Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1913)
- Date
- 1913-01-17
- Page
- Seite 35 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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wm. 35 * I es sei eine Anfrage gekommen, aber sie wußten weiter nichts, als daß Ferdinand wohl eine Erbschaft aus Südamerika zugefallen sei, Levi atmete tief auf. Hier begegnete , er also feiner Angelegenheit in. realer Gestalt. Er sagte: „Ich frage, weil es mich interessiert, daß Herr Caroe reich Wird, und weil ich bei der Gelegenheit auch ein bißchen was kriege." „Sollen Sie denn nicht mit Ferdinand teilen?" fragte man. „Ich soll 'n Teil kriegen; aber es sin große Spitzbuben drüben in Südamerika, nn ich kriege nischt mehr als zwanzigtausend Taler. Aber das is auch gut. Ich bin sehr zefrieden." Die arglosen Caröes glaubten ihm, und Levi war fest davon überzeugt, daß man von dieser Seite die Angelegenheit in der Gestalt darstellen würde, wie er es wünschte, wenn einmal die Rede darauf käme. Aber er konnte es nicht verhindern, daß das Gerücht sich bald in Kopenhagen verbreitete und nicht nur die Wahrheit erzählte, sondern auch'weit übertrieb. Als kluger Mann beschloß er, nicht wider den Strom zu schwimmen, während er am kräftigsten war. „Ja," sagte er. „Ich erb' 'ne Million. Wollen Se mer ueunmalhunderttauseud Taler dafür geben?" Kam jemand und fragte, ob es nicht zweimalhunderttausend Taler seien, so antwortete Levi: „Wollen Se mich zu 'n Narren machen? Gönnen Se mer nischt mehr wie zweimälhuuderttausend Taler? Dreimalhunderttausend Taler fin's un noch Stall un Remise ser die Equipag' un frei Essen un Trinken. Bitte, besuchen Se mich, wenn ich erst Hab' meine Remise." Pfiffig war er, aber er hatte es auch mit schlauen Menschen zu tun, die nicht leicht die Spur verloren, wenn er sie auch zu verwischen suchte. Allerhand kam indessen dazu und machte die Leute unsicher. Es dauerte lange, ehe das Geld wirklich eintraf, so lange, daß man schon über die Gold- und Silbergruben lächelte, die Simon Levi in Peru und Mexiko hatte. Ms das Geld dann endlich kam, kam es nicht auf einmal, sondern in Raten, so daß selbst wohlunterrichtete Leute dem Gerücht von den großen Summen widersprachen. Und damals existierte in Kopenhagen noch keine Steuerkommission mit Argusaugen, die einen ehrlichen. Mann daran hinderte, still Zusammengebeugt über seinen Reichtümern zu sitzen, ohne Steuern davon zu bezahlen, oder seine Einnahmen womöglich öffentlich bekanntmachte. So erfüllte sich Levis Wunsch. Aber als dann die Erbschaft ganz oder zum größten Teil in seinen Besitz gelangt war. wurde er von einer großen Inkonsequenz ergriffen. Er hatte unter Neid, Schadenfreude, unter all den Stimmungen, welche die wechselnden Gerüchte hervor gerufen hatten, so sehr gelitten. Er war herausgedrängt worden aus seiner ganzen Schicht, der Menschenklasse,, der er bisher zugehört hatte, wenn auch nicht durch die Bande der Freundschaft, so doch durch die Bande der Kameradschaftlichkeit, die gleiche Lebensbedingungen Hervorrufen. Im einen Augenblick war er ihnen zu reich geworden, im anderen war er nur eine Seifenblase mit den Farben des Reichtums gewesen,, dann war wieder eine Art Achtung gekommen, die Achtung, die man sozial stets einem vermögenden Mann entgegenbringt, aber sie hatte weder Freundschaft noch Verkehr mit sich gebracht; er war in eine höhere Rangklasse versetzt worden, aber nur dem Titel nach, als Person blieb er draußen, war und blieb der kleine Agent ohne Bildung und Einfluß. Unter dem Schmerz dieser Erkenntnis wollte er plötzlich den Zauberstab schwingen und in seiner ganzen Herrlichkeit hervortreten. Er hatte anläßlich eines Festes fünfhundert Taler für die Armen gegeben; aus diesem Grunde beehrte man ihn in der Synagoge mit einer Mizwah, und er hatte sich auf diesen Tag vorbereitet und Anstalten zu einem großen Festessen in seiner Häuslichkeit getroffen. Es fehlte