Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1913)
- Date
- 1913-01-24
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229074--69141-3281427- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
' — s8 —— ■ Hofes Karo, Mose Jsserles) zu göttlichen Autoritäten für ewige Zeiten bestimmt.- Es ist ein reines Wunder, daß dieser Verband in den 15 Jahren seines Bestehens äußernder Gründung der Pensionskasse in ideeller Hinsicht überhaupt etwas, zustande brächte. ES war wenig genug: Me Erklärung gegen den Zionismus, die heute noch ihre Wirkung tut und der Beschluß in Sachen des Vetorechts der .Rabbiner, der den Entwurf des Organisationsgesetzes zu Fall brachte. Im übrigen herrschte die Rühe des Grabes. Das Wagnis, ganz nebenher eine wissenschaftliche Ansicht über biblische Forschung zu äußern, führte zu Ausbrüchen des Fanatismus. Und dabei saßen die wenigen Orthodoxen.im AllgemeinenNabbinerverbande, wie der Apotheker in „Hermann und Dorothea", immer in Bereitschaft, sich durch Abspringen zu retten. In den Augen der Unerbittlichen hatten sie sich nämlich verdächtig gemacht, weil sie mit Nichtorthodoxen in einer Vereinigung saßen. Selbstverständlich schlossen sich die Rechtsstehenden noch in zwei Sondervereinen zusammen, die durch die Feindschaft gegen den Liberalismus verbrüdert sind. Die Vereinigung der liberalen Rabbiner, die jetzt die Richtlinien verantwortlich zeichnet, bildete sich unter dem verstorbenen Dr. Vogelstein, Stettin, ohne bisher mit einer Tat hervorgetreten zu sein. Ein gegnerisches Blatt rühmte jüngst den Mitgliedern dieser Vereinigung nach, daß sie früher (vor Abfassung der Richtlinien) von guten Engeln beschützt gewesen 'wären, gemeint waren die Engel der Zaghaftigkeit, Unfruchtbarkeit, Ohnmacht. Aber der Ehrgeiz der Orthodoxie reichte weiter: in allen großen jüdischen Verbänden sollten sie zuletzt als ausschlaggebender Faktor anerkannt werden! Sie nahmen Hilfe, wo sie sie fanden (zuletzt mit Vorliebe bei den Zionisten), und wußten bei allen gesetzlichen. Maßnahmen in und außerhalb Preußens das Ohr der Regierenden zu finden, denen religiöse Emanzipation die verdächtigste von allen ist. In vielen bisher einigen Gemeinden erstrebten die Orthodoxen korporativen Zusammenschluß, und das Laskevsche Austrittsgesetz trieb wundervolle Blüten. Ganze Provinzen bekamen eine orthodoxe Nebenregierung, deren Kosten von Frankfurt aus bestritten wurden und deren Organe: Missionsrabbiner, Parteipresse, Vertrauensleute, .Lokalkomitees, vorzüglich arbeiteten. Einer der rührigsten Agitatoren, Vereinsrabbiner Dr. B. Wolf in Köln, mußte zwar eine Zeitlang den Bann des Sepäratrabbiners Dr. Karlebach, ebenfalls in Köln, ertragen, ermutigte aber trotzdem seine Getreuen im Rheinland im 'Widerstand gegen die Gemeinden und ist geistliches Mitglied des Zentralkomitees zur Abwehr der Richtlinien im Rheinland und Westfalen, dessen „Aufruf" das Noirplusrlltra der Verhetzung ist. Die Gründung der Vereinigung für liberales Judentum im Mai 1908 bedeutete ein erstes Wiedererwachen des Liberalismus. ES waren namhafte Gemeindevertreter, Angehörige der'jüdischen Intelligenz, die sich dort fanden, und ihnen schlossen sich zahlreiche, liberale Rabbiner an, die hier Fühlung mit Männern aus allen Ständen suchten. Kann man ihnen solches verdenken? Die Arbeit im Hauptverbande war lahmgelegt, im Fachverbande unfruchtbar. Dagegen versprach die Berührung.mit der jüdischen Allgemeinheit eine wertvolle Wechselwirkung von Anregungen, Wünschen und Erfahrungen auf der einen und wiederum Sachverständnis in allen Fragen objektiver Religiosität auf der anderen Seite. Die liberalen Rabbiner waren fast durchweg bestrebt, einen mäßigenden Einfluß auszuüben und dem Historisch-Begründeten und im Herzen, des einfachen Mannes Wurzelnden Geltung zu verschaffen. Sie hatten von vornherein das Streben, destruktive Tendenzen weder zu dulden, geschweige zu fördern, dagegen