Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1913)
- Date
- 1913-01-17
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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81 Spanien ist das Land der Kirchen. Toledo hat 25 Kirchen, am meisten besucht wird die große im Mittelpunkt der Stadt liegende Kathedrale, welche mit ihrem Turm die ganze Häusermasse beherrscht. Es ist ein gotischer Bau in den größten Verhältnissen, fünfschiffig und-mit einem hohen Glockenturm. Sie stammt aus den ältesten Zeiten der christlichen Kirchen. Unermeßliche Schätze sind in den Schreinen und in den mit Gold und Marmor ausgestatteten Kapellen ausgespeichert. Die Weitersahrt führte mich säst bis zur südlichsten Spitze von Europa, nach Cadiz am Atlantischen Ozean. Der Weg führt durch das schöne Andalusien. Im Gegensatz zum Norden bietet hier die Landschaft alle Reize des Südens: Wein- und Oelbäume, Apfelsinen-,. Zitronenhaine. Die Vegetation ist tropisch, der Guadalquivier, der große Fluß, macht das Prachtvolle Gelände vollständig. Der Kaktus, der stachlige Geselle, ziert den Bahnweg. Andalusien enthält nicht nur die größten, interessantesten Bauwerke, wie die Alhambra, die Moschee, Alcasar in Sevilla, sondern es ist auch die Landschaft, die die Maler, Denker und Dichter hervorgebracht hat. Cadiz ist eine freundliche, saubere Stadt, die Häuser hoch und schmal mit flachen Dächern und Aussichtstürmen. Die beste Aussicht hat man vom Wachtturm aus über den Ozean und die Stadt. Bei klarem Wetter sieht man die Küste und Häuser von Tanger. Meine Absicht, Marokko zu besuchen, mußte ich aufgeben/ weil die Dampfer nur Zweimal in der Woche gehen. Bon Cadiz fuhren wir nach Jerez, dem Sherry der Engländer, der von hier kommt; es ist eine der reichsten Städte in Spanien. Die Aussprache des „I" im Spanischen dürfte bekannt sein. Jerez, Aranjuez, Canalejas, Don Jouan usw. Die Spanier haben wenig Sprachtalent, fremde Verhältnisse sind den meisten unbekannt, und das sollte ich bald erfahren. Ich war der erste am Schalter, verlangte ein Billett nach Jerez. Der Beamte schüttelt den Kopf, stellt Fragen, die ich nicht verstehe. Die Nachdrängenden werden unruhig; ich begreife die Situation, schreibe schnell die gewünschte- Station auf; der Beamte gibt das Billett und sagt laut Jerez; d. i. starke Betonung der letzten Silbe. Das habe ich mir gemerkt. Von Jerez aus ließ ich mich verleiten, einen Abstecher zu machen nach dem an der Mündung des Guadalquivirflusses malerisch gelegenen Sanlucar, das im Sommer das Heringsdorf der Sevillaner ist. Leider waren aber die Grand-Hotels noch nicht eröffnet und das einzige. Nach spanischen Begriffen bewohnbare Hotel so besetzt, daß ich mit meinem Reisegenossen, den Geschäfte nach dort führten, das Zimmer teilen mußte. Eine Gemeinsamkeit war auch für das Waschgesäß vorgesehen, vermutlich, weil sich nur die Hälfte der Spanier regelmäßig zu waschen scheint. Das Essen war mehr oder weniger genießbar. Meine Hauptnahrung beschränkte sich auf Dinge, an denen der spanische Koch nichts verderben konnte, nämlich Brot, Eier und Obst. War der Hotelaufenthalt somit ein Opfer, so entschädigte mich die Freundlichkeit der Bewohner, an ihrer Spitze der Bürgermeister der Stadt, mit ihrer echt andalusischen Gastfreundlichkeit, die mir nicht erlaubte, auch nur eine Tasse Kaffee zu zahlen, noch weniger den herrlichen Wein, der als beste Sherrymarke von diesem kleinen Flecken nach allen Weltteilen verschickt wird. . Man führte mich in eine der größten Kellereien, Bodegas genannt, und kredenzte mir eine Probe aus einem der ältesten Fässer-des Hauses: Ein anderes Produkt dieses gesegneten Stückchens Erde