Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
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LS damit ihre Häuser ZU billigen Preisen in polnische Hände übergehen sollen. Ja nicht einmal die Armee der jüdischen Handwerker, deren ' Dasein ohnehin geradezu ein klägliches ist, wird geschont. Auch gegen sie wird mit den ärgsten Mitteln des offenen Terrors gekämpft. Nicht selten kommt es zu blutigen Schlägereien, wenn ein Pole erwischt wird, der sich an einen jüdischen Handwerker wendet. Diese polnische Boykottpolitik zeugt nicht gerade von einem hohen Stande politischer Kultur. Die Warschauer Inden, die einen sozialdemokratischen Polen wählten, haben nichts getan, was als ein Unrecht gegen die polnische Nation bezeichnet werden könnte. Sie haben vorher bei den polnischen Kandidaten Nachfrage gehalten, ob sie für die Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Unterschied eintreteu. Diese Frage ist von allen, mit Ausnahme des Sozialdemokraten, verneint worden. Es ist nun doch ein ganz natürliches Interesse der Selbsterhaltung, den Kandidaten zu wühlen, der für die Gleichstellung der Juden eintritt, und gerade die Polen, die sich zu den unterdrückten Völkern — mit einem gewissen Recht — zählen, sollten Billigkeitsgefnhl genug besitzen, eine solche Haltung zu verstehen. Wie können die Polen au Recht und Menschlichkeit appellieren, wenn sie selbst sie nicht üben! Aber der Boykott gegen, die Juden ist auch noch aus einem anderen Grunde sehr unklug. Es kann nicht ausbleiben, daß der Boykott aus die Dauer nicht bloß die Juden, sondern das gesamte Wirtschaftsleben Polens aus das schwerste schädigt, und es ist ungeheuer kurzsichtig von den Boykotthetzern, wenn sie meinen, sie könnten den wirtschaftlichen Krieg lokalisieren oder aus diejenigen beschränken, die sie vernichten wollen. Der Boykott muß notwendigerweise auch über die Grenzen Polens hinaus wirken und die Kreditfähigkeit aller polnischen Unternehmungen, nicht bloß, der jüdischen, ins Wanken bringen. Im Auslände und auch'im übrigen Rußland, überall, wo mau Geschäftsverbindungen mit Polen unterhält, wird man bedenklich werden und die Gewährung von Krediten im eigenen Interesse einschränkeu odLr einstellen. Wenn schon andere Erwägungen bei den polnischen nationalistischen Hitzköpfen keine Wirkung haben, so wird dann vielleicht diese Wirkung sie nnf die Zweischueidigkeit des Boykotts aufmerksam machen. Daß die russischen Behörden an der Verschärfung des Gegensatzes zwischen Polen und Juden ihre Freude haben mrd ruhig dem Kampf Zusehen, ist nach ihrer Natur begreiflich. Aber auch sie sollten sich nicht bloß von ihrer politischen Gegnerschaft leiten lassen, sondern bedenken, daß es sich um das Wirtschaftsleben einer großen und im Verhältnis zum übrigen Reiche gut entwickelten Provinz handelt. DE David Heinrich v. Müller. Ein Charakterbild von V. Aptowitzer. s ist kein leichtes Unternehmen und meinerseits auch eine Unbescheidenheit, eine so überragende Persönlichkeit wie David Heinrich v. Müller würdigen zu wollen. Aber es ist das Gefühl der Pietät gegen den verehrten Lehrer, der Dankbarkeit gegen den tatkräftigen und tatfrohen Förderer und aufrichtigen Freund, das es mir als Pflicht erscheinen ließ, der Einladung des Herausgebers der „Allgemeinen Zeitung des Judenstums" zu einem kurzen Artikel über D. H. Müller- Folge zu leisten. Es gibt ein Gelehrtenschicksal. Es zeigt sich in der mitunter recht wunderbaren Weise, wie einer ein Gelehrter wird, und besonders in dem, was einer als Gelehrter leistet. Wenn aus einem weltfremden, asketischen Talmudjünger einer kleinen galizischen Stadt ein Universitätsprofessor und weltberühmter Sprachforscher wird, so ist dies ein Schicksal; und wenn ein Gelehrter nicht darauf beschränkt bleibt, vorhandenes Material zu verarbeiten, ein gegebenes Gebiet auszubauen, zu erweitern und westerzubilden, sondern das Glück hat, neue Wissensgebiete zu erschließen, Unbekanntes zu finden und Ungeahntes zu entdecken — so ist dies ein Schicksal, ein gnadenreiches Schicksal. Es war das Schicksal David Heinrich Müllers, dieses aus seiner ursprünglichen tälmudischen