Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-01-24 · Heft 4 (24.1.1913) · p. Seite 40

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 4 (24.1.1913)
Date
1913-01-24
Page
Seite 40 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229069-3229074--69143-3281429
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

40 ferngehalten hat; sie' rechtfertigt ihr Vorgehen damit, daß es ihre Religion, verbiete, an jenen Zwei Tagen zuarbeiten. Das Gericht konnte auf die Frage nicht eingehen, ob die jüdische Religion wirklich an den beiden Neujahrstagen jede berufliche Arbeit verbiete, sondern mußte seiner Entscheidung jene gesetzlichen Bestimmungen Zugrunde legen, die regeln, in welchem llmfang Geiverbeinhaber verpflichtet sind, ihren Arbeitern Zur Erfüllung ihrer religiösen Pflichten sreizugeben. Den von den verschiedenen Religionen ausgestellten Verboten, nn Feiertagen zu arbeiten, ist — und Zwar für alle Konfessionen gleichmäßig — im Artikel XIV des Gesetzes vom 16. Januar 1895 dahin Rechnung getragen, daß es den Gewerbeinhabern Zur Pflicht gemacht ist, an den Feiertagen den Arbeitern mit Berücksichtigung ihrer Konfession, die Zum Besuch des Bormittagsgottesdienstes nötige Zeit einzuräumen. Dieser Pflicht hat der Beklagte Genüge geleistet, indem er der Klägerin an den beiden Neujahrstagen bestimmte Stunden! freigab. Diese Verpflichtung auszudehnen, stand dem Gericht nicht Zn, da richterliches Ermessen hier durch PräZise Gesetzesvorschriften.umschrieben ist. Die Klägerin hat also, indem sie die beiden Neujahrstage sich vollständig von der Arbeit sernhielt, ohne gesetzlichen Grund ihren Dienst durch erhebliche Zeit unterlassen, so daß ihre sofortige Entlassung gerechtfertigt ist. Es konnte daher der Klägerin nur der vom Beklagten anerkannte Gehaltsnnspruch Zugebilligt.und mußte das Mehrbegehren abgewiesen werden * Der nachfolgende Bericht eines westfälischen Blattes verdient auch nn dieser Stelle eine Mitteilung: Durch den Kriegsberichterstatter eines Münchener Blattes wurde vor einiger Zeit der vom König von Bulgarien nach Sofia berufene Direktor des Koburger Landkrankenhauses, Professor Dr. Colmers, verunglimpft. Weiter war dieser Tage in antisemitischen Blättern ein Artikel erschienen, in dem es unter anderem heißt: „Sonst aber steht in Kobnrg alles gut. Der Oberbürgermeister der Residenz stammt aus Hessen, heißt C. Hirschfeld und ist . . . evangelisch. Der Leibarzt des Herzogs ist mit einer Jüdin verheiratet. Die hohe Geistlichkeit setzt sich in einer Weife zusammen, daß man glauben könnte, ein Rabbinatskapitel vor.sich zu haben. Von dem Personal des Hoftheaters ist reichlich die Hälfte jüdisch." Gelegentlich der Beantwortung einer .Interpellation über die' Rückkehr Dr. Colmers^ im koburgischen Landtage nahm der kobnrgische Ministerialchef Staatsrat v. Bassewitz zu diesen Angriffen Stellung, indem er laut „Köln. Ztg." unter anderem aussührte: „Und nun gestatten Sie mir, daß ich mich noch gegen einen Angriff wende) den Sie wohl alle ebenso entschieden mißbilligen, wie die herzogliche Staatsregierung selbst. Er staunut von antisemitischer Seite. Meine Herren! Bei der Erzählung von dem Gleichnis des barmherzigen Samariters erhalten nur auf die Frage, wer uns der Nächste sei, ob der Priester, der Levit oder der Samariter, die Antwort: derjenige, der die Barmherzigkeit getan hat! Ja, derjenige, der die Barmherzigkeit . getan hat! Und wieviel Barmherzigkeit Herr Professor Dr. Colmers hier geübt hat, dafür sind Hunderte von Landeskindern Zeugen, die in dem Landkrankenhaus unter seiner Leitung Heilung von schweren Leiden gefunden haben. Meine Herren! Oberflächliche und unreife Menschen pflegen ihre Mitmenschen nach kleinlichen Aeußerlichkeiten, nach der Barttracht oder nach den Handbewegungen zu beurteilen. Der ernste Mann sucht den wahren Wert des anderen zu ergründen mib baut darauf sein Urteil. Und da steht uns, die wir die Tätigkeit des Herrn Professors Dr. Colmers jahrelang hier im Landkrankenhaus zu beobachten Gelegenheit hatten, wohl ein maßgebenderes Urteil zu als einem Kriegsberichterstatter, der Ihm eine halbe Stunde zugeschaut hat, nur um einen sensationellen Artikel an seine Zeitung senden zu können. Bon derselben Seite sind auch in den Weihnachtstngen häßliche Angriffe gegen die Verhältnisse an unserem Hofe, in unserem Staate, gegen einen Alaun, der sich seit einein Menschenalter die größten.Verdienste in unserer Residenz erworben hat, sowie gegen die pflichttreue Geistlichkeit, die in Stadt und