Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229075--69167-3281454- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sern Bestand, der das Gesetz nur allzugut kannte, gab die Antwort außerordentlich klar und unbehaglich; sein Gemüt hüllte sich in Dunkelheit und fand ein Versteck, aber nur ein ungenügendes. Wenn ein Mensch beständig an seine llebertretung oder seine Unstimmigkeit mit dem Herrgott denken würde, so müßte ihn das notgedrungen zur völligen Buße oder zum Irrsinn treiben. Die milde Natur, die uns unvollkommen erschaffen, hat uns aber auch bis zu einem gewissen Grade ein Mittel gegen die Beunruhigung gegeben, die diese unsere Unvollkommenheiten mit sich bringen: wir können an andere Dinge denken. Und Simon Levi hatte eine Zeitlang andere Dinge im Kopf, eigentlich infolge des Bilderkaufes. Dieser hatte von neuem die Aufmerksamkeit der Leute auf ihn und sein Vermögen gelenkt, und man gelangte zu den: Resultat, daß er sehr reich sei, aber nicht mit Geld umzugehen wisse. Man meinte kurz und gut, er hätte eine Schrulle. Daraufhin wandte sich jemand mit einem Vorschläge an ihn: Gin sehr vornehmer, aber auch sehr verschuldeter Mann im Auslande wollte ein Darlehen aufnehmen und Pfand dafür geben, freilich nur eine sechste oder siebente Hypothek auf seine Güter; aber der regierende Fürst, sein Verwandter, der nicht gerade eine Garantie übernehmen mochte, interessierte sich immerhin für die Angelegenheit und wollte den betreffenden Geldgeber zum Ritter eines Ordens machen. Trotz aller Vernunft, die Simon Levi besaß, flammte es in seinem Inneren auf bei der Versuchung. Sein Reichtum hatte ihm bisher so wenig Befriedigung, so wenig äußere Achtung und innere Ruhe gebracht. Selbst in seiner Familie war er nicht sicher, der Erste zu sein; sein jovialer, gut gewachsener Bruder, der sein Geld nahm, brauchte sich nur zu zeigen, um ihn zu überragen. Aber wenn er einen hohen Orden bekäme! Wenn es in den Zeitungen stünde, daß Rentier S. Levy allergnädigst zum Ritter des oder des Ordens ernannt worden sei. Seine Bekannten würden fragen, was er denn getan habe! „Nu, laß se fragen! Das Fragen wird den Leuten auch mieß, wenn se keine Antwort kriegen. Laß se daran herumstökern! Nach 'n Weilchen sitzt der Orden doch ganz schön fest un sieht aus wie ein anderes Verdienst. Un wenn ich Schabbes mit Gittel unterm Arm aus Schul komm', un wir geh'n die Nörregade 'rauf nach 'm Wall zu, muß de Brandwache 's Gewehr präsentieren, un geh'n wer nach Amalienborg 'rum, müssen' de Gardisten mit ihren großen Mützen das Gewehr präsentieren! Das ist Emmes! Se müssen! Heißt 'ne S'hrie für Gittel, die Arme, das zu erleben! Un komm' ich zu mein' Bruder Stuß, wenn's in der Zeitung gestanden hat, muß er's respektieren, un denkt er sich was — denk' ich auch un sag mer: Wenn inan 'u Koozen is, kann man sich 'n Orden kaufen — was kannst du mer tun?" Es entging indessen Simon Levis Aufmerksamkeit nicht, daß in finanzieller Hinsicht etwas an der Sache nicht ganz in Ordnung sein mußte, wenn ein einfacher Agent sich damit an ihn wandte. Er sah wohl, daß er Geld verlieren würde; er verlangte bloß reinen Wein, wieviel Sicherheit vorhanden wäre und wieviel daraufgehen würde. Als die Unterhandlungen begannen, wollte man nicht recht mit der Sprache heraus, wahrscheinlich, weil gar keine solide llnterlage da war, .und dann, zeigte sich eine neue unerwartete Schwierigkeit. Als man an der zuständigen Stelle genauer darüber unterrichtet wurde, wer den Orden haben solle, wurde uian bedenklich. Die Verhältnisse lagen derart, das; man sich im Augenblick nicht durch die Auszeichnung eines Mannes prostituieren wollte, der freilich allem Anschein nach ehrlich und unberüchtigt, aber ein kleiner Jude in einem Ouergüßchen, nicht einmal ein Wechsler, geschweige denn ein Bankier war. Hiervon erfuhr Levi jedoch