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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-01-17 · Heft 3 (17.1.1913) · p. Seite 33

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 3 (17.1.1913)
Date
1913-01-17
Page
Seite 33 (sequence 9)
Language
German
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33 nehmen als Brüder! Laßt uns ihnen die Vorrechte einräumen, wodurch sie nützliche Mitglieder des Staats werden können! Laßt uns' ihnen die Türen zu allen nützlichen Gewerben öffnen! Laßt uns ihnen die Hoffnung zeigen, daß sie auf diesem Wege auch Ehre erlangen können. Alsdann werdet ihr Recht haben, es ihnen zu versagen, sich durch unerlaubte Mittel zu bereichern; alsdann werdet ihr Recht haben, sie als Uebertreter zu strafen. Verstattet ihnen Freiheit, und bindet sie durch eure Gesetze! Tut an ihnen, was ihr wollet, das man auch an euch täte! Sehet, so wird es euch noch einmal gelingen, sie auch zu der Erkenntnis zu bringen, durch die wir dereinst der höchsten Glückseligkeit teilhaftig zu werden versichert sind. Und welche Tat kann edler sein als die, wodurch Menschen geholfen, dem Vaterlande gedienet, Gott geehret und wir selbst mit Ruhm und göttlichem Wohlgefallen bekrönet werden?" Daß ein Mann, der so unumwunden gegen Vorurteile ankämpfte und für die Menschenrechte und die Menschenwürde seiner israelitischen Glaubensgenossen so warm eintrat, auch den berühmtesten und verdienstvollsten Sohn Israels unter seinen Zeitgenossen, Moses Mendelssohn, hoch achtete und verehrte, bedarf eigentlich keiner besonderen Ausführung. Immerhin dürfte es von Interesse sein, die Beziehungen zwischen beiden hier mit einigen Worten näher zu beleuchten. Wieland hatte, wie gesagt, große Sympathie und Verehrung für den Verfasser des „Phaedvn". Da er selbst in seinen Romanen, Dramen und philosophisch-ästhetischen Abhandlungen sich vielfach mit dem literarischen und Geistesleben und den Helden der griechischen Külturwelt beschäftigte, diente ihm in der Auffassung der antiken Welt. Moses Mendelssohn als Vorbild. Die Klarheit und Anschaulichkeit der Philosophie des „modernen Sokrates" sowie seine meisterhafte Beherrschung der Sprache riefen sein Entzücken hervor. War doch auch er bemüht, dem deutschen Volke eine Schriftsprache zu schaffen, die etwas von der sonnigen Klarheit und Wärme des griechischen Himmels erkennen ließ. Aus das maßgebende kritische Urteil von Mendelssohn gab er außerordentlich viel, und jedes Wort der Anerkennung, das ihm von einer so ausschlaggebenden Seite kam, erfüllte ihn mit Stolz und herzlichster Befriedigung. Es bereitete ihm außerordentliche Freude, daß Mendelssohn in seinem Werk über Phaedon unter anderen hervorragenden Schriften auch Wielands Werk: „Gespräche Sokrates und seiner Freunde" seiner Beachtung für wert hielt und sich eingehend damit beschäftigte. Es galt ihm dieser Umstand als ein Beweis dafür, daß der berühmte Denker in ihm nicht bloß den Schöngeist und den liebenswürdigen Feuilletonisten, sondern auch einen Forscher achtete, der über die Fragen der Weltweisheit im klassischen Hellas und über die dortigen Geisteshelden seine eigenen Ideen hatte. In den Briefen, die Wieland an seine intimen Freunde, wie zum Beispiel an den Arzt und philosophischen Schriftsteller Dr. I. G, Zimmermann und Professor Riedel, schrieb, bekundet er wiederholt, daß es ihn glücklich mache, daß Moses Mendelssohn bald über das eine, bald über das andere Werk von ihm sich im günstigen Sinne äußere/ Mendelssohn verschmäht es in der Tat nicht, die besseren, daß heißt die inhaltreicheren Schriften Wielands seiner Lektüre zu würdigen, und da ihm einige derselben sehr gefielen, äußerte er oft in lebhaften Worten seine Anerkennung. Von dem humoristischen Roman des Dichters „Don Sylvio von Rosalva" zum Beispiel war