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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-01-31 · Heft 5 (31.1.1913) · p. Seite 56

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 5 (31.1.1913)
Date
1913-01-31
Page
Seite 56 (sequence 8)
Language
German
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56 Judentum und Kapitalismus". Von Alphons J. Sußnitzki. enn das, lu a §, Sombart sagt, kühn ist, so ist das, w i e er es sagt, unstreitig geschickt. Ein Stratege aus schriftstellerischem Gebiete, vor dem man Respekt haben muß. Thesen mitsamt Beweisführung über den Anteil der Juden an der Entstehung des modernen Wirtschafslebens ließen sich sehr gut auf knapp ein Paar Bogen unterbringen, ohne, daß darin etwas fehlte außer dem Ueberslüssigen im dickleibigen Wälzer. Aber in solch komprimierter Form vorgetragen, erschien das Gesagte von Anfang an so ungeheuerlich, daß nicht allein die Schrift, sondern auch ihr Verfasser für alle Zeiten abgetan wäre. Was macht nun Sombart? Er schreibt ein umfangreiches Werk: XXVI und 476 Seiten mit 614 Anmerkungen. Alles sollte bewiesen, alles begründet werden — in Wirklichkeit ist alles bemäntelt und beschminkt, und der Kern der Sache in kaum entwirrbarer Weise von fremdem Zierat umrankt. Die Quantität wirkt noch immer; und sie wirkt überwältigend, wenn es sich um so sernliegende Dinge handelt, wie Talmud, Mischna, Halacha, Hagada, Schulchan Aruch. Da werden Sombart selbst noch die Fehler hoch angerechnet: Er würde weniger geirrt haben, wenn er weniger gestrebt hätte. Und der Effekt war die wohlgelungene Ablenkung des kritischen Blickes vom eigentlichen Kern des Problems. So wurde das Sombartsche Werk in der Mehrzahl der Fälle vom vorzüglich apologetischen Standpunkt gewürdigt. Man wies Sombart fälsche Zitate nach und warf ihm lückenhafte Quellenbenußung und irreführende Quellendeutung vor Auf die Tatsache, daß die Voraussetzungen im Sombartschen Judenbuche von Grund auf ökonomisch unhaltbar seien, ja, daß die ganze Auffassung dieses Werkes wissenschaftlich längst abgetan sei, wurde nur in verhältnismäßig wenigen Fällen hingewiesen. Von derselben Art ist auch die hier zur Anzeige gebrachte Schrift, die sich weit besser als das Werk eines Talmudgelehrten denn eines Nationalökonomen charakterisieren läßt. Schritt für Schritt verfolgt der Verfasser die Darlegungen Sombarts, eifrig bemüht, dessen Behauptungen und Beweisfl'rhrungen auf ihre Richtigkeit hin zu prüfen. Alles sehr schön und gut. Nur handelt es sich dabei immer um Einzelstücke, niemals um das Ganze, immer um gewisse Segmente, kaum je um den eigentlichen Inhalt der gestellten Aufgabe. Und auch in dem darüber hinausgehenden Teile, in welchem der Verfasser uns etwas aus Eigenem zu geben versucht, ist es nicht viel anders. Nach der kritischen Würdigung der Sombartschen Anschauungen bekommen wir noch „eine positive Darstellung des wahren Wirtschaftsideals des biblisch-talmudischen Judentums." Wir erfahren so, daß das wirtschaftliche Ideal des Judentums ein „theokratisch-agrarisch-mittelständisches" Wesen sei. Aber auch das bewegt sich nur an der Peripherie, ohne das Wesen des Problems entscheidend zu treffen. Es ist eben jener Grundfehler, in den die meisten Sombartkritiker immer wieder verfallen, daß sie bei einer Prüfung des Verhältnisses von „Juden und Wirtschaftsleben" sehr viel von den Juden, sehr wenig aber vom Wirtschaftsleben — von dein realen, gegebenen, kapitalistisch gestalteten Wirtschaftsleben — handeln. Dabei dürfte, wie mir scheint, allein der umgekehrte Weg wirklich zum Ziele führen, und statt die Beziehung der Juden zum Wirtschaftsleben aufzudecken, sollte inan weit eher das Wirtschaftsleben in seiner