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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-01-17 · Heft 3 (17.1.1913) · p. Seite 34

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 3 (17.1.1913)
Date
1913-01-17
Page
Seite 34 (sequence 10)
Language
German
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MW 34 bekannten hiesigen jüdischen Gelehrten Mr. Claude Montesiore ins Leben gerufen worden ist. Die fragliche Korrespondenz wurde von einigen Schriftstellern eingeleitet, die der strengen orthodoxen Richtung angehören, und die (eomme chez vous) jede liberale Regung auf dem jüdisch-religiösen Gebiete nicht allein mit. gehäfsigen Worten verdammen, sondern sie auch ins Lächerliche zu ziehen suchen. Diese guten Leutchen scheinen aber zu vergessen, daß, wenn ein liberalgesinnter englischer Jude sich die Mühe nehmen wollte, die verschiedenen unschönen ' Zeremonien, die . in den meisten orthodoxen Synagogen während des Gottesdienstes beobachtet werden, einer Kritik zu unterziehen, er nicht wenig Stoff zu humoristischen Bemerkungen finden würde. Die Leiter der fraglichen liberalen Synagoge haben, wie es scheint, hauptsächlich den Zweck im Auge, solche männlichen und weiblichen Geschlechts anzuziehen und dem Judentum zurückzugewinnen, die es längst aufgegeben haben, ein jüdisches Gotteshaus zu besuchen, weil der daselbst abgehaltene Gottesdienst ihnen keineswegs anziehend und erbauend erschien. Nun find bereits verschiedene Anzeichen zu bemerken, daß sie gute Ursache haben, ihr Streben mit gutem Erfolg gekrönt zu sehen, denn während der vergangenen hohen Feiertage, war ihre neue Synagoge, recht dicht gefüllt. Unter den Anwesenden war.auch eine kleine Anzahl von Glaubensgenossen, die der orthodoxen Richtung angehören, und, wie verlautet, machte der daselbst abge-, haltene Gottesdienst allerseits den besten Eindruck. Besonders effektvoll sollen die gottesdienstlichen Vorträge gewesen sein, die der Prediger der fraglichen Synagoge, Rabbi Mattuck (aus Amerika) zu verschiedenen Malen'gehalten hat. Eine interessante, aber wenig bekannte Bemerkung mag hier erwähnt werden, die der Vater Disraelis dem ersten Prediger der Londoner reformierten jüdischen Gemeinde gegenüber einst gemacht, nachdem er dem reformierten Gottesdienst beigowohnt hatte. - Hätte, sagte er, ein solcher erhebender und anziehender Gottesdienst vor einigen Jahren in London existiert, so würde er selbst nebst den Mitgliedern seiner Familie keinen Grund gehabt haben, dem Judentum den Rücken zu kehren. . ' (Nachdruck verboten.) Von Mei'r Goldschmidt. Deutsch von Iva Anders. III. So standen die Disge also zu dem merkwürdigen Zeitpunkt, da Simon Levi die Nachricht von seiner großen Erbschaft erhielt. > In dieser Nacht schlief Simon nicht viel. Sobald er von dem Licht entfernt war, das den Fremden beschienen, und von Gittel, die ihn gesehen und gehört hatte, verlor die Sache an .. -; Zuverlässigkeit, und er mußte sie sich mit Hilfe von Wahrscheinlichkeitsberechnungen oder richtiger durch Erwägung der . Unwahrscheinlichkeit des Umstandes, daß. jemand hierzulande - Philpots und dessen Jugendbeziehungen zu ihm, Levi, und seine Freundschaft mit Ferdinand Caroe kennen und zu einem grausamen Scherz benutzen sollte, wieder Herstellen. Aber J'edesmal, wenn er sich die Sache aus diese Weise wahrscheinich gemacht hatte, erschien sie ihm wiederum zu überwältigend, um wahr zu sein. Eine neue Unruhe verursachte ihm der Gedanke, ob er berechtigt sei, am nächsten Tage, einem Sabbat, zum Ministerium des Auswärtigen zu gehen, um ,-.sich' in einer geschäftlichen Angelegenheit Gewißheit zu verschaffen. Er bewies sich selbst, daß die Sünde eigentlich nicht groß oder wenigstens verzeihlich sei, und fiel dadurch kurze Zeit in einen leichten