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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-01-24 · Heft 4 (24.1.1913) · p. Seite 46

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 4 (24.1.1913)
Date
1913-01-24
Page
Seite 46 (sequence 10)
Language
German
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Unglück, das dem Judentum geschehen könnte. Gibt man aber die Möglichkeit eines jüdischen Staates zu, so muß man als die erste Vorbedingung aufftellen, daß er ein wirklich jüdischer ist. Ein Staat mit einem christlichen König, Wenn dessen Familie auch ehemals dem Judentum angehört hat, mit adligen, christlichen Ministern, die gar keine Beziehung zum Judentum haben, mit voller Gleichberechtigung fürandere Nationen und Glaubensbekenntnisse, mit gleicher Duldung des Christentums, ja mit einer Art Vernichtung des Judentums, so daß der neue Glaube höchstens eimge Grundsätze des Judentums beibehält, im wesentlichen aber eine interkonfessionelle Weltreligion ist, kann kein jüdischer genannt werden: Man mißverstehe uns nicht. Wir sind durchaus gegen einen jüdischen Staat, sprechen also nicht in unserem Sinne, sondern im Sinne derer, die etwa einen jüdischen Staat ersehnen. Sind dies fromme Juden, so müssen sie zunächst auf den Fortbestand des Judentums mit seinen Glaubenssätzen und Institutionen drängen: Sind es Zionisten, so würden diese ja das Nationale in den Vordergrund stellen, also zum mindesten verlangen, daß alle Hauptfunktionäre dem Judentum entstammen, nicht aber aus den Reihen christlicher Aristokraten genommen werden, die mit dem Judentum nie etwas zu tun haben. Ich muß daher sagen, dieser utopistische Roman ist völlig verfehlt, denn er kann weder den gläubigen Juden noch den national gesinnten Zionisten die Verwirklichung ihres Ideals zeigen. Betrachtet man aber den Roman, abgesehen von seiner Tendenz, nur als geschichtliche Erzählung, so muß man staunen über die Kindlichkeit, mit der der Verfasser operiert. Die unendlichsten Schwierigkeiten werden hier mit einer Einfachheit gelöst, die geradezu staunenswert ist, wenn sie nicht einfach lächerlich wäre. Wie hier eine Handvoll Leute, denn was bedeuten tausend, von denen die meisten nur in Friedenszeiten zwei Jahre gedient haben, ein ganzes Land erobern, wie hier Referendare, Kausleute, Gelehrte plötzlich. Schlachtenlenker, Diplomaten werden, wie hier Unmöglichkeiten zu Möglichkeiten, ja zu Wahrscheinlichkeiten gestempelt werden, das ist alles von einer so horrenden Naivität, daß man sich häufig fragen muß, ob der Verfasser sich nicht über Zionismus, Orthodoxie, Judentum, europäische Diplomatie und alles mögliche hat einfach lustig machen wollen, . . . , Herr Benedictus Levita ist,-wenn: wir nicht irren, derselbe, der vor einigen Jahren in einem vielbesprochenen Aufsatz das Aufgehen der Juden in das Deutschtum mit Aufgeben ihres Glaubens empföhlen hat; dieser Roman soll wohl das Praktische Exempel auf jene theoretische Auseinandersetzung sein. Mußten wir aber seinerzeit für jene theoretische Belehrung danken, so müssen wir auch diese praktische Betätigung jener Theorie höflich, aber entschieden ablehnen. Wir wollen keinen jüdischen Staat, die Zionisten aber, soweit sie einen solchen wünschen, und die Orthodoxen, die ernstlicher als jene vielleicht diesen Staat glühend ersehnen, denken sich ihn jedenfalls anders, als Herr Benedictus Levita ihn ausmalt. JjTtülvi.