erregte meine Aufmerksamkeit, eine schöne Kartoffel von auffallender Größe, deren weißes mehliges Fleisch einen richtigen Apfel. Vortäuschen und zum Anbeißen verleiten könnte. Der spanische Staat hat, wie ich erfuhr, eine Ansiedlungskommission gegründet, die armen Leuten hier ein Stück Land umsonst und zeitweise steuerfrei überläßt, mit der Verpflichtung, es zu bestellen, um auf diese Weise der von Jahr zu Jahr zunehmenden Auswanderung der Bevölkerung Einhalt zu bieten. Zwar gleicht das Land heute noch unserer märkischen Streusandbüchse, aber die bekannte Berliner Firma Örenstein u. Koppel war gerade dabei, eine Kleinbahn anzulegen, um auch hier der Kultur den Weg zu ebnen. Von Sanlucar ging es nach dem eigentlichen Spanien, nach Sevilla; es ist die typischste spanische Stadt, die Perle Spaniens, die Hauptstadt von Andalusien. Die Stadt hat maurischen Charakter, niedrige weißgetünchte Häuser, enge, kurze Straßen. Trotzdem macht die Stadt einen freundlichen, angenehmen Eindruck. Fast jeder. öffentliche Platz ist mit Orangen, Palmen, Akazien bepflanzt. Der schiffbar gemachte Guadalquivir hat den Handel mächtig gefördert. In Andalusien findet man die Typen höchster Frauenschönheiten: ebenmäßige, üppige geschmeidige Gestalten mit zierlichen Händen und Füßen, großen leuchtenden Augen, reichem, tiefschwarzem Haar, graziöser Bewegung. Die südlichen Schönheiten aber verblühen nur allzurasch und lassen schon in den besten Jahren nichts von den früheren Reizen erkennen. Ich stieg im Grand Hotel de Madrid ab. Der Portier L e v y, ein marokkanischer Jude, ist ein Zögling der Allianceschule, versieht den Posten schon viele Jahre und ist wegen.seiner Sprachkenntnisse bekannt; aber Deutsch versteht er nicht. (Fortsetzung folgt.) Chrittoph Martin Wieland in leinen LeUchunran?u Inden und Judentum Von Dr. Adolph Kohut. (Nachdruck verboten.)' h . . er gerade vor einem Jahrhundert, am 20. Janum 1813, im hohen Greisenalter verstorbene Dichterpatriarch Christoph Martin Wieland zählte zu den beweglichsten und interessantesten dichterischen Charakteren der vorweimarischen klassischen Zeit. Ein vielseitiger, fruchtbarer und geistreicher Dichter, Schriftsteller und Uebersetzer, hat er unsere Nationalliteratur mit zahlreichen Werken bereichert, die nicht samt und sonders das Gepräge der Unsterblichkeit an der Stirn führen. Manche sind feicht und oberflächlich, manche nur aus der Zeit heraus zu erklären, und manche ermangeln der originellen Schöpferkraft. Aber einige seiner Romane und Epen, wie zum Beispiel „Agathon", „Geschichte der Abderiten" und „Oberon", werden den Ruhm ihres Verfassers noch in kommenden Jahrhunderten verkünden. . Es ist hier nicht der Ort, auf die Bedeutung Wielands als Dichter, Denker und Schriftsteller näher -einzugehen. Was uns ihn besonders sympathisch erscheinen läßt, ist vor allem sein reiner, lauterer, edler und makelloser Charakter. Er gehörte in dieser Beziehung zu den sympathischsten Persönlichkeiten des deutschen Parnasses im 18. Jahrhundert. Stets wollte er nur das Gute, seine Absichten waren die besten, und sein Ehrenschild war nie durch irgendeinen Flecken beschmutzt. Was ihn vor allem auszeichnete und ihm Tausende und Abertausende von Verehrern, zu denen in erster Linie auch Goethe gehörte, verschaffte, war der Umstand, daß er Duldung in jeder Beziehung und in weitestem Maße übte. Wie er einzelnen gegenüber diese seine Toleranz betätigte, so lehrte er sie auch in bezug aus unterdrückte Völker und Religionen. Einer der überzeilgtesteu Söhne der Aufklärungszeit, verkünd'ete er mit beredten Worten und mit dem ganzen Reiz seiner Poesie bif welterlösenden Lehren edelster Menschlichkeit,