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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-01-31 · Heft 5 (31.1.1913) · p. Seite 58

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 5 (31.1.1913)
Date
1913-01-31
Page
Seite 58 (sequence 10)
Language
German
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auf anderem Wege geholfen hatte; das leuchtende Ordenskreuz war aus dem Gesichtskreis verschwunden, er saß im Dunkeln, gleichsam in einen tiefen Brunnen hinabgesunken, und fühlte sich jämmerlich klein, erbost auf das Schicksal, erbost auf'sich selbst, weil er gehofft, geglaubt hatte und ein ■ Boheimo gewesen war. Mortche sah sein düsteres Gesicht, nahm aber an, daß Simon von dem Geschehenen unterrichtet sei, und war selbst schon seit Jahr und Tag an die Tatsache gewöhnt, daß ein Mann, der Geld herausrückeu. soll, wie Eis ist und behutsam ausgetaut werden muß. In diesem Fall glaubte er jedoch, daß es keiner großen Anstrengungen bedürfen werde. Er hatte das stolze Gefühl, Großhändler zu sein, nicht verloren. Er suhlte sich überzeugt davon, daß sein „Haus" eigentlich gut und sein Geschäft „tadellos" wäre; er brauchte kein Geschenk, sondern ein Darlehen, das ihm aus einer augenblicklichen Verlegenheit helfen und ihn noch höher erheben konnte als bisher. Er hatte keine Ahnung, daß dies das größte Opfer war, das er von dem Bruder verlangen konnte. Simon sollte ihn hochheiligen und dadurch sich selbst noch tiefer Herabdrücken.. Alle Hoffnung für sich sollte Simon aufgeben und bloß den Brudergroß machen! Mortche brachte also die Sache ganz geschäftsmäßig vor, wies die Art der Verlegenheit nach und verlangte vom Bruder nicht etwa eine bestimmte Summe,, sondern die Zusage, ihm zu helfen, wie es die Umstände erforderten, gegen gewöhnliche Garantie und die üblichen Zinsen- Nach einer Pause sagte Simon: „Hör nu, Mortche, ich muß der sagen, du bist kein solider Kaufmann." „Eine große Neuigkeit," erwiderte Mortche, indem er sich zum Lachen zwang, „wo sollte die Solidität Herkommen? Was unser Vater selig hinterlassen hat, weiß Gott und die Welt, und 'ne andere Erbschaft Hab' ich nicht gemacht." „Das mein' ich nischt," fuhr Simon fort, „ich mein' nischt, daß du en Dnlphen bist; hat schon mancher mit nischt angesangen, aber er wartet mit dem Großtun, bis er was hat. Wie du gewesen bist ein kleiner Manu, hast du drei Markisen haben müssen, und« wie de 'n bißchen Geld in die Hand gekriegt hast, hast du müssen Kredit geben von hier nach Ringkjöbing un von Skagen bis nach Neumünster — die Leut' de Augen aufreißen ins ganze Land — puh!" „Nu," antwortete der Bruder, „wenn der Herr will, daß es mit einem Menschen schief geht, muß er sich manches sagen lassen. Ich Hab' mein Bestes getan, aber vielleicht Hab' ich doch Fehler begangen. Ich Hab' gefehlt. Oschamti, Bogadti, soll ich die ganze Maße hersagen, Simon?" „Du sollst nischt de ganze Maße hersagen. Wer bin ich? Ein Sünder vor Gott. Du sollst mer nur zugeben, daß de kein solider Kaufmann bist." „Das Hab' ich gesagt. Aber nun sag' ich noch»was, Simon: Ich habe geglaubt, daß du ein guter Mensch bist." „Wenn man seinen letzten Pfennig wieggibt, is man 'n guter Mensch." „Davon ist keine Rede. Du kannst geben oder nischt geben — obwohl —- wer spricht von Geben? Du kannst borgen, oder du kannst nischt borgen! Aber du darfst deinem Bruder keinen Vorwurf machen, wenn Gott ihn angcrührt hat." „Ich mach' keinen Vorwurf! Ich sage weiter nischt, als was ich vor Gott verantworten kann. Du bist kein solider Kaufmann. Und warum sag ich das? Um dir's vorzuwerfen? Gott soll mich behüten un bewahren! Was kannst du dafür? Du bist so. Aber wenn du selbst kommst un sagst, ich soll der helfen, dann sag' ich: Mortche, ich kenn' dich! Was auf de Debetseite steht, siehste rosenrot, un was aus der Kreditseite steht, sichst de lilienweiß. Das ist deine Natur. Ich werf dir's nischt vor. Ich un vorwerfen? Aber wenn ich jetzt