er ganz entzückt. Nach seiner Auffassung machte dieser „Don Quichotte Wieland mehr Ehre, als ein ganzer Wust von Heldengedichten." Noch mehr ergötzten ihn die staats- und geschichtsphilofophischen .Erzählungen des Verfassers „Der goldene Spiegel", worin Wieland den Beweis erbringt, daß er auch ein scharfsinniger Politiker war, der über die Probleme der Staatsweisheit sich seine eigenen Ansichten gebildet. In diesem Sinne schreibt er einmal anden bereits genannten Zimmermann am 25. Juni 1772: „Was für ein außerordentlicher Mann ist Ihr Freund Wieland! Seit vielen Jahren hat mich kein Buch so ergötzt, als der 3. Teil seines „Goldenen Spiegels". Man sieht, der Mann darf nur wollen, hier zeigt sich der Weltweise, der Verehrer der Gottheit, der Lehrer der Tugend und der unnachahmlichste Schriftsteller in seinem stärksten.Licht."*) Zimmermann, einer der treuesten und vertrautesten Freunde Wielands, beeilte sich, von diesem schmeichelhaften Gutachten des gefeierten Denkers Wieland Kenntnis zu geben, zumal er wußte, welchen hohen Wert dieser dem Votum Mendelssohns beimaß. Voll Jubel antwortete der Poet aus diese Mitteilung Zimmermanns: Biberach, den 8. Oktober 1767. „Sie haben mir durch die Mitteilung des Auszuges aus dem Briefe von Herrn Moses Mendelssohn ein außerordentliches Vergnügen gemacht. Es sind mir wenige Geister in Europa bekannt, deren Beifall für mich so vielen Reiz haben könnte, als des Herrn Mendelssohns. Ich gesteh' Ihnen, mein liebster Freund, seitdem ich mich auf lebenslang verurteilt sehe, in Biberach zu wohnen, wünsche ich mir mehr als jemals ein wenig mehr für alltägliche Schriftstellersreputation als eine Schadloshaltung für die vielen anderen Glückseligkeiten, die ich entbehren muß . . . Wenn etwas wäre, das mich stolz machen könnte, so wäre es gewiß, von einem Mendelssohn gelobt zu werden. "^) Jöritf aus London. Von Dr. I. Chotzner. ehr als achtzehn Monate sind bereits verflossen, seitdem der selige Chief Rabbi, Dr. Adler, das Zeitliche gesegnet hat, und noch immer ist es dem hiesigen Wahlkomitee nicht gelungen, einen einigermaßen würdigen Nachfolger zu finden. Dies ist aber auch ganz natürlich. Denn unter den vielen englischen und amerikanischen jüdischen Geistlichen ist es kaum möglich, auf einen solchen mit Bestimmtheit hinzuweisen, der all die geistigen Vorzüge besitzt, die der selige Dr. Adler in großem Maße innehatte. Nebstdem war er eine inrposänke Persönlichkeit und zugleich auch der Sohn und Nachfolger eines englischen Chief Rabbi, der seinerseits wiederum einer geschichtlich bekannten Familie entstammte, die verschiedene talentvolle Rabbiner aufzuweisen hatte. Er war daher ein Unikum in seiner Art, und was Wunder, daß er nicht leicht ersetzt werden kann. Wohl sind inzwischen von dem* besagten Wahlkomitee einige englische und amerikanische Kandidaten zur Abhaltung von Probepredigten eingeladen worden, von welcher Einladung diese auch Gebrauch gemacht haben, aber die endgültige Entscheidung wird erst gegen Ende dieses Monats erfolgen. - Der letzte, aus Amerika hierherberufene Kandidat ist Dr. Drachman, ein ehemaliger Schüler des Breslauer Rabbinerseminars, der seit vielen Jahren in einer großen Gemeinde in New Bork als Rabbiner und Prediger fungiert. Man glaubt hier allgemein, daß die bevorstehende Wahl zü seinen Gunsten aussallen werde. Während der letzten paar Wochen enthielt das hiesige „Jewish Cronicle" eine lange Reihe von Briefen, worin das Wesen des jüdischen Gottesdienstes - kritisiert wurde, der in der unlängst hier erösfneten Synagoge abgehalten wird, die den Namen „The Liberal Synagogue" führt, und von dem *) Bergt. Eduard Bodemaun, Joh. Georg Zimmermann, Seite 286. 2) Wielands ausgewählte Briefe, 2. Band, Seite 282 ff, Zürich 1815.

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