* (Nachdruck verboten.) Von Mei'r Goldschmidt. Deutsch von Zda Anders. IV. ei Tisch konnte natürlich nicht der Ton heiterer Geselligkeit aufkommen, der auf der Gemeinsamkeit geistiger Interessen beruht. Eine wie hohe Bedeutung die Religion auch hat, so soll man doch weder in der Kirche noch in der Synagoge seine Gesellschaft aufs Geratewohl wählen. Aber zufällig zusammengeführte Juden haben, wenn die Verlegenheit groß ist, in der Regel einen gemeinsamen Unterhaltungsstösf, und zwar Polnische Geschichten^ Während der Mahlzeit, die anfangs stumm und schweigend verlies, begann zuerst einer seinem Nebenmann eine solche Geschichte zu erzählen; einem anderen siel eine Anekdote ein, die auch gut war, und ein dritter hatte eine neue gehört. Bald herrschte eine solche. Gemütlichkeit, wie gemeinsames Lachen sie nur in einer Gesellschaft schaffen kann. Der angesehene Mann erhob keinen Anspruchdarauf, das Wort zu führen, sondern gestattete gutmütig, daß man ihn durch Erzählungen amüsierte. Als er diesen glücklichen Gang der Ereignisse beobachtete, schwamm Simon Levi vor Entzücken und begann sich für einen wahren Balboes, einen großen Wirt, zu halten. Aber das Schicksal wollte es, daß ihn eine Geringfügigkeit von seiner Höhe stürzen sollte. In einer christlichen Tischgesellschaft,, in der man sich lustige Geschichten erzählt, würde die Stimmung steigen und vom Wein erhöht werden. Aber die Juden trinken sehr wenig. Sie kommen nicht leicht aus ihrer Natur, aus der ganzen Bedächtigkeit heraus, wie sie Praktischen und religiösen Leuten ziemt, die da wissen, daß die Mahlzeit mit einem würdigen Vortrag des langen Dankgebetes beschlossen werden muß. Man hört nie ganz aus, eine Gemeinde zu sein, deren religiöses Gepräge sich mit einem nationalen mischt. Deshalb geschah es, daß die Gemütlichkeit, welche die polnischen Geschichten hervorgerusen, in eine gewisse herzlich-vertrauliche Unterhaltung über jüdische Verhältnisse im allgemeinen, über das Schicksal der Juden in Dänemark und in anderen Ländern überging. In einer Stadt machte eine Verfolgung, von sich reden, in einer anderen hatten einer oder mehrere Juden sich sehr hinausgearbeitet. Die Fehler der Juden wurden besprochen, und als Beispiel wurde einer erwähnt, der irgendwo die Christen durch seinen Reichtum herausforderte, sich immer vordrängen wollte, intrigierte, sich wichtig tat, . aber gedemütigt worden war. Der angesehene Mann ergriff nun das Wort und sagte: „Chutzpo! Geschieht ihm recht! Man stellt sich nicht auf de Zehenspitzen, wenn man auch ein reicher Mann is! Geld is viel. Geld is nicht alles." Der ansehnliche Mann dachte bei diesen Worten wohl nicht an Simon Levi, und die anderen auch nicht. Im ersten Augenblick. Aber Simon empfand sie sofort als Stichelei, und vielleicht war der Ausdruck seines Gesichtes daran schuld, daß sie die Worte noch einmal hörten. Die Natur des Gespräches selbst hatte eine Pause veranlaßt; jetzt wurde das Schweigen peinlich, und keiner konnte darüber Hinweghelsen. , Da fiel ein Wink, daß es Zeit sei, zu benschen, und Simon wurde dadurch aus der Art von Starrkrampf erlöst, der ihn befallen hatte. Aber er vergaß sich dermaßen, daß er, statt den Würdigsten oder Vornehmsten zum Vorbeten aufzufordern, das Gebet selbst sprach. Während er mit allen äußeren Zeichen der Devotion, mit geschlossenen Augen und wackelndem Oberkörper, das Gebet hersagte, gedachte er seines Fehlers, bedauerte ihn, war aber doch gewissermaßen zufrieden mit ihm, aus Trotz und Wut, dachte an seinen Reichtum, fand ihn unzulänglich, war" unglücklich. Als das Ganze vorüber und die Gäste gegangen waren, sagte Simon Levi nach langem Schweigen zu seiner Schwester: „Nu, einmal is keinmal. Einmal bin ich meschugge gewesen." Nach neuem langem Schweigen fügte er mit der merkwürdigen jüdischen Selbstironie hinzu: „Hör', Gittel, weißt de was? Ich begreif's nischt. Man sagt doch immer, das Glück is 'ne Nekeiwe. Nu, laß se willkommen sein. Aber was hat se bei mir gewollt? Ich begreif's nischt. Was is se nich zu'n jungen, schönen Mann gegangen? Kannst du mer's erklären?" Gittel antwortete: „Willst du's wissen, Simon?" „Ob ich's wissen will? Wozu frag' ich? Kannst du antworten?"

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