Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1913)
- Date
- 1913-01-24
- Page
- Seite 41 (sequence 5)
- Language
- German
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41 „Santa Claus" (wie man hier sagt; es ist eigentlich Nikolaus) überbrachte ihnen allerhand Geschenke und Kuchen, aber trotzdem kämpfen die Jingoes heute im Kapitol eifriger denn je gegen die Einwanderung. Nach jeder Präsidentenwahl geht der Sturm gegen die Einwanderer los. Vorher herrscht unter allen Wipfeln Ruh', denn zur Wahl bedarf man der Stimmen der geehrten Mitbürger fremder Nationalität und läßt sie deshalb sein säuberlich in Ruhe. Aber gleich nach der Wahl schwillt den Nativisten wieder der Kamm, und der ebenso umschmeichelte und umworbene amerikanische Bürger fremder Zunge verwandelt sich plötzlich wieder in den bloody foreigiier, damned dutchmaii u. dergl. Im Repräsentantenhause wurde schnell die alte, einwanderungsseindliche Dillingham-Bill wieder hervorgeholt, die in der vorigen Tagung — aus Furcht vor den Wahlen — nicht zur Beratung kam, und der Abgeordnete Burnett von Alabama schlug ein Amendement dazu vor, nach dem jedem über 36 Jahre alten Einwanderer, der nicht des Lesens und Schreibens kundig sei, das Betreten des amerikanischen Bodens verboten sein solle. Das ist' die berühmte —■ oder berüchtigte Bildungsprobe, nach deren Einführung die Jingoes schon so lange gestrebt haben. Bis jetzt konnten sie ihr Ziel nicht erreichen, nun scheint es ihnen zu gelingen. Nach dem Jahresbericht des Sekretärs des Handelamtes, Charles Nagel, betrug die Zahl der des Lesens und Schreibens Unkundigen unter den Einwanderern vom 1. Juli 1911 bis zum 30. Juni 1912 24Prozent. Unter den Einwanderungsländern steht diesmal Oesterreich-Ungarn mit 178 882 Köpfen obenan, dann folgt Rußland mit 162 395 und Italien mit 157 134 Einwanderern. In ziemlichem Abstande nimmt Großbritannien und Irland mit 83 027 Köpfen die vierte Stelle ein. Die Zahl der Einwanderer aus den übrigen Ländern ist relativ gering. Es kamen ans Deutschland 27 788, der Türkei 27 269, Griechenland 21 449, Schweden 12 688, Portugal 10 230, Norwegen 8675, Frankreich 8628, Holland 6619, Spanien 6327, Dänemark 6191, Belgien 4169, der Schweiz 3505 Personen. Außerdem wurden 5398 Japaner in das Gebiet der Vereinigten Staaten und 3231 in Hawai zugelassen, sowie 5374 Chinesen. Im ganzen dursten 878 587 Einwanderer landen, von denen 182273 Analphabeten waren. Nach der amtlichen Statistik waren unter ihnen besonders viele Italiener, nämlich 68 311.' Die Zahl der Analphabeten unter den Juden — welche von der amtlichen Statistik als besonderes Volk betrachtet wurden — betrug 16 757, unter den Deutschen 2698. Die letztere Zahl müßte bei dem allgemeinen Schulzwang, der im Deutschen Reiche herrscht, frappieren, doch sind hierbei auch die dentschsprechenden Einwohner Rußlands mitgerechnet. Mit Einrechnung der Frauen und Kinder der Analphabeten, die auch der Burnett-Bill zum Opfer fallen mußten, würde sich die Zahl der auszuschließenden Einwanderer ans 200 000 bis 250 000 pro Jahr stellen. Bei einer strengen Durchführung des Verbotes könnte dieselbe leicht ein Drittel der Gesamtcinwanderung betragen, wenn nämlich die. Einwanderer wirklich auf ihre Kenntnisse geprüft würden. Jetzt begnügt man sich im Interesse der Statistik mit der oberflächlichen Frage an den Einwanderer, ob er lesen und schreiben kann, und da mag mancher mit „ja" antworten, der in Wirklichkeit doch Analphabet »ist. Nun haben die hier sehr einflußreichen jüdischen Elemente nach einer Formel gesucht, welche die jüdischen Analphabeten freiläßt und die nichtjüdischen ausschließt. Das ist ihnen wirklich gelungen, denn in die Burnett-Bill wurde die Klausel hineingeschmolzen, Analphabeten seien nicht Zuzulassen, es sei denn, daß sie aus Ländern kämen, wo sie „religiösen Verfolgungen unterworfen" feien. In der Debatte des Repräsentantenhauses wurde allseitig f'estgestellt, daß unter diesen Elementen die russischen Juden verstanden werden sollten. In dieser Fassung wurde die Burnett-Bill dann mit der ungeheuren und ganz unerwarteten Mehrheit von 202 gegen 62 Stimmen angenommen. Die ganze südliche Demokratie erhob sich wie ein Mann dafür, auch das Gros der Republikaner, nur die nördlichen Demokraten und ein Teil der Republikaner, also, die Minderheit beider Parteien stimmte dagegen. Alle Anträge, die daraus hinzielten, die Schroffheit der Bill zu mildern, wurden glatt abgelehnt. * Heber die I uden in.Palästina bringt die „Köln. Zeitrmg" folgenden