Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
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Heiden sein markiges Wort 'hon der Nächstenliebe ' 'als Hauptinhalt des Judentums entgegenzurufen. Es sind: heut viele Juden in der Lage des Heiden, sowohl was ihre bischerige Haltung gegenüber dey Glaübensüberzeugüngen des. Judentums ^betrifft als ^uch in betreff des Zeitmaßes, das sie sür - < die Religionerübrigenzukönnen meinem Gär manche haben schon über das Zuviel in den Richtlinien geklagt, zum Beweise dafür, daß sie die goldene Mitte innehalten. ' Wo liegt nun die Gefährlichkeit dieses Unternehmens, einen neuen Beitrag zur jüdischen Glaubenslehre zu liefern?. S. R^ . Hirsch und seine Schule halten daran fest, daß man im Judentums durchaus nicht' Wesentliches hon Unwesentlichem unterscheiden' dürfe, weil' alles den gleichen Verpflichtungsgrund - habe, nämlich den Willen Gottes, und jedes Bewerten nach Graden und. Abschätzen nach eigenem Verstände eine Anmaßung des Menschen, eine Ueberhebung der endlichen Ver- ' nu.nft über die unendliche sei. Ein solches Beginnen müsse vom Judentum streng fern gehalten werden. Kein Wort, keine Wendung der Heiligen' Schrift gebe zu erkennen, daß ein Unterschied zwischen den Geboten zu machen sei; Gott hätte es dem Menschen sonst ausdrücklich kundgetan. Ob Ehrfurcht vor Vater und Mutter oder Schaatnes: nur frecher Menschenwitz könne es wagen, hier zu bewerten. Was nun diese Anmaßung betrifft, so. hat kein Geringerer -.sie in-Schutz genommen als Hehm. Steinthal, den die Orthodoxen um seiner innigen religiösen Betrachtungen willen aus seinen letzten Jahren am liebsten für sich reklamieren möchten. Vergebliche Liebesmüh! Dieser philosophische Vorkämpfer. des jüdischen Liberalismus setzt mit einem einzigen Geistesblitze das ganze Mrtengebäude der Orthodoxie in Flaurmen, so daß.es zu einem elenden Häuslein Asche wird. Vielleicht gestattet. Herr Rektor Dr. D. HofsmanN den Zöglingen seines Rabbinerseminars die Lektüre von Steinthals Aufsatz, „Glaube und Kritik"; oder besser, wenn er seinen 'Vorteil versteht, er legt das Buch „Zu Bibel und Religionsphilosophie. Reue Folge, Berlin, bei Reimer, 1895" in den Bann. Dort wird die Ueberhebung denen zugeschoben, die das Recht der Kritik in religiösen Dingen für unmöglich und widergöttlich erklären: „Bildet ähr euch ein, die göttliche Wahrheit in ihrer Vollkommenheit vollkommen zu. verstehen? Hieße das nicht, Gott ~ göttlich verstehen?" Und von der Kritik der Religion heißt es: In-ihr „stellt sich der Mensch unter Gott, und fragt, was lhm, dem Ewigen, Einzigen angemessen ist, und wie der Mensch denken, fühlen, handeln soll, wenn er sich unter lhn, den Ewig^Einzigen stellt. Die Religion ist lebendige Wahrheit: so liegt es in ihrem Wesen, sich ohne Unterlaß als Wahrheit zu offenbaren und zu bestätigen. Das ist die Kritik, welche die Religion selbst an sich vollzieht." Aber auch ohne den tiefen Blick Steinthals leuchtet es dem schlichten Verstände ein, daß jene orthodoxe Ansicht ein Widersinn ist; für best wir aber Judentum oder Heilige Schrift nicht haftbar machen dürfen. Bibel, Tradition und Religions- Philosophie erheben sich einmütig gegen solchen Aberwitz. Die Bibel: denn wie könnte die Tora-selbst ein ganzes System von 'Strafen' aufstellen, das doch offenbar der Skala der Vergehen entsprechen muß; oder wie durften Propheten und Psalmisten so oft und scharf zwischen Kult- und Sittenvorschriften ^scheiden. Tradition: welche Bedeutung hätte z. B. der Ausdruck: klal gödaiil batauro, „ dies und jenes ist ein Hauptgrundsatz der Tora"; oder wie erklären sich die Dinge, die man irfsurim laleb;,bem Gewissen überlassen" nennt u v. a. Endlich Religionsphilosophie, indem es ja ihr Ge- * schast war, letzte Gründe zu suchen und sogar (dies zielt auf Mäimvnides), den wahren Anteil Gottes an der Offenbarung -äind der Prophetie am göttlichen Geiste mit heißem Bemühen sestzustellen! _ ... . - Wir haben uns die Bahn frei gemacht, um den Gegner aus' seiner letzten Verschanzung zu vertreiben. M könnte sein, daß er soweit kapituliert, Werturteile-im^mechschljchen Geistd zu- - zulassen, wenn nur üm -göttli^n DerüenMndiWollen alles in eine Linie falle. Nun könnte ich sägen: 'die' Tora, ist' eben nicht mehr' inr Himmel, sie äst Menschen --üöergeben)-und irmln-"si.e. diesen dienen und-nützen soll? muß sie es sich gefallest'lassen, den Menschen sich anzupassen. Bibel und Tradition stünden' dabei auf meiner Seite (Dduteronom. 