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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-01-31 · Heft 5 (31.1.1913) · p. Seite 53

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 5 (31.1.1913)
Date
1913-01-31
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
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53 sähigkeit, im genialen Wurf, im künstlerischen Ahnen, in selten trügender Intuition. Müller war ein energischer, fleißiger, eifriger, rastloser und unermüdlicher Arbeiter. Vorlesungen am Rabbinerseminar und an der Universität, Senats- und Mademiesitzungen, Prüfungen, Referate über Dissertationen und Arbeiten für die Sitzungsberichte der Akademie, Redaktionstätigkeit bei der Wiener „Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes", eine ausgebreitete wissenschaftliche Korrespondenz und dazu Jahre hindurch mehrere Stunden täglich mit seinem „Ali", dem Socotramann, zu verkehren, seine Diktate nachzuschreiben, grammatisch und lexikographisch zu ordnen und in das Verständnis derselben einzudringen — setzt eine Energie und Arbeitskraft voraus, die ans Unglaubliche grenzt und die nur wenigen gottbegnadeten Menschen zuteil wird. Müller war ein ausgezeichneter Lehrer, seinen Vorlesungen lauschte man mit gespanntester Aufmerksamkeit. Es waren aber nicht künstlerischer Ausbau der Rede, seine Pointierung, Gewalt der Sprache oder glänzende Rhetorik, welche Ohr und Auge der Zuhörer an seine Lippen fesselten; es war das scharfe Denken, der sprühende Geist, das Oeffnen weiter Horizonte, das Vereinigen des Nahen mit dem Fernen und des Fernsten mit dem Nächstliegenden, das Einflechten geistreicher Apercus, Witzworte und Anekdoten und oft Mitteilungen über ihn beschäftigende Probleme, Berichte über Arbeiten, die er begonnen oder vollendet hat. Darin lag der eigentümliche Reiz von Müllers Vorträgen, dies alles machte ihren Zauber aus. Schon durch diese Beschaffenheit seiner Vorträge wurden Müllers begabtere Schüler zum selbständigen wissenschaftschaftlichen Arbeiten anfyV geregt. Dazu kam die direkte Förderung durch Aufmunterung und Anspornung , dann Leitung und Ueberwachung der Arbeiten und ihre Veröffentlichung in den unter seinem Einfluß stehenden Organen. Viele seiner Schüler wurden von ihm auch in materieller Beziehung wirksam unterstützt, und gar mancher von ihnen ist nur durch diese Unterstützung in der Lage gewesen, sich der Wissenschaft zu widmen. Auch nachdem die Jungen flügge geworden und auf eigenen Füßen standen, entzog ihnen Müller nicht sein wohlwollendes Interesse und seine väterliche Fürsorge; er verfolgte ihre Arbeiten mit inniger'Anteilnahme und scheute keine Mühe, sie auch im Leben weiterzubringen. Ueber literarische Erfolge seiner Schüler, auch wenn es sich um Arbeiten handelte, bei denen er j gar nicht beteiligt war, freute sich Müller nicht weniger als die! Erfolggekrönten selbst und vielleicht auch nicht weniger als j über seine eigenen Erfolge. - Und so sind wir zum Menschen Müller gekommen. Als; Mensch hatte Müller seine Schwächen, besonders eine etwas? gesteigerte Empfindlichkeit. Wirklichen oder vermeintlichen Undank konnte er schwer verwinden und verzeihen, Nichtberücksichtigung seiner Forschungen kränkte ihn sehr, Plagiate an seinen Arbeiten konnte er überhaupt nicht vergessen. Ein Fehler, der keinem mehr Schaden zufügte als ihm selbst. Aber gesteigerte Empfindlichkeit ist der Fehler der Genies. Dieser Schwäche steht eine Reihe hervorragender Herzenstugenden und edler Charakterzüge entgegen. Er besaß ein weiches, empfindsames Herz, ein sanft-temperamentvolles Wesen und die Bescheidenheit eines echten Weisen. Zu Frau und Kindern war er von tiesinniger Liebe durchdrungen, seinen Freunden in unverrückbarer Treue und Opferwilligkeit ergeben. Neid und Mißgunst waren ihm fremd, Wahrheitsliebe und Aufrichtigkeit zierten ihn in hohem Grade. Am 21. Dezember 1912 wurde. Müllers arbeits-, kampf- und erfolgreiches Leben abgeschlossen. Früh, allzu früh! „Der Menschen Herz ist eigentümlich beschaffen und spielt einem einen Streich, bevor man sich umsieht." Es war eine Herzkrankheit, der Müller zum Opfer fiel. Der Lsnrpk um die „Mchtlinien" m Wiirsburg. mit einem Schlage ist die. jüdische Bevölkerung Würzburgs aus einem kräftigen und langjährigen Schlafe erwacht. Die Friedensliebe, aber auch der Jndifferentismus der liberalen Kreise störte bisher die Zirkel der Orthodoren nicht, obwohl diese letzteren seit Jahren in der Minorität sind. Ueber Nacht islls mm anders geworden. Vor einigen Wochen hat der Ausschuß der Kultusgemeinde sich der bekannten Resolution der Berliner Gemeinde angeschlossen. Davon erfuhr man in der Oeffentlichkeit erst etwas, als eines Tages in der gelesensten Zeitung der Stadt eine öffentliche Protestv e r s a m m l u n g ungeschrieben war. Gegen den Beschluß vom 15. Dezember vorigen Jahres sollte protestiert werden. Und jetzt fragte man gespannt: „Was ist da beschlossen worden?" Da bekam man nun allerhand zu hören: der Ausschuß habe seine Kompetenz überschritten, habe sich auf den Boden der „Richtlinien" gestellt, bringe Unfrieden in die hiesige Gemeinde und dergleichen mehr. Und was wurde erst alles von den „Richtlinien" behauptet! Gar häufig konnte man hören: sie wollen den Samstag auf den Sonntag verlegen und ähnliches. Sicher war nur das eine: die Orthodoxen und zahlreiche Auchvrthodoxe waren 'in großer Aufregung; am meisten die, die am wenigsten orientiert waren. In der Protestversammlung berichtete Herr Grünebaum (Nürnberg) über die Dinge, wie er sie sieht. Man kann nicht behaupten daß nach dieser Versammlung gründlichere Kenntnisse übe,, den Inhalt und die Bedeutung der Richtlinien hier verbreitet gewesen wären. Da traten nun die Liberalen auf den Plan und luden zu-einer Versammlung ein, in der von berufener Seite Aufklärung gegeben werden sollte. Diese Versammlung hat am Sonntag, den 19. Januar, im Saalbau des Hotels Goldschnndt stattgefunden. Auf M9 Uhr war der Beginn

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