ihr ei ge n e s positives P r o g r a m m zu de m de s Lib er a li s mu s d er G em et nde n zu mache n. Sie wußten voraus^ daß sie Konzessionen würden machen' müssen, aber auch, daß bei klugem Vorgehen die immer noch überwältigende Mehrzahl sämtlicher Gemeinden hinter ihnen stehen und ihnen sowohl für die neuen Grundsätze als für die Neugestaltung des religiösen Lebens allein schon für die Fixierung des in hundert Jahren Gewordenen (denn alles liegt in einem Programm) dankbar sein würde. Die Orthodoxie witterte die Gefahr, die in der Verbindung liberaler Rabbiner mit der jüdischen Intelligenz lag. Als das Programm der Vereinigung erschien, mitunterzeichnet von angesehenen Rabbinern, deren einziger Makel ihre liberale Gesinnung war, ließen die orthodoxen Mitglieder des A. R. V. i. D. es nicht an Drohungen fehlen, daß sie mit einem Massenaustritt antworten würden. Das Gewitter verzog sich, obgleich jenes Programm die Urform der Richtlinien enthielt. Man wartete ab, bis man die Rabbiner allein treffen konnte. Diese hätten ja wahrhaftiglieber bei ihren konservativen Berufsgenossen Fühlung gesucht, die zwischen mannhaftem Liberalismus und unversöhnlicher Orthodoxie hin und her pendelten. Aber die orthodoxe Erziehung zur Neutralität wirkte mächtiger ein; unsere Gesinnungsgenossen in der Stille traten öffentlich zu einer sogenannten Freien Vereinigung zusammen, die bisher über Beschwörungen und Verwahrungen nicht hinauskam. Ihre Ausgabe wäre es gewesen, die Vermittlung anzubahnen; statt dessen sielen sie dem Liberalismus in den Rücken. In der widerspruchsvollen Haltung dieser „Freien" und ihrer Politik des loisser Loire, ioisser oller, und in der intransigenten Starrheit der Orthodoxie liegen der Schlüssel zum Vorgehen der liberalen Rabbiner und ihre beste Rechtfertigung. Was hat die Orthodoxie in den dreißig Jahren ihrer Machtvollkommenheit geleistet, wie hat sie die Führerrolle im deutschen Judentum gespielt? Liberale Männer haben im Dienste der Gesamtheit ihre Kräfte verzehrt; auf der anderen Seite wurde die Partei über alles gestellt. Um den erloschenen Kampf gegen die Orgel wieder zur Flamme anzusachen, verpflichtete man die Zöglinge des orthodoxen' Rabbinerseminars vor Aushändigung der Bestallung darauf, niemals in einer Orgelshnagoge.zu fungieren. Was war von diesen zu Parteirabbinern gestempelten Männern zu erwarten, die zeitlebens an die maßgebenden Dezisoren des Mittelalters als an göttliche Autoritäten gekettet waren? Ihre religiöse Entwicklung war mit 26 Jahren beendet, der Hauptprogrammpunkt hieß Kämpf gegen den Liberalismus in jeder Gestalt. Jeder Tag brachte neue religiöse Fragen (Eherecht, Sabbatheiligung, Feuerbestattung usw.); die Entscheidung war schon vor Jahrhunderten gefällt und bedeutete regelmäßig eine weitere Abkehr von der Wirklichkeit, vom modernen-Empfinden und Denken. Die souveräne Verachtung des fortschreitenden Lebens kam einer Verhöhnung gleich. Im geheimen munkelte man oft: es ist traurig, daß wir nicht Helsen können; aber der gute Wille dazu fehlte. Wir erlebten es, daß man dringende Mahner an die — Weisen in Palästina verwies. Die neue Kampforganisation der Orthodoxie, die Agudath JisroA, ist ganz am östlichen Judentum orientiert. Man könnte sich siebzigmal zum Dauerschlaf des R. Chonia (des jüdischen Siebenschläfers) niederlegen; beim Erwachen fände man die Welt der jüdischen Orthodoxen nirgends verändert, wenn es allein nach dem Willen -dieser Heiligem ginge. Diese Männer sind nicht zu überzeugen; sie weichen nur der Gewalt der Tatsachen und glauben erst dann an eine neue Wendung der Dinge, wenn die Wirkungen jeder Ableügnung spotten. Der versklavenden Gesetzestreue muß fortan die befreiende Ueberzeugungstreue entgegentreten. Schon das erste kurze Schwanken, an. dem Frankfurter Gemeindeverhältnisse schuld waren, bedeutete deshalb einen Fehler; es wurde von der gesamten Vereinigung mißbilligt.