nichts. Man hielt ihn hin, um sich doch am Ende, wenn alles andere fehlschlug, - seiner zu bedienen. Die betreffende hohe Persönlichkeit schrieb ihm sogar mehrere herablassende Briefe, in denen daraus hingewiesen wurde, wie schön er handeln würde, wenn er, Levi, sich erst das Verdienst erwürbe und dann seinen Lohn erwartete. Aber so dumm war Simon Levi nicht. Während Levi von dieser Fata Morgana in Anspruch genommen war, kam er auch mit seinem Gewissen zur Ruhe. Er beschloß, ein Legat zu stiften; nach seinem Tode sollte, ein Stift für alte Jungfern errichtet werden, unter dem Namen: Rentier- S.- Levi- und -Schwester-Gittel-Levi-Stiftung. Alljährlich sollte ein besonderer Gottesdienst abgehalten werden, wobei seines Nainens gedacht und ein Psalm abgesungen wurde. Er genoß in Gedanken die Zeremonie, als ob er dabei wäre. Mit Bezug aufseine Rechnung sagte er dann zu sich selbst: „Bummle ich? Trink' ich? Spiel' ich? Will ich das Geld vergeuden, das mir der Herrgott gegeben hat? So wenig will ich es vergeuden, daß noch mehr draus werden soll. Wie könnte er, mit Respekt zu sagen, einen besseren Verwalter kriegen als mich, wenn ich bloß auch 'n bißchen meinen freien Willen haben kann?" Das war eine glückliche Zeit für Levi, aber wie jedes Glück, das zu sehr in der Phantasie begründet ist, sollte es nicht von Dauer sein, und der Stoß, der es erschütterte, wurde nicht von einer Seite allein geführt. Ein Gewitter war in nächster Nähe aufgezogen. Simons Bruder Mortche oder Martin war mui einmal eine sanguinische Natur, und die tausend Taler, die er bekommen hatte, sowie die sichere Hoffnung auf noch viel mehr, das ihm im Augenblick Vorbehalten wurde, veranlaßten ihn, zu spekulieren. Statt das Geschäft seinem Sohn zu übergeben und ihn heiraten zu lassen, legte er selbst mit neuem Eifer los, „damit Sohn und Schwiegertochter in eine bedeutende Sache hineinkämen". Bei einer solchen Gelegenheit ist der Plan sehr einfach: man kauft auf Kredit in großen Partien, und man schafft sich einen verhältnismäßig großen Vorteil, indem man in kleineren Partien auf Kredit verkauft, und so lange die ausstehenden Forderungen einkommen, ergibt sich ein wirklicher Ueberschuß. Die Umstände waren Mortche günstig, die Leute gaben ihm Kredit, erstens weil er beliebt war, zweitens weil man in Kopenhagen und Hamburg annahm, daß sein Bruder dahinter stände. Eine Zeitlang kamen auch alle seine Guthaben mit der Pünktlichkeit eines Uhrwerkes ein: er bezahlte feine Gläubiger, bekam neuen Kredit, vergrößerte sich. Er hatte sich das Bürgerrecht als Großhändler verleihen lassen. Jetzt sollte der Sohn als Kompagnon eintreten; es wurde offiziell bei Jacobsens angehalten und die Hochzeit zum Herbst festgesetzt. Da gab es viel Festlichkeiten in den beiden Familien. Simon Levi sah den Bruder immer mehr damit drohey, „der Erste in der Familie" zu werden, fand sich aber darin und nahm mit stiller Würde an den Festlichkeiten teil: sein Blick war auf das kommende Ritterkreuz gerichtet. Aber plötzlich fallierte ein Hamburger Haus, und damit fiel eine der Stützen des großen, aber unsicheren Gebäudes, das Mortche Levi überhastet errichtet hatte. Die Gefahr lag nicht nur darin, daß man diesem Hause Geld schuldete, sondern auch, und vor allen Dingen darin, daß es mit einer großen Anzahl von Kaufleuten in den Provinzen, den Debitoren des Hauses M. Levi, in Beziehungen stand. Wie viele von diesen würden feststehen? Hie und da lag es klar zutage, daß man sein Geld retten konnte, wenn man die in Frage kommenden Kaufleute schonend behandelte oder ihnen womöglich über die Krise hinweg half. Kurz: das Haus Mortche Levi brauchte Geld und wieder Geld. Wer war naher alß Simon? Mortche ging auch sofort zu ihm, aber in einer höchst unglücklichen Stunde; denn Simon hatte gerade erfahren, daß die vornehme Persönlichkeit sich