Laufbahn geratenen Sterns der orientalistischen Wissenschaft. Müller war als Philologe wie als Jnschristenforscher gleich hervorragend. Als Aramäist ist seine Bearbeitung der altaramäischen Inschriften von Sindschirli allgemein als mustergültig anerkannt; auch auf dem Gebiete der Keilschriften hat er bedeutende Erfolge erzielt; als Arabist war er unbestrittene Autorität auf dem Gebiete der sprachlichen und geschichtlichen Erforschung Südarabiens, einer der Hauptbegründer der Sabbäistik, zu derer mit seiner Ausgabe der geographischen und archäologischen Werke Hamdanis den Grund legte. Den Sprachforscher und Epigraphiker Müller zeichnet David Kaufmann mit folgenden Sätzen: „Ein Vollbürtiger, ein Wortforscher und Generalbuchstäbler von unbestrittener Geltung im ganzen Lager, ein Sprachvergleicher und Jnschristenforscher, auf dem ganzen Gebiete des Semitismus heimisch und spruchbefugt, der in Wan und Sindschirli zu Hause ist und von Abessinien nach hemen entdeckungsreich hinüberschreitet, die Schlösser und Burgen Südarabiens beherrscht und Könige einsetzt in Saba." Was aber Müllers Gelehrtenruf aus dem immerhin beschränkten Kreis der semitischen Sprachforschung in die weite Welt trug und ihn zum unsterblichen Gelehrtenruhm machte, war eine literarische Tat, die nicht bloß in Müllers eigenem Leben eine hervorragende Rolle spielte, sondern auch für die Wissenschaft ein Ereignis von überwältigender Bedeutung war: die Entdeckung der. Urgesetze der semitischen Poesie, niedergelegt in den zwei 1896 erschienenen Bänden: „Die Propheten in ihrer ursprünglichen Form" und in mehreren weiteren Schriften und Aussätzen vertieft, erweitert, begründet und ausgebaut. Die gemeinsamen Kunstgesetze der religiösen Poesie der Semiten, in den Propheten, Keilschriften und im Koran — später auch in den Evangelien — wurden hier zum erstenmal erkannt, scharf umschrieben und mit wissenschaftlicher Präzision ausgedrückt. Hier ist ein durch entfernte Zeiträume und weitauseinanderliegende Schauplätze wirksames Gesetz nachgewiesen, das ohne Gewalt und ohne Willkür uns zur Anerkennung zwingt; ein den Zufall ausschließendes, unwiderlegbares Gesetz, dessen Erkennung eine große Fülle von Licht und Einsicht im Gefolge führt; ein Gesetz, das der Bibelwissenschaft neue Woge gezeigt, die Bibelforschung in neue Bahnen gezwungen. Es scheint in der Tat Müllers Schicksal und Berus gewesen zu sein, große historische Zusammenhänge aufzuhellen. So hat er nach dem Urgesetz der semitischen Poesie auch das Urgesetz und den Zusammenhang des semitischen Rechtes entdeckt und nachgewiesen, in seinem Buch: „Die Gesetze Hammuräbis und die mosaische Gesetzgebung" und in anderen Schriften. Auch diese Entdeckung hat der Bibelforschung neues, heilsames Licht zugesührt. Daß Müllers für die Bibelforschung so bedeutungsvolle Arbeiten nicht aus seinen Universitätsvorlesungen geflossen, sondern aus seiner Lehrtätigkeit am Wiener Rabbiner seminar entstanden sind, darf nicht unerwähnt bleiben. Es ist vielleicht auch ein Schicksal. . Müller war nicht bloß ein erfolgreicher Arbeiter in der Wissenschaft, sondern auch f ü r sie; er war nicht bloß Entdecker und Pfadfinder, sondern auch energischer, von Erfolg gekrönter Initiator. Fast alles, was in den letzten Dezennien in Oesterreich in der Semitistik und für sie geleistet wurde, ist das Verdienst Müllers. Als Gelehrter war Müller ein Tiesgrabender, aber kein Grübler; Belesenheit war nicht seine starke Seite, woraus er übrigens kein Hehl machte. So schilderte er mir in recht drastischer Weise seinen Schrecken beim Anblick des Arbeitszimmers eines hervorragenden Gelehrten: „Wenn man so viele Bücher'in sein armes Hirn pressen muß, um Gelehrter zu werden, so gebe ich es lieber gleich aus." Er hat es nicht ausgegeben. Zum Glück sür die Wissenschaft. Daß Müller, wo es not tat, auch imstande war, „viele Bücher in sein Hirn zu pressen", beweist der ungeheure Literaturapparat seines Hamdani. Im ganzen aber war er kein Bücherwurm; seine Stärke lag in der Schärfe des Geistes, im raschen Erfassen und Durchdringen, in der Vielseitigkeit und leichten Akklimatisations-