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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-01-31 · Heft 5 (31.1.1913) · p. Seite 54

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 5 (31.1.1913)
Date
1913-01-31
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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54 an gesetzt. Um %7 Uhr fcimen schon die ersten Besucher. Vor 8 Uhr schon waren Saal und Galerien überfüllt. Die Orthodoxie hatte ihren Heeresbann anfgeboten und war zahlreich vertreten. Sie hatte sich zwei Redner von auswärts mitge- .bracht/ obwohl ausdrücklich nicht zu einer öffentlichen, sondern nur zu einer Versammlung eingeladen worden war, und die Einladung nicht durch öffentliche Ausschreibung, sondern durch an alle Mitglieder der hiesigen, jüdischen Gemeinde' persönlich gerichtete Anschreiben erfolgt war. Wir hatten außerdem aus Abfrage erklärt, daß jeder Eingeladene Redefreiheit habe, daß lwir diese aber einem Nichteingeladenen nicht gewähren. Und daran hielten wir fest und ließen uns auch durch die angedrohte „Auswanderung nach dem heiligen Berg" nicht davon abbringen. Diese Auswanderung erfolgte — nicht zu unserem Leidwesen. Wir wollten diese Herren ja gar nicht, bekehren und eines Besseren belehren. So aber bekamen wir Platz für unsere Gesinnungsgenossen; allerdings auch jetzt nicht genügend Platz. Dutzende mußten mit einem Stehplatz fürliebnehmen. Herr Rechtsanwalt Dr. Rosenthal eröffnete die Versammlung, indem er sich über Veranlassung und Zweck derselben verbreitete. Sodann referierte Herr Direktor Gomb r i ch, Nünberg, über die Entstellung und die Ziele der „Vereinigung liberaler Juden" in klarer und eindringlicher Sprache und forderte zur Gründung einer Ortsgruppe Würzburg -aus. Mit warmem Beifall begrüßt, erschien sodann Herr Rabbiner Dr. Freudenthal, Nürnberg, am Rednerpult und sprach in fesselnder, oft tief ergreifender Weise über das Wesen des liberalen Judentums und die Entstehung und Bedeutung der Richtlinien. In atemloser Spannung folgte man diesen glän- . zenden, Ausführungen, die so manchesmal durch stürmische Zustimmung unterstrichen wurden. Der Beifall, der dieser Rede folgte, gestaltete sich zu einer förmlichen Ovation für den Redner, der die Herzen aller Anwesenden so tief zu erfassen verstanden hatte. Die Diskussion, an der sich die Herren Rosenthal, Frendenberger, Dr. Riesenfeld und Rechtsanwalt Dr. Haas beteiligten, verlief in ruhigen. Bahnen, war aber reich an interessanten Momenten. Das Schlußwort gab Herrn Rabbiner Dr. Freudenthal Gelegenheit, sich als außerordentlich gewandten und schlagfertigen Debatter zu bewahren. Und der positive Erfolg des Abends? Etwa 60 Teilnehmer der Versammlung meldeten ihren Beitritt zu einer Ortsgruppe der „Vereinigung liberaler Juden" an, die sich demnächst konstituieren und dafür sorgen wird, daß das erwachte Interesse für die jüdischen Fragen auch bei uns in Würzburg lebendig erhalten wird. Der neue Lmiftwsrt-puklstz. Von Lu d w i g Geiger. 3 m ersten Dezemberhest 1912 des „Kunstwart" steht ein Aussatz des Herausgebers F. Avenarius mit dein Titel: „Juden, Antisemiten und wir, ein offener Brief an den Verein zur Abwehr des Antisemitismus". Er bezieht sich im wesentlichen auf Privatbriefe des Herrn W. Gothein an den Herausgeber der Zeitschrift, auf einen Briefwechsel, der sich daran knüpfte, und aus die Kampsesweise, die sich seitens der vom Abwehrverein inspirierten Blätter an diesen Briefwechsel schloß. Im Namen des Abwehrvereins habe ich nicht zu sprechen, denn ich gehöre nicht einmal zu seinen Mitgliedern. Ich habe immer dem Grundsatz gehuldigt, daß ein Verein zur Abwehr des Antisemitismus ausschließlich aus vorurteilslosen