Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1913)
- Date
- 1913-01-17
- Page
- Seite 32 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229073--69130-3281415- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Es wird ihm zum ewigen Ruhm gereichen, daß er diese seine Gesinnungen auch den Parias der Menschheit, den aller Rechte beraubten, immer befehdeten und verfemten Juden gegenüber gleichfalls betätigte. Nie hat er eine Zeile in seinen Werken und Briefen geschrieben, nie eine Bemerkung gemacht, die man als eine judenfeindliche hätte deuten können, wohl aber legte er wiederholt eine Lanze für die staatsbürgerlichen Rechte der Israeliten ein. Mag hier nur eine einzige Probe dieser seiner Anschauungen betreffs des Volkes Israel mitgeteilt werden. Im dritten Quartal des von ihm geleiteten „Deutschen Merkur" vom Jahre 1775 veröffentlichte Wieland einen den Israeliten sehr sympathischen Artikel, den Christen zu Gemüte führend, ihnen gegenüber die Menschenrechte und die Menschenwürde zu wahren und sie gleich Brüdern zu betrachten. Der Aufsatz lautet: „Gedanken über das Schicksal der Juden". Der Herausgeber versah beider Veröffentlichung den in vielfacher Hinsicht hochinteressanten Artikel mit nachstehender empfehlender Fußnote: „Von einem Ungenannten eingesandt, den alle gutdenkenden Leser des „Merkurs" mit mir lieben und zu kennen wünschen werden." Dieser Abhandlung '[et nur einiges besonders Charakteristische hier entnommen. Anknüpfend an die Aufsehen erregenden Enthüllungen, die zu jener Zeit ein Reiseschriftsteller bzw. ein französischer Offizier über die Leiden und trostlosen Schicksale von Mohrensklaven in Afrika machte, die Europäer beschuldigend, daß sie die Unglücklichen unmenschlich und grausam verfolgten, wirft er die Frage auf, ob es denn nicht ebenso heilsam wäre, auch Menschlichkeit gegen diejenigen Mitbürger zu üben, die mitten unter uns in der „höchsten moralischen Unglückseligkeit" leben müssen?. Dann sagt.er wörtlich: „Das Herz blutet mir bei diesem Anblick. Ein Volk, durch die Blindheit seiner Väter von allem beraubt, was Trost des Herzens, was Ruhe der Seelen-, was äußere Sicherheit, was aufmunternde Aussicht in die Zukunft kann genannt werden, muß' als wäre es noch nicht bedauernswürdig genug, auch das Opfer unserer Verachtung, unserer Ungerechtigkeit, unserer Habsucht werden. Menschen! Wo denkt ihr hin? Die Hand des Höchsten kann euch treffen, so wie sie jene getroffen hat. Sie wird euch treffen. Leset die Aussprüche der ewigen Weisheit, des Allmächtigen, der nicht lüget. Mich dünkt, ich sehe sie schon zum Teil in ihre Erfüllung gehen. Die Vorboten davon sind bereits unter euch getreten. Der Schwindelgeist in dem, was unter den Christen das Unwandelbarste sein sollte, die Unreinigkeit in den Sitten, die Untreue untereinander, der Verfall in alle die Laster, die vormals das jüdische Volk und ihren Gott voneinander trennten, was sind sie anders? Und was soll ich von der Verblendung sagen, die sich schon hie und da spüren läßt, da manche lieber heidnischen Göttern opferten, als dem lebendigen Gott, wenn sie ihre Lüste nur ungehindert und unter eben dem Scheine von Heiligkeit befriedigen könnten. Die Art der göttlichen Gerichte bringet es so mit sich, daß diejenigen, die anderer Gebrechen unbillig tadeln, mit unzeitiger Strenge ahnden, sie vorsätzlich in die Gefahr bringen, lasterhaft zu werden, am Ende selbst in diese Fehler verfallen, ohne eben den Grad der Nachsicht weder bei Gott noch bei Menschen finden zu können. Wir hassen die Juden, weil sie eine andere Sprache, andere Sitten haben als wir. Wir verfolgen sie, weil Gott sie um ihrer Laster willen mit der Blindheit geschlagen hat, daß sie zu ihrem Heile das nicht glauben können, was wir glauben. Wir verachten sie, weil sie aus eine niedrige Weise das Ihrige erwerben. Wir drücken sie, um uns mit dem Ihrigen zu bereichern. Stählerne