mein bißchen Geld in dein Geschäft stecken soll, will ich mich nischt auf deine Berechnungen verlassen — nischt, weßvör mich zu'n Narren halten willst, bloß, weil de alles aus devst Weise siehst — un deshalb sag' ich: Laß ein paar Geschästsleut' — wirkliche Geschästsleut' — deinen Status aufmachen, laß alles hell un klar werden wie der Tag — un denn wollen wer sehen!" Mortche mußte sich es selbst eingestehen, daß dies Verlangen einigermaßen billig war, trotzdem es ihm natürlich viel lieber gewesen wäre, daß die Sache still abgelaufen wäre, und kein Fremder Einblick in seine Bücher genommen hätte. Er hatte auch so eine Ahnung davon, daß die Sache nicht ganz glatt ablausen würde, auch wenn Simons vorläufige Bestimmung erfüllt würde. Aber cs blieb ihm nichts anderes übrig. Bei anderen Hilfe zu suchen und damit zu zeigen, daß sein Bruder seine Lage für hoffnungslos hielt, würde ihn gleich dem Verderben überliefern. Ehe er das Haus verließ, wollte er sich doch einen Bundesgenossen schassen, der in seiner Abwesenheit seine Sache führte. Er ging zur Schwester hinein und erzählte ihr, daß sein Haus in Gefahr sei. Gittel hatte eine Zeitlang gekrünkelt, und jie war an diesem Tage sehr leidend und nervenschwach. Sie brach in lautes Weinen aus. Dieses starke Mitgefühl schnitt Simon ins Herz als eine Undankbarkeit gegen ihn und eine Benachteiligung seiner Person. Er konnte ihre Liebe oder scheinbare Vorliebe für den Bruder nicht begreifen, und sie konnte sie wohl kaum selbst verstehen. Sie liebte Simon, ohne darüber nachzudenkeu, ohne seine Liebe gemessen oder aus die Probe gestellt zu haben. Er war gewissermaßen sie selbst. Sie liebte Mortche nicht „weil", sondern „trotzdem", trotz der, wie Simon es nannte, „Windbeutelei", aber auch weil er verheiratet war und Kinder hatte, sowie endlich, weil Mortche in seinem Wesen etwas hatte, das Behagen um sich verbreitete, einen Hauch von einer lebhafteren Welt, einen Schimmer von Poesie. Und nun wollte die Welt an diese einzige poetische Blume, die sie kannte, Hand ante gen. Simon fand sich in die Zurücksetzung, oder sein Mißmut darüber war bald vorüber; aber er war unerbittlich; er stand hinter einer starken Verschanzung. Auf ihre besten Argumente antwortete er: „Wenn ein Mann mir einen Sack ohne Boden bringt uub verlangt, daß ich ihn füllen soll, dann sag' ich: laß einen Boden in deinen Sack nähen, mein lieber Mann, und daun komm' wieder. Basta.". (Schloß folgt.) ->#r Litersrilchr Mitteilungen. — T e r Tag v o n D n m 11 § k n §. Humoristische Novellen von Rudolf Presber. Stuttgart und Berlin. Deutsche Verlags-Anstalt. 1913. : In unserer schweren Zeit kann mau nichts Besseres tun, als herzlich lachen. Wer uns dazu verhilst, der sei gesegnet. Ein solcher Heilkünstler ist Rudolf Presber. Er besitzt einen goldenen Humor, und ich weiß mir nichts Angenehmeres, als in müßigen Stunden seine Sachen zu lesen. Als ich sein neues Buch erhielt, stieß ich gleich mtf die letzte Geschichte des Bandes, die den Titel führt: „Vom blonden Herrn Guttentag, seinem Herzen und seinem Blinddarm". Meine Leser brauchen nicht zu meinen, daß es sich hier nm einen irgendwie gefährlichen Antisemitismus handelt,. Die Geschichte ist vielmehr einfach die: Herr Siegfried Guttentag, Sohn eines Breslauer Kaufmannes, ist wirklichblond und wie es sich dazu schickt lyrisch veranlagt: er tritt daher nicht ins väterliche Geschäft ein, sondern bestimmt seine Muße — er besitzt nämlich nach dem Tode seines Vaters 7000 Taler Rente — nach mißglückten juristischen Studien zu lyrischen Gedichten. Aber er besitzt auch einen Blinddarin. In den beiden ersten Attacken wird er von zwei Lilienkrenzschwestern gepflegt: Therese und Angelina, die beide hübsch, beide liebenswürdig sind, denen der Kranke daher lyrische Gedichte ividmet und beinahe einen Heiratsantrag macht. Der dritten, Bertilde, die ihn nach' einer Operation

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