Christen bestehen müßte, denn von Juden sollte man annehmen, daß sie eben als Juden Gegner und Bekämpfer des Antisemitismus sind. Was nun aber den Avenariusschen Aufsatz betrifft, so zerfällt er in zwei verschiedene Teile. Der eine ist; wie bemerkt, eine Abrechnung mit dem Abwehrverein. Herr Avenarius versteigt sich dabei zu der Behauptung: „Ich beschuldige Sie, daß Sie den Antisemitismus bei Unbesonnenen fördern und bei Besonnenen verzeihlich machen. Und behaupte, daß ich Sie-auch im Sinne aller vornehm denkenden Juden beschuldige". Das geht meines Erachtens 51t weit, freilich führt Avenarius Tatsachen an, die derart sind, daß man das Vorgehen des Abwehrvereins nicht für ganz einwandfrei erklären kann und die Erregung oder Entrüstung des Herrn Avenarius wohl zu begreifen vermag. Aber die Folgerungen, die der Herausgeber des „Kunstwart" ans dieser Kampfesweise zieht, gehen zu weit.' Während ich aber, wie gesagt, diesen Privatstreit, der allerdings auch ein gewisses öffentliches Interesse hat, den Beteiligten zur Entscheidung überlassen muß, fühle ich mich gedrungen, zum zweiten Teil des Avenariusschen Aufsatzes das Wort zu ergreifen. Der Verfasser teilt eine Reihe von Auszügen aus zionistischen Aufsätzen mit, die sich einerseits gegen die Taktik des Abwohrvereins wenden, anderseits seine Kampfweise überhaupt verurteilen. Auf diese Zusammenstellung läßt er ein Bekenntnis, eine Frage und ein Ersuchen folgen. Das Bekenntnis lautet: „Nach dieser ganzen Ausspräche ist für mich Nichtjuden das allerersreulichste, daß wir uns in den: dringenden Wunsch zur rücksichtslosen Entschleierung der Verhältnisse und damit an die praktische Arbeit, an die Besserung dieser Verhältnisse auf lange hinaus mit den ihres Volkstums bewußten Inden v 0 l l k 0 m m e n einig finden. Genau so bitter wie wir beklagen s i e sich darüber, daß wir fühlen, denken, arbeiten, von „Tageblattjuden", wie sie sie nennen, unterdrückt werden". Dieses Bekenntnis beklagen wir — ich spreche in meinem Namen und in dem vieler Gesinnungsgenossen — aufs altertiefste. Seit einem Jahrhundert und länger kämpfen die aufgeklärten deutschen Juden und die Juden anderer Länder dafür, nicht als ein. Volk, sondern als eine G l a u b e n s g e m e i n s ch a ft a n g e s e h e n z u w erde n. Für uns hatte der Volksgedanke nur eine Berechtigung/solange wir von den-Völkern, unter denen wir wohnten, nicht als vollberechtigt, wenigstens in der Theorie ausgenommen wurden. Deshalb halten wir den Zionismus für so unheilvoll und bekämpfen ihn auf das entschiedenste, weil er diesen Volksgedanken, von dem wir absolut nichts wissen wollen, diese nationale Idee, von der wir glücklich erlöst zu sein wähnten, wieder aufgebracht hat. Damit beantwortet sich zugleich die Frage des Herrn Avenarius. Diese Frage lautet: „Mit welchem Recht hält der Verein zur Abwehr des Antisemitismus die Meinung der ihres Volkstums bewußten Juden für gleichgültig?" Wir — ich spreche nicht im Namen des Abwehrvereins, sondern im Namen vieler Gesinnungsgenossen — halten diese Gesinnung nicht für gleichgültig, sondern wir betrachten diese Anschauung als einen entsetzlichen Schädling. Wir, die wir nur eine Glaubensgemeinschaft sind und sein wollen, wir, die wir mit allen Kräften nach dem Deutschtum verlangen (ebenso wie die jüdischen Einwohner Frankreichs, Englands und Italiens nach der Zugehörigkeit zu ihrem Volke), wir müssen solche Meinungen nationalbewußter Inden als- Auswüchse bis aufs Messer bekämpfen, weil wir in ihnen die Vernichtung des Judentums erblicken und in ihr eine Ausschließung aus der Volksgemeinschaft sehen, die wir allein für die berechtigte halten. '

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