weiter nichts als die Gäste, aber die lud er in der Synagoge ein. Er wandte sich zuerst, Angst und Demut im Herzen, an jenen ansehnlichen reichen Mann und bat ihn um die Ehre usw. Der ansehnliche Mann beschloß, da die Einladung in der Synagoge erfolgte, ein Gott wohlgefälliges Werk zu tun und sich herabzulassen. Er antwortete mit seinertiefen Gutturalstimme: „Gewiß, warum nich? Einmal! — Ich komm'." Andere nahmen in gebildeterer Weise an, anderes wieder entschuldigten sich. Levi lud auch ein paar ärmere alte Bekannte ein. Einer von ihnen hatte genau ausgepaßt, wen er zuerst einlud: „Ich bin zu einfach für eure neue Gesellschaft. Gleich un gleich gesellt sich gern." Die letzten Worte enthielten für Simon eine grausame Ironie, und gegen feine Gewohnheit hatte er nicht gleich eine passende Antwort bereit. Die Gesellschaft begab sich in seine Behausung, und eigentlich ging alles recht ordentlich — nur nicht, was Simon.anbelangte. Er konnte es sich immer wieder sagen: „Ich bin ein Mann von zweimalhunderttausend Talern" — er war doch nicht imstande, sich selbst in die Höhe'zu schrauben und die Rolle eines Wirtes in ungezwungener Weise durchzuführen. Er wußte, daß der Wirt in seinem Zimmer zwar der Geringste, aber auch der Erste ist, daß er den angesehensten Gast in der rechten Weise ehren muß usw. Aber jedesmal, wenn er sich mit dein Recht eines Wirtes jenem ansehnlichen Mann nähern wollte, fühlte er sich wie im Schatten eines Turmes, der über ihm emporragte, nicht bloß im Verhältnis von 500 000 zu 200 000, sondern mit dem Unbeschreiblichen, der Autorität vieler Jahre. Unwillkürlich stand er nach Verlauf weniger Minuten in einer Ecke, im Gespräch mit dem ärmsten Gast. Er empfand das Schiefe seiner Situation und benutzte jede Gelegenheit, aus dem Zimmer und von der ganzen Geschichte wegzukommen. Die beiden bejahrten Geschwister hatten einen schrecklichen Augenblick im Schlafzimmer. Man wollte zu Tisch gehen, und Simon meinte, Gittel müsse hineingehen und den vornehmen Mann zu Tisch führen.- Gittel wollte schon hineingehen, meinte aber, der vornehme Mann müsse sie führen. „Aber, wenn er es nun nicht tut, Simon?" — „Wenn er 's nischt tut?" sagte Simon, vor Angst und Zorn erblassend und außerstande, sich zu rühren. , ..Simonleben," sagte endlich Gittel, „zu Tisch müssen , se. Geh du 'rein un sag: „Seid mer's mauchel, und führ ihn ze Tisch."— Simon antwortete nach einigem Zögern: „Ich wer' 'reingehen utt zu ihm sagen: Seid mer's mauchel. Un will er mer's nischt mauschel sein — nu, leb' ich morgen auch noch mit Gottes Hilf!" (Fortsetzung folgt.) Literarilche Mitteilungen. > —Erlebtes. Erzählungen für die Jugend und ihre Freunde. Von Lehrer Adolf Rothschild, Achim-Bremen. Berlin 1912. Verlag von Louis Lamm. Preis 2 Mark. Mau muß dies Buch durchaus nur als Buch für die Jugend auffassen, denn sonst legt man einen falschen Maßstab an. Der Verfasser ist kein Künstler, obwohl er zu erfinden versteht, kein Künstler, weil er die Fähigkeit nicht besitzt,' mit seinem Stoffe etwas anzufangen. Die Idee z. B., die der Skizze: „Das Kleeblatt" zugrunde liegt, zwei alte gutmütige Klatschbasen und ein alter Junggeselle, die gewissermaßen unzertrennlich sind, ist eine humoristische, die sehr nett auszuführen gewesen wäre; der Verfasser gibt aber eigentlich nur den Rohstoff. Ebenso ist es bei vielen anderen. Besser sind in dieser Beziehung allerdings die zwei Skizzen: „Die Preisarbeit", „Der kleine Rabbiner", zwei nette Humoresken. ' Aber als Jugendschriften betrachtet, d. h als eine Sammlung von Skizzen, die die Jugend zur Frömmigkeit erziehen sollen^ zu Gottvertrauen, zur Tätigkeit, zur Ehrung des Alters, zur Achtung vor den Eltern, sind sie höchst brauchbar. Del: Verfasser weiß seine, auch in dieser Zeitschrift vertretenen Ansichten: die Warnung vor der Landflucht, die Anpreisung des Handwerks und des Ackerbaus (einmal findet sich ein großes Lob der Anstalt zu