Schlummer; aber als er erwachte und aufstcmd, meldete sich das Bedenken wieder. Teils wurde ihm bange bei dem Gedanken daran, dem Manne gegenüberzustehen, der ihm eine plötzliche, entscheidende, vielleicht niederschmetternde Gewißheit geben würde, teils beherrschte ihn. das abergläubische Gefühl, daß der Reichtum, verschwinden könne, wenn er auch nur im geringsten Gott versuche und gerade an einem Sabbat danach griffe. Als er zur gleichen Zeit wie sonst in die Synagoge kam und unbeachtet wie sonst, feinen Platz in einer der letzten Reihen des Seitenganges aufsuchte,- dachte er bei sich: Oi, jetzt müßte mit zollhohen Buchstaben uff mer ze lesen sein: Hier kommt ä Mann von 200 000 Talern, dann möchten wer mal sehen! Was würden wer sehen? Nischt würden wer sehen! Se würden fragen: Simon, wo fennen de zweimalhunderttausend - Taler? Seine Nachbarn, Leute in kleinen Verhältnissen, wie er selbst, begrüßten ihn, indem sie ihm Gut Schabbes wünschten. Da der eigentliche Gottesdienst noch nicht begonnen hatte, blieb noch ein bißchen Zeit, sich gegenseitig zu fragen, wie die Woche verstrichen fei. Einer zuckte jovial die Achseln und meinte, man müsse hinnehmen, was einem beschieden sei. Ein anderer klagte über die schlechten Zeiten. Ein dritter erzählte, er habe am vorhergehenden Tage ein unerwartet gutes Geschäft abgeschlossen und zwanzig Taler verdient. — „Bar?" fragte Simon Levi. — „Ja." — „Püh — das is mehr^ wie ich von mir sagen kann." Diese Zweideutigkeit Mächte ihm Spaß, aber es war ihm merkwürdig zumute, wie einem Königssohn, dessen Geschlecht entdeckt worden war, und dessen Geburtszeugnisse dem 'König zur Entscheidung Vorlagen,, oder wie einem Vogel, der seine Schwingen wachsen fühlt, und der bald ausfliegen würde zum allgemeinen Erstaunen all derer, die ihn für einen kleinen buckligen Agenten gehalten hatten. Wie es uns so oft geht, wenn wir'uns etwas so recht sehnlich wünschen: daß uns das Herz vor inniger Liebe zu Gott zu schwellen scheint, der uns das Begehrte geben kann, so wurde auch Simon sehr religiös ergriffen und versprach in großen, aber unbestimmten Zügen, was er alles für Gemeinde und Synagoge tun wolle. Da kam ein Mann herein, von dem man wußte, daß er eine halbe Million besaß. Es war ein ansehnlicher, kräftiger Mann von selbstbewußtem Aeußeren, aber auch mit einem Ausdruck von Ernst und Frömmigkeit. Er ging zu seinem Platz in der Nähe des Omed. Eine Jungfrau, die von der Galerie ihren Geliebten eintreten sieht, kann ihn nicht mit größerer Aufmerksamkeit verfolgen, als Simon Levi mit seinen kleinen, scharfen Augen jeden Schritt dieses Mannes verfolgte. Er wurde von niemandem mit sklavischer Ehrfurcht bewillkommnet; keiner grüßte ihn devoter, als er selbst grüßte, aber trotzdem lag in dem vertraulichen Blick, mit dem die Vornehmeren grüßten, in der Achtung, mit der die Atmosphäre um diesen Mann gleichsam durchsetzt war, etwas, das Simon Levi sagte: dies läßt sich nicht allein mit zweimalhunderLtausend Talern oder mehr erwerben, sondern nur im Bunde mit Geburt, Familienverhältnissen, der Wirksamkeit eines ganzes Lebens^ Mt scharfem Verstände erfaßte er die Begrenzung der eigenen Person und fühlte, daß der Reichtum ihm gewissermaßen Schmerz 'bereiten würde. Wiederum und noch entschiedener als am vorhergehenden Abend beschloß er im . stillen, niemandem klaren Wem über die Erbschaft einzuschänken, nicht den Schmuck des Reichtums, sondern dessen Wirklichkeit zu suchen, und dann kam ein Augenblick, aber auch nur ein Augenblick, wo er ihm gleichgültig wurde. Am nächsten Morgen suchte er Caroes auf und fragte, ob sie etwas wüßten. Er wollte sich, wie es schien, der Entscheidung auf möglichst großem Umwege nähern. Sie antworteten.

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