Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-01-24 · Heft 4 (24.1.1913) · p. Seite 47

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 4 (24.1.1913)
Date
1913-01-24
Page
Seite 47 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229069-3229074--69150-3281436
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

47 „Weil -ii junger Mann vielleicht alles selbst behalten.hätte. Aber du kannst jungen Männern geben." „Mm," machte Simon und verfiel-wieder in einen Gedankengang, der ihm nichts weniger als angenehm war. Lange bevor er die 200 000 Taler endlich fest hatte, gleich bei der ersten Ratenzahlung, war eine Peinliche Frage vor Simon Levi aufgetaucht. Das war die Frage des Maser. Dem Gesetz zufolgesoll man den zehnten Teil dessen, was man erwirbt, den Armen geben, und es gibt mehr Juden, als man glaubt, die noch heutigentags dieses rein moralische Gesetz befolgen. Aber als Simon Levi an diese Pflicht zu denken und Betrachtungen darüber anzustellen begann, fand er, es sei ein großer Unterschied, ob ein Mann in einem' gleichmäßigen Erwerbe stecke und davon jährlich sein Zehntel abgäbe, oder ob er plötzlich ein großes Betriebskapital erhielt. Sollte er, dem Buchstaben des Gesetzes gemäß, ein Zehntel des ganzen Kapitals, 20 O00 Taler, geben oder jährlich den zehnten Teil der Zinsen? Anscheinend wäre das Resultat in beiden Fällen dasselbe. Aber die Rechnung lautete wie folgt: Wenn ich auf einmal 20 000 Taler gebe, so muß ich in Zukunft noch jedes Jahr den zehnten Teil der Zinsen von 180 000 Talern geben — dagegen, wenn ich die 20 000 Taler behalte, dann kann ich jährlich die Zinsen von ihnen geben, und damit ist dann alles abgemacht. „Zwanzigtausend Taler auf einmal," fügte Simon im stillen hinzu. „Welcher rechtschaffene Kopenhagener wird zwanzigtausend Taler auf einmal weggeben, weil er w bißchen Geld aus Südamerika erbt? Wer wäre der Nächste dazu? Mein Bruder! Leidet er Not? Hat er kein Brot im Haus? Kriegte er zwanzigtausend Taler, würde er in die Höhe fliegen un schreien Kikeriki — wie e Hahn un mir den Fuß auf den Nacken setzen un der Erste in der Familie sein, un denn würd' er mit mein Geld spekulieren un sich selbst ruinieren, der Windbeutel!" Aber damit war die Sache keineswegs abgetan. Wenn auch seine Angabe offiziell dem lieben Gott gegenüber zu Recht bestehen konnte, wenn er sich auch mit Recht als veranwortlicher und steuerpflichtiger Besitzer von nur 20 000 Reichstalern betrachten und den Rest ganz für sich behalten konnte, so hatte er das Geld doch derart angelegt, daß er von mancher Summe fünf oder sechs,' zuweilen sieben, von anderen nur vier Prozent erhielt. Welche von diesen Summen kamen nun auf den lieben Gott? Der offizielle Zinsfuß betrug vier Prozent. Endlich wurde die Sache durch einen letzten Umstand völlig verwickelt. Wir haben gesehen, daß Levi anläßlich jenes Festes 500 Taler an die Armen gab. Vorher hatte er seinem Brüder Mortche oder Martin tausend Taler gegeben und geglaubt, damit ein gutes Geschäft zu machen. Der Bruder war zu ihm gekommen, und mit der "Leichtigkeit, Vertraulichkeit oder Herablassung, der Simon nicht widerstehen konnte, hatte er ihn so zum Reden und zu dem Eingeständnis (wenn auch in unbestimmten Wendungen) gebracht, daß sein Erbteil eine ganz hübsche Summe betrüge. Dann hatte der Bruder so ganz beiläufig auf einen Wechsel von Lausend Talern angespielt, den er zu bezahlen habe, und Simon hatte, um für seine unvorsichtige Rede nicht mit einer noch größeren Summe büßen zu müssen, gleich zum Bruder gesagt: „Laß es Maser sein." Und der Bruder hatte es angenommen, scheinbar von Herzen zufrieden, aber überzeugt davon, daß Simon ihm vor