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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-01-31 · Heft 5 (31.1.1913) · p. Seite 51

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 5 (31.1.1913)
Date
1913-01-31
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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wieder eine Periode starken Einflusses des nationalistischen Elements beginnen werde. Die antisemitisch angehauchte Presse begrüßt die Wahl Poinoares mit einer etwas ausfälligen Genugtuung und Freude, und auch die klerikale Presse in Frankreich wie im Auslände kommentiert die Wahl des neuen Präsidenten in so wohlwollendem Tone, daß man annehmen sollte, Herr Poincare sei der Mann ihres Vertrauens. Wir Juden werden uns gewiß erinnern, daß der neue Präsident der französischen Republik erst vor kurzem, da er noch Minister des Aeußeren gewesen ist, es in auffallend energischem Tone äblehnte, zugunsten der Franzosen jüdischen Bekenntnisses', die beim Aufenthalt im Reiche des Väterchen Zar schikanös und anders behandelt werden als die Franzosen nichtjüdischen Be- . kenntnisses, bei der russischen Regierung Vorstellungen zu erheben. Herr Poincare machte sich den bequemen Standpunkt der deutschen Regierung zu eigen und erklärte die Frage der Behandlung französischer Staatsbürger jüdischen Glaubens in Rußland als eine rein russische innere Frage, in die sich eine fremde Negierung nicht einzumischen habe. So ganz anders also, wie die große Republik jenseits des Ozeans, die sich die Behandlung ihrer Bürger, auch wenn sie jüdischen Bekenntnisses sind, seitens Rußland nicht gefallen ließ und selbst den Handelsvertrag mit Rußland aus diesem Grunde kündigte und nicht mehr erneuerte. Es ist nicht nur möglich, sondern sogar höchst wahrscheinlich, daß höhere politische Erwägungen das Verhalten Poinoares in dieser Frage beeinflußten: die intime Freundschaft mit Rußland, auf welche man in Frankreich den allergrößten Wert legt. Man rühmt Herrn Poincare als geschickten Schwimmer, der immer mit der Strömung der Volksstimm ungen zu schwimmen versteht. Wenn das richtig ist, so darf man wohl annehmen, daß sich die Hoffnungen derjenigen Elemente, die die Dreyfusaffäre schufen, wie die Hoffnungen der Reaktionäre 'in Frankreich nicht erfüllen werden, denn gerade der Fall Millerand und Paty du Clam hat erwiesen, daß Das französische Volk sehr empfindlich ist, sobald es nur an jene Tage der antisemitischen Schmach erinnert wird. Herr Millerand mußte in der' Versenkung verschwinden, und sein Schicksal wird wohl auch anderen Staatsmännern und selbst Poincaro eine ernste Warnung sein. Daß der neue Präsident zunächst auch weit davon entfernt ist, die Politik der Konzentration aller Kräfte aufzugeben, erhellt daraus, daß in das neue Ministerium, mit dessen Bildung sein Intimus Briand betraut ist, und mit dem Herr Poincare zu arbeiten haben wird, wiederum auch zwei Juden berufen werden: als Finanzminister Klotz und als Landwirtschaftsmiurster David. — Aber wie dem auch sei, es ist sicher, im Frankreich von heute dürfte es auch einem noch Größeren, als es Herr Poincare ist, sehr schwer sein, einer Politik zum Siege zu verhelfen, die die absolute Gleichstellung aller Staatsbürger ohne Unterschied der Konfession je in Frage stellen könnte. Und es wäre falsch, solche Absichten einem Manne zuzuschreiben, der sich bisher als treuer Paladin der republikanischen Institutionen Frankreichs bewährt hat. * Aus Spanien wird uns geschrieben: In der Annahme, daß die Nachricht für Ihr geschätztes Blatt von einigem Interesse sein könnte, teile ich Ihnen mit, daß dieser Tage in verschiedenen spanischen Zeitungen ein Aufruf im Namen von 60 000 Juden Salonikis spanischer Herkunft erschien. Die „Correspondencia de Espania" erwähnt it. a.: „Im Orient gibt es Tausende von Israeliten spanischer Herkunft, die unsere Sprache sprechen, sich unsere Lebensweise aneignen, spanische Juden, die uns mit spanischem Herzen lieben, die ebenso unsere Brüder sind wie zum Beispiel die Spanier in Amerika. Diese Spanier Salonikis leiden jetzt schwer unter dem Joch der Eroberer. Und Saloniki ist so spanisch, daß die Reisenden, die es besuchen, die spanische Sprache einigermaßen beherrschen müssen. Könnte Spanien nicht in irgendeiner Weise Fürbitte für diese Israeliten einlegen, vor Europa ein Wort der Sympathie für sie aussprechen? Könnte nicht endlich ein einflußreicher