30, 12).. Aber der Gegner wird.vorziehen, mir nicht ständzuhalten, sondern in die unerreichbare, übersinnliche 'Sphxirtz-z-u -entweichen-.-' aus-'der. er uns sein dogmatisches Halt entgegenrstst:; Äeiche zurück) vermessener Frevler; du vergissest wie Hauptsache, und auch die Urheber der Richtlinien, haben, .sie vergessen: .Judentum ist gleich Tora; Tora ist von. Gott unmittelbar an seinen Gesandten erteiltes Gesetz; göttliches Gesetz ist unlösbar und von ewiger Verbindlichkeit. . \ Fern sei es von uns, diesen Standpunkt'mit einem überlegenen Lächeln abzutun. Gs war der Standpunkt des gesamten rahbinischen Judentums (d . h. des jüdrschen Mittelalters), also zahlreicher Generationen unserer Ahnen; ihn teilen noch heute die Durchschnittssrommen, insbesondere die Massen in unkultivierten Ländern; ihn zum alleinigen Zentraldogma des . Judentums zu machen, ist. seit 100 Jahren das Bestreben der orthodoxen Theologie. Mit'ihm hat sich der sreidenkende Jude auseinanderzusetzen, geschweige der liberale Rabbiner. Dies ist von dem letzteren unter Kämpfen und Schcherzeu geschehen. Er hat ihn überwunden; die Vorstellungen, dje er zur Voraussetzung hat, haben keine Gewalt mehr über ihn. Tora ist zunächst nicht gleichbedeutend mit Religionsgesetz; in dieser Auffassung berühren sich vielmehr jüdische Orthodoxie mit liberaler ch r i st l i ch e r T h e o l o g i e. Die letztere muß mit Heller Freude bei Dr. Wohlgemut, lesen (Buchausgabe S^ 35): „Wir vermeiden das'Wort Gesetzesreligion gern.ä ..Aber daß. sächlich diese Bezeichnung treffend ist, weil sie .... das wesentliche Unterschiedsmerkmal hervörhebt, das kann nicht.zweifelhaft sein." — Für uns ist tarn — aütorative Belehrung, und zwar von seiten Gottes als gedachter letzter Autorität, und von seiten der Menschen als realer,, anzuerkennender, aber, auch allem Menschlichen unterworfener Gesetzesgeber und Machthaber (Deuteronom. 17, .11). Wäre dem nicht so, wie käme es, daß die Tora in zahlreiche torot zerlegt erscheint, deren zufällige Veranlassungen und mitbestimmende Faktoren noch deutlich in den Besonderheiten und Erlebnissen des jüdischen Volkes zutage liegen? Wie wäre es ferner zu verstehen, daß die Tora sehr wichtige, v o r - mosaisch e Überlieferungen mit sich führt, und endlich, daß mit dem Heraustreten Israels aus dem Wüstenleben feine Gesetzgebung zu ewigem Stillstand verurteilt gewesen sein sollte, während die Prophetie sich mächtig entfaltete? Alles dies wären u n l ö s b a r e Rätsel, lagen hier nicht ganz unhaltbare Fiktionen zugrunde. Kommen wir zum Ergebnis. Nicht alles, was Tora heißt, gehört zum I u d e n tum als Religi o n;- und anderseits: u n e nd - lich viel, was nicht Tora ist, gehört dennoch u n l ösba.rdazu. Der Vater dieser Erkenntnis ist, wie der Leser sofort gemerkt haben wird. Gotthold Ephraim Lessing. Es ist ja klar; wer .das Judentum, dem ReligrpMgesetze gleichsetzt, . entwertet den größten Teil der Heiligen Schriften, beraubt es ähnlich, als. wollte er neben der Hcüacha keine Hagada aner- . kennen, neben dieser. keine Religionsphilosophie, - keine Mystik, keine religiöse Geschichte, Dichtung und Liturgie. In einem solchen Judentum würden der Mensch zum Automat für ein zum Teil, begreifliches, zum Teil unbegreifliches Sollen und Nichtsollen und die Religion zu einem übernatürlichen Agens des Willens, das keinen Funken von Selbstbestimmung im