vielbemerkten Artikel: Die jüdische Einwanderung hat in den letzten Jahren erheblich Zugenommen und zur Anlage blühender Kolonien in Palästina geführt. Mannnuß die jüdische Bevölkerung Palästinas in zwei Hauptgruppen teilen, in den alten Jischub, den älteren.Teil-der. jüdischen Stadtbevölkerung, das heißt die ältere Niederlassung, und in den .neuen Jischub, der den unter dem Einfluß der modernen zionistischen Bewegung neu zugewanderteu, produktiven, erwerbstätigen Bevölkernngsteil bildet. Hierzu gehören über 40 000 Städter und sämtliche ländlichen Bewohner. Wenn man die Zahl der in Palästina ansässigen Juden auf etwa 100 000 schätzt, so gehört etwa die eine Hälfte zum alten, die andere zum neuen Jischub, nur daß letzterer in dauerndem Anwachsen begriffen ist. Die städtische Bevölkerung des neuen Jischub ist von höchster Bedeutung für das Kultur- und Wirtschaftsleben des nur halbentwickelten Landes. Sie liefert Kaufleute und Gewerbetreibende, Aerzte und Lehrer; sie arbeitet an der Entwicklung von Handel und Industrie, an der Besserung der Gesundheitszustände und an der Hebung der allgemeinen Gesittung. Was sie bereits hierin geleistet hat, beweist das in Jaffa befindliche prächtige neue Stadtviertel Tel Aviw in der Nähe der Bahn Jafsai- Jerusalem. Auch der an dieses angrenzende nenjüdische Stadtteil Nachalath-Benjamin sonne die in den letzten Jahren in Haifsa und anderwärts gebauten Stadtviertel sind Zeichen jüdischen! Fleißes-. Den eigentlichen Kern des neuen Jischub bildet, obwohl dem' städtischen Teil bedeutend unterlegen, die ländliche jüdische Bevölkerung, die etwa 40 Dorssiedlungen umfaßt. Sie ist dazu bestimmt, die große Frage zu entscheiden, ob es möglich ist, einen erheblichen Teil der Juden wieder der Landwirtschaft zuzuführen und das Volk damit zur Genesung und zur Ausdauer zu befähigen. Der jüdische Landbesitz in Palästina beträgt augenblicklich etwa 40 000 Hektar. Hiervon sind 30 000 Hektar besiedelte Landstücke, mrd zwar in Judäa etwa 8600 Hektar (15 Kolonien), in Samaria 6000 Hektar (8 Kolonien), in Galiläa 16 200 Hektar (16 Kolonien) und im Ostjordaland 300 Hektar (1 Kolonie). Es siel zuerst schwer, die Juden, die bisher überwiegend ein handeltreibendes Volk gewesen waren, an die Landwirtschaft zu gewöhnen, und es wurde manchen Kolonien nicht leicht, in den ersten Jahren vorwärtsznkommen. Eine große Stütze fanden sie aber im Baron Edmund v. Rothschild in Paris, der ihnen stets in ihrer Bedrängnis beistand, den vielfach ungesunden Sumpfboden durch Anpflanzung von Eukalyptusbünmen gesundete, ausgedehnte Weinkellereien erbaute, Wasserleitungen anlegte, den Absatz des Weines organisierte usw. Allerdings hatte diese wahrhaft väterliche Fürsorge des Barons v. Rothschild für die Kolonisten anderseits den Nachteil, daß viele unselbständig und lässig wurden, sich mehr und mehr an die Hilfe des Barons gewöhnten und nicht recht vorwärtskommen wollten. Entmutigt durch diese unbeabsichtigten Folgen seiner Kolonisationsmethoden zog sich Baron v. Rothschild 1899 von der Unterstützung der Kolonien zurück und übertrug die Verwaltung seines Werkes der Jewish Cvlonisation Association in Paris. Seither ist eine ständige Entwicklung der Kolonien zur wirtschaftlichen Selbständigkeit hin zu verzeichnen. Die wirtschaftlichen Interessen der deutschen Kolonien Palästinas können in vielen Beziehungen mit denen der jüdischen als gleichlaufend bezeichnet werden. Die allgemeine Besserung der Zustände, die durch die jüdische Kolonisation beschleunigt ward, insbesondere die Stärkung der persönlichen Sicherheit und die Einführung geordneter Rechtsverhältnisse, ist für die deutschen Kolonien von größtem Wert. Die Türkei hat von der jüdischen Siedlung zweifellos nur Vorteile zu erwarten. Mit jüdischem Kapital kvird ein durch viele Jahrhunderte vernachlässigtes Land zu neuer Blüte gebracht, inmitten der unruhigen arabischen Bevölkerung schasst ein seßhaftes, arbeitsames Element Ruhe und Ordnung, hebt die Sicherheit und Steuerkraft des Landes und schlägt eine für den Welthandel wichtige Brücke zwischen Orient und Okzident. Sternkunde in der Synagoge löürneltrahe -u ssrankkurt a.M. Von S. Holländer, Steinmetz. ei den Renovierungsarbeiten fanden sich dieser Tage im Kellergewölbe der Synagoge Börnestraße in. Frankfurt a. M. unter anderen Bruchstücken (Marmorteile eines EHpPI IHK) verschiedene mit interessanten Inschriften versehene Steine aus der nach dem Brande von 1711 neu errichteten Synagoge, welche 1854 niedergelegt wurde.