüdischen Bevölkerung der neuen bulgarischen Provinzen kann ich feierlich versichern, daß sie mit ihren Brüdern in Altbulgarien, vollständig gleichgestellt Din werden. Keine Macht der Webt kann uns verleiten, unseren guten Traditionen nach dieser Richtung hin untreu zu werden. Auch Rußland, dem wir sehr zu Dank verpflichtet sind, könnte uns niemals bewegen, eine antisemitische Politik gegen die Juden unseres Landes-einznschlagen. Es gibt in Bulgarien jüdische Richter, aktive jüdische Offiziere, höhere jüdische Staatsbeamte und jüdische Abgeordnete, die den verschiedenster politischen Parteien angehören. — Dr. Danew gab schließlich seiner Verwunderung Ausdruck, daß einzelne von Juden geleitete europäische Tageszeitungen die Partei des judenfeindlichen Rumäniens gegen Bulgarien ergreifen.