Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse 77. Jahrgang Nr. 6 Berlin, 7. Februar 1913 Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: kuckolk Moaae» Berlin, Jerusalemer Stra88e 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind-an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Iudentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 4S/4S, zu richten. Verlag von Rudolf rNoff«, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel ater die Post (in Berlin und Vororten durch unsers vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Zur Würdigung der „Richtlinien". Von Theologus. — Die Woche. — Bericht der Delegierten des Hilfsvereins der deutschen Inden über die Zeit vom 10. Januar bis 19. Januar 1919. — Die Weltanschauung des Judentums. Von Albert Katz.'— Erinnerungen an Oberrat Leopold Ettlinger iel. Tlnged. Von Tr eitel, Laüpheim. — Hermann Munk. — Reiseerinnerungen an Spanien. Von Caspar Lazarus. — Feuilleton: Maser. Von Meir Goldschmidt. Deutsch von Jda Anders. — Sprechsaal. — Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung de8 Judentums"). Berlin, Posen- Breslau, Hohensalza, Gleiwitz, Münsterberg, Sagau, Chemnitz, Köln, Koblenz, Petersburg, New York.Von Nah und Fern. Lur Würdigung der „Mchtttmrn"? * Von Thevlo gus. man kann lange beruhigt in einem Hause gewohnt haben, ohne sich um 'dessen Grundriß zu kümmern. Plötzlich verlangt ein theoretisches Bedürfnis oder mahnendes Erlebnis (z. B. die Gefahr des Einsturzes), sich sehr energisch damit zu befassen, und vor allem, die Grundmauern zu prüfen. ' Ein Eckpfeiler des Judentums ist offenbar seine Schöpfungsidee, auf die z. B. Dr. Steckelmacher die gesamte jüdische Ethik gründet. Ein Stützpfeiler ist das Zeremonialgesetz, dem Josef Karo vier Bände widmet, anhebend mit einer Empfehlung desFrühaufstehensund der gottgewollten Reihenfolge beim' Anlegen der Kleidungsstücke. Maimonides, der Thomas v. Aquin des Judentums, scheint uns den Mittelpunkt zu unterstützen, wenn er mit den Erkenntnisgründen anhebt, wobei er allerdings lichte Wahrheiten mit völlig haltlosen Theorien verquickt. Die Richtlinien reden von einem We s e n d e r j ü d i s ch e n Religion, undfinden es in e w i g en W a h r h e i t en und sittlicheN Grundgeboten. Letztere haben die Glaubenslehren zum tiefsten Verpflichtungsgrunde und bilden das Ziel des gesamten Judentums, einschließlich seiner religiösen Spezialgesetze (Lazarus, Ethik I, S. 109). Sie sind vor Jahren bereits in 15 Artikeln zusammengefaßt worden, als der Antisemitismus die Schmähung und Beschimpfung der jüdischen Sittenlehre zum täglichen Geschäfte machte. Freisinnige, konservative und — orthodoxe Rabbiner und sonstige Gelehrte zeigten damals das schöne Bild der Einmütigkeit. — Und.heute? Die Richtlinien stellen fest, daß die letzten und tiefsten religiösen Ueberzeügungen der Juden aller Richtungen (und Sekten) sowie aller Zeiten und Geschlechter nur drei waren, in deren Auffassung und Formulierung. absolute Freiheit herrschen muß: Der einig-einzige Gott, zugleich als Ideal der *) Die Richtlinien usw., besprochen von Dr. I. Wohlgemut im „Israelit" Nov./Dez. 1912, auch als Broschüre. Heiligkeit (ethischer Monotheismus); die Begabung der Einzelseele mit Vernunft und Gewissen, sittlicher Freiheit und Unsterblichkeit (Idealismus gegenüber jeder Form des Materialismus oder Monismus; zugleich in sich schließend die Idee der Vergeltung); endlich Messianismus (Idee des Fortschrittes in der Geschichte, Zielstrebigkeit in der Menschheit, Erfüllung eines göttlichen Heilplans). Es war das gute Recht des Dr. I. Wohlgemut, der sich zum Großinquisitor in Sachen der Richtlinien aufgeworfen, an der Fassung der Sätze Kritik zu üben. Wir hätten sie ebenfalls kräftiger im Wort und Prägnanter im Bilde gewünscht. So hätte die Allmacht Gottes, als des Weltenschöpfers, nicht fehlen dürfen, da sie allem modernen Heidentum gegenüber den theistischen Grundgedanken des Judentums behauptet; ebensowenig die Idee der Vergeltung, trotz der Gefahr der Mißdeutung; sie ist die natürliche Ergänzung der göttlichen Gerechtigkeit. Treffen diese oder ähnliche Einweni düngen aber den Gegenstand selbst, genügen sie zu einem.Verdammungsurteil, ist die Aufregung darüber ehrlich? Jedes liberale Lehrbuch der systematischen Religionslehre bringt ja die gewünschten Ergänzungen; die Richtlinien wenden sich aber an gereifte Menschen. So oft das Wesen einer Religion geprüft werden soll, ergreift eine Nervosität die Reihen dev Rechtgläubigen. Sie besorgen, das Resultat möchte mit der von ihnen gehüteten und gepredigten Wahrheit sich nicht . decken. Welche Stürme haben sich erhoben, als L. Feuerbach, Ed. v. Hartmann, Adolf Harnack vom Wesen des Christentums zu sprechen wagten! Wir sind aber davon überzeugt, daß die Schicksale beider Religionen eng miteinander verknüpft sind. Die Gegner, die den esoterischen Charakter des Judentums allein im Auge haben, draußen aber nichts als eine feindliche Masse sehen, möchten das so weit leugnen, daß sie sogar den Charakter des Judentums als einer Religion überhaupt bestreiten. Dies ist die Meinung der Orthodoxie und ihres Abgotts S. R. Hirsch. Nach diesem Gelehrten Paßt der Ausdruck Religion nimmermehr für das Judentum, er ist eine unerlaubte Entlehnung, eine irreführende Uebertragung. Wir wollen nur andeuten, zu welchen staatsrechtlichen Konsequenzen diese gottlob in weitesten Kreisen zurückgewiesene Ansicht führen könnte. Für uns bleibt die Mutter der Religionen mit größtem Rechte Religion, d. h, Weltanschauung, Gemütsstimmung, sittliche Heiligung. Der Kampf geht freilich nicht um Worte, sondern um Ideen. Wenn die Richtlinien drei jüdische Grundideen aufstellen, so ist es auch nicht-die knappe Zahl, die die Erregung verursacht. Ein Talmudist, R. Simlai, war bekanntlich so kühn, die 613 Ge- und Verbote der Tora in einem Minimum sittlicher Gebote beschlossen zu finden; er hielt 612 füx ab- .. streichbar, wenn man nur Amos 5, 3 oder Habakuk 2, 4 er- I / füllte. Hillel war auch nicht verlegen, Hem Aufnahme suchenden