Politiker seinen Einfluß und seine Macht dahin geltend machen, um sich der so bedeutungsvollen Vereinigung zwischen Spaniern und Israeliten anzunehmen, einem Unternehmen, das nicht so diskutierbar wäre, wie unsere Ausbreitung in Afrika?" ¥ Ueber den Boykott gegen die Juden in Polen schreibt die „Frankfurter Zeitung": I Bei den Dnmawahlen in Warschau haben, wie bereits früher gemeldet wurde, die dortigen Juden, welche die Mehrheit im Wühlerkolleginm hatten, den Sozialdemokraten Jagiello gewählt, weil er der einzige Kandidat war, der sich verpflichtete, für die Gleichberechtigung der Inden einzntreten. Darüber sind die polnischen Parteien so in Wut geraten, daß sie einen wirtschaftlichen Boykott der Juden proklamiert haben, der nun schon seit beinahe zwei Monaten auhält und begreiflicherweise auf das geschäftliche, aber auch ans das soziale Leben die schlimmsten Wirkungen ,ausübt. Die „Russische Korrespondenz" bringt über den Boykott ans Warschau eine Schilderung, der nur folgende Einzelheiten entnehmen: Es ist ein durch seine Brutalität einzigartiger Boykott, der mittelalterlichen Fanatismus und raffinierte moderne Niethoden vereinigt. Der Appell: „Kaust nur in christlichen Läden!" (gemeint sind natürlich polnische) wird durch eine große Zahl von Zeitungen Warschaus und der Provinz sonne durch eine Unzahl von Flugblättern, Proklamationen, Reklamen' seit Wochen bis in die fernsten polnischen Hütten hinansgetragen, und in gar vielen polnischen Geschäften prangen jetzt grelle Plakate mit der Aufschrift: „Hier ist ein christlicher Laden, kauft nur bei Christen!" Auf den Straßen kann man aber beobachten, wie vornehme Damen und elegant gekleidete Herreil, freiwillige Agitatoren ans der Studentenschaft, halbwüchsige Burschen in der Nähe der jüdischen Geschäfte herumlungern, um jeden polnischen Käufer durch Zureden.oder gewaltsam zu verscheuchen. Schrieb doch der „Gvniec" vor kurzem: „Wir müssen vor allem einen energischen Kamps gegen die kleinen jüdischen Ladeninhaber eröffnen, da sie von allen am ehesten zugrunde gehen werden." In der Tat ist infolge dieses Kampfes die Existenz von Tausenden von jüdischen Geschäftsinhabern, namentlich derer in den polnischen Vierteln, vom Ruin bedroht. Gleichwohl drucken die besonders rabiaten Zeitungen immer noch ganze.Listen solcher Firmen ab, die durch die Namen ihrer Inhaber nicht deutlich genug als jüdische zu erkennen sind. Neuerdings richtet sich der Kampf besonders heftig gegen die zahlreichen jüdischen Vertretungen ausländischer und innerrnssischer Firmen. Gerade die Moskauer größten Handelshäuser haben nämlich ihre polnischen Filialen geschäftskundigen Inden überlassen, die als Vermittler zwischen der russischen Wirtschaft und dem Pvlentum eine maßgebende Rolle spielen. Die Polen verlangten nunmehr unter Drohungen, daß die russischen Firmen ihre jüdischen Vertreter durch Polen ersehen sollen. Ueberhaupt greift die polnisch-patriotische Presse die jüdischen Vermittler >an und führt eine heftige Kampagne gegen die Kommissionäre, Spediteure und Handelsreisenden, die sich bislang zum größten Teil ans Juden rekrutieren. Um den Boykott wirksamer durchführen zu können, organisieren die Agitatoren spezielle Bereinigungen oder christliche Genossenschaften, die sich gegenseitig verpflichten, nichts bei Juden zu kaufen. Eine wütende Kampagne ist zu allerletzt auch gegen die jüdischen Advokaten eröffnet worden. Da null die polnische Presse auch keinen Unterschied mehr zwischen Juden und Getauften machen, und die Namen der jüdischen Photographen haben die besonders fanatischen Boykottblättcr samt und sonders abgedruckt, damit nur ja kein „Mißverständnis" entstehe. Wer ihren Intentionen nicht nachkvnunen sollte, dem drohen sie mit. Veröffentlichung seines Namens, so insbesondere denjenigen Hauswirten, die sich noch jüdischer Verwalter bedienen. Daß.aber die Warnungen dieser Art ernst gemeint sind, iveiß man in. Warschau nur zu gut. Unter dem Druck terroristischer Drohungen hat bekanntlich die Warschauer Philharmonie sämtliche jüdischen Mitglieder threr Kapelle entlassen, und nicht nwniger als 200 jüdische Musiker sind insgesamt bereits unter den Einwirkungen des Kampfes brotlos geworden. Die Bevollmächtigten der offiziellen städtischen Kreditgesellschaft fordern, daß die polnischen Geldverleiher den jüdischen Hausbesitzern die Hypotheken kündigen,

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