Unabhängigkeit von den Juden bloßzulegen suchen. Erst auf diese *) Eine kritische Würdigung von Werner Sombarts, „Die Juden und das Wirtschaftsleben" von Rabbiner Dr. M. Hoffmann, Berlin 1912. Druck und Verlag von H. Jtzkowski. Weise könnte man, ohne sich in Einzelheiten zu verlieren, dazu kommen, den Schwerpunkt der Untersuchung auf die prinzipielle Seite der Frage zu verlegen und damit endlich den Fundanrentälirrtum der Sombartschen Lehre treffen. In einer in Vorbereitung befindlichen Schrift hoffe ich nach dieser Richtung noch weitere Ausführungen zu machen. Es wird sich dann Gelegenheit geben, auch auf einzelne Punkte des Hoffmannschen Buches zurückzukommen. Die zur Besprechung gelangte Studie bildet in ihrer Grundtendenz eine Ablehnung des Sombartschen Standpunktes. Mit umso größerem Befremden wird man folgende Charakteristik von Sombarts Buche lesen: „Gestützt auf eine .universale Kenntnis der gesamten in Betracht kommenden Literatur, wird die große Judenfrage ausgerollt und mit allen einschlägigen Problemen beleuchtet. In bescheidener, echt wissenschaftlich zurückhaltender Art wird ein Versuch der Lösung unternommen. So' wird das Buch unter der Hand zu einer, in dieser Kürze und Klarheit einzigen Enzyklopädie des Judentums, welche jedem gebildeten Juden und Christen Aufklärung, jedem Forscher auf diesem Gebiete Anregung bietet. Besonders bemerkenswert ist die seltene Unparteilichkeit, welche sich der Verfasser auf diesem, seit Jahrhunderten vom Geschrei der kämpfenden Parteien widerhallenden.Gebiete zu bewahren gewußt hat. Es wird das Standardwerk des ganzen Zeitalters über Juden und Judentum bleiben." Wie weit die Gründlichkeit, Unparteilichkeit und Großzügigkeit zutrifft, hat ja der Verfasser in seiner, zum Teil sehr scharfen Kritik später reichlich dargetan. Für die ihm zuerkannten Tugenden der Bescheidenheit und Zurückhaltung wird sich wohl Sombart selbst mit dem. überlegenen Lächeln des Menschenkenners schönstens bedanken ... ÄS mm jjndlU, (Nachdruck verdaten.) Von Mei'r Goldschmidt. Deutsch von Zda Anders. V. ie Unruhe darüber, sich mit zwei verschiendenen Aufstellungen herumzutragen, die durchaus nicht stimmen wollten, bedrückte Levis Gemüt dauernd und ließ ihn zuweilen unverständliche Dinge begehen. So geriet er einmal in eine Gemäldeauktion, nicht um zu kaufen, sondern um unter anständigen Leuten zu sein und ein-bißchen zu plaudern, da er sich jetzt so oft langweilte. Dort oben befand sich ein Kunstkenner oder Kunstfreund, der, als er mit Lovi zusammenstieß, ihm freilich keine Kunstbegeisterung zutraute, aber ihn doch für einen Käufer hielt. Er erzählte Levi, daß besonders einige der Gemälde Aufmerksamkeit verdienten; der Künstler sei gestorben, hätte bei Lebzeiten mit Verlassenheit und Armut kämpfen gehabt, und jetzt erst würde sein Talent anerkannt. Levi kaufte auf einmal für über tausend Taler, teils weil er sich plötzlich an Maser erinnert fühlte und in den Künstlern einige der Armen sah, denen er, streng genommen, Geld schuldete; teils weil er dem Christen zeigen wollte, daß man nicht umsonst an einen Juden appelliert — und schließlich weil er so viel leere Wände daheim hatte. Gleich darauf stellte sich wieder die Ungewißheit darüber ein, auf wessen Konto die tausend Taler zu setzen seien. Waren sie ein neuer Vorschuß an den Herrgott oder die Abzählung einer Schuld oder keines von beiden, da er doch die Gemälde bekommen hatte? Aber, wie er sich ganz richtig sagte, hätte er sich jemals um seiner selbst willen den Luxus eines Gemäldekaufes erlaubt? Hätte er sich nicht mit Kupferstichen oder Lithographien begnügt? Auf wessen Konto kamen also die tausend Taler?

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