Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1913)
- Date
- 1913-01-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Lin unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse 77. Jahrgang Nr. 4 Berlin, 24. Januar 1913 Vegrün-et von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luch. Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsflellen) bezogen vierteljährlich 3 NI. — Postscheckkonto 32-*. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentum»", Berlin SW., Jerusalemer Straße <*6/H9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Tlttllfllt 3 i>r Würdigung der „Richtlinien". Von Theologus. — Die W öchel — Steinfunde in der Shnagos>e Vörnestraße zu Frankfurt a. M. — Von S. Holländer, Steinmeß. — Von der heutigen Stellung der israelitischen Lehrer Württembergs. — Christoph Martin Wieland in seinen Beziehungen zu JudenI undJudentum. Von Dr. Adolph Kohut. — Benedictus Levita: Der König pon Juda. Besprochen pon Ludwig ^Geiger. — Feuilleton: Maser.'L Von Meir Goldschmidt. Deutsch von .Jda Anders. —. Büchereinlaus. — Sprechsaal.^— Letzte.Nachrichten. De< Gcmtlrideboie iBeilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Danzig, Hohensalza, Aus der ^Provinz Posen, Kolberg, Chemnitz, Dortmund, Essen, München, Meran, Wien, Odessa, New Port. — Von Nah und Fern. Eur MürÄlgung^dkr „Richtlinien". Von" T h e'o l o g u s. 1. D i e Borg e s d)i ch t e. er Streit um die Richtlinien hat mit einem Schlage ein . J rein religiöses Problem in den Mittelpunkt des Interesses gebückt. Erstarrung des Judentums oder Weiterbildung? Das Getöse «darüber ist für ruhebedürftige Ohren höchst unerfreulickx Die meisten gäben etwas darum, wenn sie den Lärm der unerhört scharfen Wortgefechte zur Ruhe bringen könnten. Wir freuen uns, daß von allen Seiten zum Angriff geblasen wird, und daß es sich einmal nicht um Statistik oder habituelle Krankheiten der Juden handelt. Wenn es nach den großen Worten ginge und Bannstrahlen noch töteten, so wäre der Krieg längst beendet und der Triumph der Orthodoxie vollkommen. Aber die liberalen Theologen leben noch. Ein solcher möge hier im eigenen Namen zu Wort kommen, der sich übrigens vor Augen hält, daß er in diesen Blättern keine allzu schwere geistliche Kost auftischen dürfe. Aber was die jüdische Allgemeinheit au den Richtlinien interessiert, möchte er in die richtige Beleuchtung rücken. Dazu ist vor allem die Vorgeschichte unentbehrlich; sie zeigt sogleich den richtigen Standpunkt. Den großen Tagen des jüdischen Liberalismus folgte seit den siebziger Jahren ein Verfall, der nicht ganz nnverschuldet war. Allerdings fiel der Niedergang zusammen mit einer starken reaktionären Bewegung auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens. Dem anbrandenden Antisemitismus konnte er nicht sofort starke Wälle entgegenwerfen, weil er sich auf dem Boden des politischen Liberalismus entwickelt und diesen für einen nie wankenden Faktor gehalten hatte. Jetzt mußte er bald von allen Seiten hören, daß er die Probe nicht bestanden hätte. Viele liberale Juden haben die Probe in der Tat nicht bestanden; nämlich diejenigen, die Freiheit von dogmatischem Zwange mit Freiheit >zum Unglauben verwechselten; und ©r^ö£)rmg* untb Si)urd>geifHgitng der religiösen Formen mit deren Auflösung, und 'Zerstörung. Auch, der; Gesamtliberalis- : nius vexpiied' gefährliche Klippen nicht immer, die ha;meistens erst bemerkt werden, wenn das Schiff voll Wasser läuft: Hinneigung zum flachen Nationalismus, Unterschätzung echter Gemütswerte in den breiten Massen, Begünstigung gröberer oder feinerer Genußsucht. Aber er konnte auf unbestreitbare Leistungen und Verdienste zurückblicken. Wir nennen hier nur die Schaffung der historisch-literarischen Kritik und Anbahnung einer neuen religionsphilosophischen Begründung des jüdischen Gottesbegriffs und der gesamten Glaubens- und Pflichtenlehre. Der Liberalismus blieb als allgemeine, geistige Verfassung der einzelnen und in der Organisation der überwältigenden Masse der Gemeinden bestehen, auch als die Krise eintrat. Aber die geistige Spannkraft war erlahmt, die glänzenden Führer fanden keine ebenbürtigen Nachfolger; die Nackenschläge, die häufig solchen Juden galten, die vom Judentum selbst sich am meisten emanzipiert hatten, trafen den gesamten Liberalismus. Damals erhob die jüdische Neuorthodoxie ihr Haupt. Die Zeit für Männer vom Schlage S. R. Hirschs, Esriel Hildesheimers und ihrer Gesinnungsgenossen war gekommen; sie wurden die Väter der modernen Trennungsorthodoxie.- Auch die jüdische Gegenreformation hat so, gründlich gearbeitet; es schien, als hätte sie vom Tridentinifchen Konzil gelernt. Sie wußte sich der Schwachen und Schwankenden zu bemächtigen, alle Nöte der Zeit als Strafe des Himmels für den Abfall vom traditionellen Judentum hinzüstellen. Alle Leistungen des Liberalismus waren jetzt Ausflüsse der Negation, der Auflehnung, beinahe hätte man gesagt, des Teufels, man kann über die Aehnlichkeit mit dem rückläufigen Katholizismus nicht genug erstaunen. Es war ja "begreiflich, daß die Orthodoxie im Gefühl ihrer neuen Kraft mit den Gegnern nicht glimpflich verführ. Aber so schnelle Erfolge waren doch nur denkbar, weil die jüdische Seele damals den Basiliskenblick der Judenseindschaft aushalten mußte und daher dem Bvu'derkampf im Innern ausweichen wollte. Es war stillschweigende Vereinbarung, daß alle sogenannten neutralen Verbände ängstlich darüber wachten, religiöse Themata auszuschalten. Der Wunsch weniger Orthodoxer wurde strenger respektiert als die bessere Ueberzeugung von Tausenden. Man verzweifelte, mit den religiöfen Gegensätzen fertig zu werden, und hielt die Verwilderung der religiösen Gefühle für das kleinere Uebel. Nachgiebigkeit und Toleranz wurden bald als Schwäche ausgelegt und nach und nach der Anspruch erhoben, daß man in der kleinen orthodoxen Minderheit das allein berechtigte Judentum zu erblicken habe. Der bescheidene Name Gesetzestreue erweckte zwar den Gegensinn Gesetzesübertreter und Ungehorsam, der andere orthodoxe sogar den des Ketzers. Aber man duldete lieber, man zuckte die Achseln und schwieg. So duldete auchder große Rabbinerverband in Deutschland, daß er gewaltsam, neutralisiert wurde. Es war ein Triumph der Orthodoxie, als ihr um den Preis der Mitarbeit von 1—2 Dutzend zu ihr zählender Rabbiner der berüchtigte § 16 zugebilligt wurde, der die maßgebenden Dezisoren Utes