Gott viel, viel mehr schuldig sei. Das waren also schon 1500 Taler, und außerdem hatte Simon im stillen hie und da einige Summen fortgegeben, die sich aus ein paar hundert Taler beliefen, was er dem Herrgott kaum auf die Rechnung zu setzen. wagte, weil diese Wohltätigkeit ihm selbst Freude gemacht hatte. Aber er buchte sie doch.' Im ganzen zirka 1700 Taler. Wenn man nun Geduld zum Nachrechnen hat, so wird man sehen, daß — Levis offizielle Angabe der Erbschaft mit 20 00(1 Talern als richtig vorausgesetzt — seine Jahreseinnahme aus der Erbschaft zu 4 Prozent Zinsen 800 Taler betrug. Er hatte also infolge dieser Rechnung dem lieben Gott nicht weniger als 900 Taler Vorschuß gegeben. Sogar, wenn man die Zinsen der 2000 Taler unvernünftig hoch anschlug, mit 7 Prozent, also auf 1400 Taler, hatte er 300 Taler Vorschuß stehen. Und das einzige Unangenehme bei diesem günstigen Status war, daß er nur offiziell war> daß das Gewissen eine andere Rechnung ausstellen und sich mit weiter nichts entschuldigen konnte, als: da er nicht das volle Vergnügen von seinem Reichtum hatte, so brauchte er auch nicht die volle Steuer für ihn zu bezahlen. Aber es gibt vielleicht manchen geehrten Mitbürger, der bei der Selbsteinschätzung zur Einkommensteuer in ein ähnliches Dilemma gerät gegenüber, der Frage, was Vermögen, was Einkommen sei, wie hoch er seiner Meinung nach zu besteuern sei, und wie hoch die Einschätzungskommission ihn wohl veranschlage. (Fortsetzung folgte Lücheremlauk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Die alttestamentarische Wissenschaft und die Religionsgeschichte. Rede zum Antritt des Rektorates der Königlichen Friedrich-Wilhelms- Universität in Berlin, gehalten in der Aula am 15. Oktober 1912 von Wolf Wilhelm Graf Baudissin. Berlin 1912. Universitäts-Buchdruckerei von Gustav Schade. Sitzungsberichte XXIII, XXXV, XXXVIII 1912 der Königlich preußischen Akademie der Wissenschaften. Sitzung der philosophischhistorischen Klasse vom 2. Mai. Gesamtsitzung vom 11. Juli und 25. Juli. Faust und Moses I, II, III von Konrad Burdach. Aus drei. Feldzügen 1812 bis 1815. Erinnerungen des Prinzen August von Thurn und Taxis. 1912. Im Insel-Verlag zu Leipzig. Pelle, der Eroberer. Roman in zwei Bänden von Martin Andersen Nexö. Zwei Bände. Geheftet 8 Marktgebunden 10 Mark. Im Insel-Verlag, Leipzig 1912. Sprechsaal. In einer gemeinsamen Sitzung des Vorstandes und der Repräsentantenversammlung wurde einstimmig beschlossen, der Erklärung des Vorstandes'der jüdischen Gemeinde Berlin vom 1. Dezember 1912 in Sachen der „Richtlinien"' beizutreten. Essen (Ruhr), 12. Januiar 1913. * Der Vorstand und die Repräsentanten der hiesigen Synagogen gemeinde haben sich in ihrer jüngsten Sitzung der Erklärung der Berliner Gemeinde gegenüber der anmaßenden Erklärung der orthodoxen Rabbiner angeschlossen unter Ausschluß des hier nicht, zutreffenden Artikels 4. Bochum, 14. Januar 1913. M. Liebe ns e l d, Repräsentanten-Vorsteher. V. * .. In eigner Sache! Wiederholt ist in letzter Zeit o h n e m e i n V o r w i s s e n u n d o h n e m e i n e Gen e h m i g u n g unter Rundschreiben, Aufrufen und ähnlichen Schriften, die an Privatpersonen, WohltätigkeitsgesellschLften usw. versandt wurden, meine Namensunterschrist gesetzt worden. Ich sehe mich daher veranlaßt, diesen Mißbrauch meines Namens hiermit festzustellen. Dr. med. Arthur Kahn, Charlottenburg. * Erklärung. Gegenüber den Veröffentlichungen des orthodoxen und des traditionell-gesetzestreuen Nabbinerverbandes erklären wir, daß für uns die religiösen Entscheidungen der in unserem Verbände amtierenden Rabbiner maßgebend sind.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.