Herzen! Unweise Knechte! Sollt ihr so mit euren Mitknechten verfahren? Wo stehet die Anweisung dazu? Kommt euch nicht das Hell, alle geistliche, ja selbst der größte Teil eurer bürgerlichen Glückseligkeit von ihnen? Was wäret ihr, ehe das Licht, welches unter ihnen aufging, euch erleuchtete? Hat Gott sie verworfen, so wisset, daß er sie wohl wiederum in dem rechten Stamme einpfropfen kann, um bessere Früchte zu tragen als ihr: und glaubet, daß er es tun werde, denn er hat es gesagt. Und was meinet ihr, sollte er dies zahllose Volk umsonst, oder nur darum unter euch zerstreuet haben, damit ihr es verachtet? Wie ging es den Aeghptern? — Oder sollte dies merkwürdige Volk euch nicht vielmehr zu einem Beispiele, zu einer Warnung, zu einer Ermunterung dienen? Sollte die ewige Weisheit nicht hohe Absichten gehabt haben, da sie dieses Volk über den ganzen Erdboden zerstreuete? Denket dem nach, und werdet klug! Doch laßt sehen, ob ihr Grund habt, sie zu verachten, oder euch selbst? Prüfet genau! Seid unparteiisch! Es ist wahr, sie glauben nicht das, was wir glauben; sie glauben nicht das, was sie glauben sollten; aber, sie sind doch dem treu, was sie glauben. Und ihr? Ihre Sprache lautet wunderlich, sie hat nicht den Wehklang, nicht die Zierlichkeit, nicht die Regelmäßigkeit der eurigen. Freilich, ein großer Fehler; aber sie ist doch rein von Ausdrücken, von Bildern, für deren wahre Bedeutung die Tugend erröten muß, von Wendungen, worin ihr in der eurigen die schamlosesten Dinge zu verhüllen wisset. Ein wesentliches Verdienst, dünkt mich, um so viel wesentlicher, meines Erachtens, als es keinen anderen Ursprung als in der Reinigkeit ihrer Sitten haben kann. Und sollten wir etwas anderm als dieser die Einigkeit, worin sie unter sich leben, beimessen können? Sind sie weniger gute Eltern, weniger gute Hausväter, weniger getreue Ehegatten, als wir? Ich fürchte, wir verlieren bei dieser Vergleichung. Und können wir diese Tugenden an ihnen gewahr werden, ohne überzeugt zu sein, daß der Keim aller andern bürgerlichen Tugenden bei ihnen verborgen liege, und nur auf Gelegenheit zu dem glücklichsten Ausbruche warte? Aber wie? Sie bereichern sich auf unsere Unkosten; sie erwerben, auf eine niedrige Weise? Ja! aber doch , treiben' sie keinen schändlichen Gewinn. Ihr verstehet mich. Und sind sie unsere heimlichen Blutegel, so machen wir sie dazu, indem wir ihnen den Zugang zu erlaubteren Gewerben versperren. Die Not macht sie zu dem, was sie sonst nicht sein würden. Und euer eigenes Beispiel? — Wer unter euch ohne Fehl ist, der werfe den ersten Stein auf sie, ihr christlichen Wucherer! Und ihr seid -Glaubensgenossen, Schafe einer Herde! Doch eben diese Betrachtung führet mich zu einer andern, die nicht weniger wichtig für euch als für sie ist. Ihr kennet diese Leute. Sind sie weniger verschlagen als ihr? Sollten sie weniger Fähigkeit zu nützlichen Gewerben haben , als ihr? Warum laßt ihr diese ergiebige Quelle des Reichtums ungenutzt dahin fließen? Sehet! sie überströmet eure Aecker und Wiesen, und reißet die Früchte eurer sauren Arbeit mit sich dahin. Ihr drücket diese Unglücklichen, um euch von ihrem Fette zu nähren. Wie groß ist die Schande! wie geringe der Lohn! Denn was könntet ihr Ansehnliches einem Haufen entreißen, der sich nur verstohlenerweise auf eure Unkosten bereichern - darf? Sollte Gott dies nicht ahnden? Und was gewinnt der Staat dabei? Seid Menschen! so werdet ihr Ehre und das Vaterland Gewinn haben. Beide bleibend und fortdauernd, und Gott wird euch segnen; denn sollte er Unglückliche können glücklich machen sehen, ohne zu belohnen? Mich dünkt immer, wenn ich diese Unglücklichen erblicke, daß Gott sie unter uns geworfen habe, um unfern Glauben durch ein herrliches Werk der Barmherzigkeit zu prüfen. Nun wohlan! so laßt uns denn barmherzig sein gegen sie, gegen düs Vaterland, gegen uns selbst! Laßt sie uns auf-