Land segensreich wirkt, erhoben worden. Diese Angriffe sind so absurd, daß es sich nicht lohnt, näher auf sie einzugehen, aber ich halte es doch für eine Ehrenpflicht, von dieser Stelle aus aufs entschiedenste gegen sie zu protestieren, und 'Zwar selbst aus die Gefahr hin, daß auch mir der Vorwurf eines jakobitischen Aussehens und serviler Gesinnung gemacht wird." £ In Frankreich hat der Kriegsminister Miller a n d feinen Abschied genommen, weil er es für loyal hielt, den aus den Zeiten Dreyfus' her bekannten Obersten Paty de Clam wieder in das Heer einzustellen. Darüber schreibt das „Berliner Tageblatt": „Es ist interessant, zu sehen, wie diejenigen deutschen Blätter, die so selbstgefällig auf ihren besonderen Patriotismus hinzuweisen pflegen, für den gestürzten französischen Kriegsminister Millerand und für den -Oberstleutnant du Paty de Clam Partei ergreifen. Die „Deutsche Tageszeitung" versichert sogar, Millerand falle als ein Opfer des unheimlichen Einflusses, den das Judentum ans die Republik von Rothschilds Gnaden ausübt"! Der „Reichsbote" schwärmt geradezu für Millerand, „diesen klaren und doch begeisterten Kopf, der Frankreichs Heer in mustergültiger Weise umgestaltet hat". Das „nationale" Blatt beklagt weiter, daß dieser „anerkannt tüchtigste, fähigste Mann", daß dieser Kriegsminister, „der dem französischen, immer mehr von unkriegerischen! Geiste beseelten Volke wieder Freude am Heer und kriegerischen Dingen eingeflößt hatte", „in dieser, ernsten Zeit" weichen mußte, und zwar „allein vor dem Ansturm des allgewaltigen Judentums". Ganz so groß ist der Schmerz über den Verlust nicht einmal in der französischen Chauvinistenpresse. Der Patriotismus mancher „deutsch-nationalen" Zeitungen ist wirklich von ganz besonderer Art! * lieber das jüdische Hilfswerk -auf dem Balkan berichtet die „Vvssische Zeitung": S o s i a, 18. Januar. Die Vertreter der humanitären jüdischen Organisationen Europas und der Vereinigten Staaten, mit Ausnahme der Pariser Alliance Jsraelite Universelle, haben Deputationen nach dem Orient entsendet, um ihren durch den Krieg schwer geschädigtenGlanbensgenossen auf der Balkanhalbinsel materielle Hilfe zu bringen. Hier sind zu diesem Zwecke Dr. Nathan vom Hilssverein deutscher Juden aus Berlin, Dr. Kahn aus Berlin nnd Elkau Adler aus London eingetrossen. Sie erschienen gestern in Audienz bei der Königin Eleonore, die an der Spitze alle wohltätigen Institutionen in Bulgarien steht. Heute vormittag wurden sie vom Ministerpräsidenten Geschow und den Ministern Jablansky, Frangi'a und Ljudskanow nachmittags vom König Ferdinand empfangen. Der König, die Königin und alle Minister haben dem Vorhaben der Abgesandten das größte Wohlwollen und Verständnis entgegengebracht, so daß diese hoffen, daß sie mit Unterstützung der amtlichen Kreise das humanitäre Werk erfolgreich werden durchführen können. Sie begeben sich inorgen abend über Nisch nach Saloniki, um die Verhältnisse in Mazedonien zu studieren. Von Saloniki reisen sie nach Thrazien. Es ist, >vie schon gemeldet, Vorsorge getroffen, daß, wenn Adrianvpel füllt, Lebensmittel, Kleider und Medikamente auch.für die dort eingeschlossvne jüdische Bevölkerung bereitstchen, deren Zahl aus 20- bis 25 0000 geschätzt wird. * - Die folgende kurze Notiz, die wir dem „Berliner Börsen- Courier" entnehmen, wird unsere Leser interessieren: Wie ans Paris geschrieben wird, sind die französischen Ansgrabungen aus Delos nun beinahe vollendet. Das interessanteste Resultat ist die Entdeckung eines Gebäudes, an dessen Innenwänden Bänke entlang führen. Alan hält dies Gebäude für eine jüdische Synagoge. Bestätigt sich diese Annahme, so hat man neben dem altägyptischen und altsyrischen Heiligtum die Stelle der Zusammenkunft der Juden auf Delos gefunden, wodurch sich das Bild der heiligen Insel, auf deren Boden in den letzten Jahrhunderten vor Christi Geburt alle Gottesdienste der antiken Welt gepflegt wurden, erst richtig vervollständigt. * Ueber den A nstur m gegen die Einwanderung läßt sich die „Köln. Volksztg." aus New Vork folgendes berichten: Jetzt steht in jedem Briese, den man bekommt, der freundliche Wunsch: „Merry Christmas, happy new-year!“ S)emt der Amerikaner sendet der'Einfachheit halber die Festwünsche zu Weihnachten und Neujahr zugleich ab. Das Christfest soll „fröhlich" und das neue Jahr „glücklich" sein. Selbst der armem auf der Einwanderungsinsel Ellis Island internierten europäischen Kinder hat man gedacht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.