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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-01-17 · Heft 3 (17.1.1913) · p. Seite 30

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 3 (17.1.1913)
Date
1913-01-17
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
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lebende Bilder des Velasquez erscheinen; sie leiten den ganzen Zug zur Loge des Königs und des Stadtobersten. .. Hinter ihnen, wenn auch zu Fuß, doch stolz, sicher und selbstbewußt, schreiten die Espadas in malerischer, altandalusischer Tracht, kurzen goldgestickten Jacken, grünen Samthosen, weißseidenen Strümpfen und flachen Schnallenschuhen/ Dahinter ihre Gehilfen, die Capeadores und Banderilleros, die, je nach ihrem Espada, in gleichen Farben, wenn auch weniger Prächtig gekleidet sind, und die Attribute ihres Berufes, die -mit Bandschleifen und Blumen geschmückten Banderillas, und die grellroten Capas, tragen. Alle Fußkämpser haben ihr Haar rückwärts in einem kleinen Zopf arrangiert, das Zeichen der Zunft. Auf dem Kopfe tragen sie die schwarzfamtne Monterilla, einen Hut, der mit seidenen Pompons und vielen Quasten geschmückt ist. Den Fußkämpfern folgen die berittenen Pikadores, und in diesem Augenblicke erwecken die armen geängsteten Pferde, die willen- und wehrlosen Schlachtopser das wärmste Mitleid. Kaum können die alten Klepper noch ihre Reiter tragen, die auf schweren Satteln mit hohen Lehnen sitzen und ihre Füße in alten maurischen Kastensteigbügeln verbergen. Eine lautlose Stille herrscht jetzt, und aller Augen hängen erwartungsvoll und wie gebannt an der Loge des Präsidenten. Ein Wink mit der Hand,- ein kurzer Trompetenstoß, und das Tor wird durch den 'rotgekleideten Pförtner geöffnet. Verdutzt und geblendet bleibt der prächtige schwarze Stier in der fremdartigen Umgebung stehen. Er macht den Eindruck, als ob er die blutgierige Menge fragen wollte: „Wo bin ich, was wollt ihr von mir?" „Armes Tier! Lebend wirst du, diese Stätte nicht wieder verlassen!" Der Stier scheint das alles zu verstehen. Mit wütendem Gebrüll, gesenkten Hörnern stürzte er vorwärts in die Arena, ziellos durch dieselbe dahinbrausend. Ein Jubelgeschrei empfängt ihn. Hüte und Tücher werden geschwenkt und die wie Bildsäulen dastehenden Capeadores aufgesordert, den Kamps zu beginnen. — Ich muß es mir Versagen, diesen schauererregenden Kämpf ausführlich zu schildern^ Man sagt, diese blutigen Spiele, bei denen Dutzende von Männern kaltblütig ihr Leben einsetzen, seien geeignet, den persönlichen Mut unter den Zuschauern zu wecken und zu stählen. Mag sein! Tatsächlich wagen alle Stierfechter während des Kampfes jeden Augenblick ihr Leben. Der geringste Fehler, den der Kämpfer macht, kann ihm verhängnisvoll werden; eine unvorsichtige Bewegung oder Wendung setzt ihn der Gefahr aus, von den Hörnern des Stieres ergriffen, gespießt oder in die Lust geschleudert zu werden. Ich aber muß sagen: Die Stierkämpse mit allen ihren Geleiterscheinungen waren und sind die Schände Spaniens. Aranjuez, einem kleinen Städtchen galt der nächste Ausflug, das bekannt ist durch den Glanz und die Pracht der „schönen Tage, die nun zu Ende sind." Das Schloß mit seinen malerischen Türmchen, Erkern und Balkonen ist rings von Gärten umgeben, ganz im Grün blühender Büsche und uralter Bäume versteckt. Es war ein heißer Sonntag. Wir besichtigten das Schloß, und unerwartet kamen per Auto der König und die Königin an. Hier hatten wir abermals Gelegenheit, die ungezwungene Art des Königs zu beobachten. Dem Schloßverwalter gab der König die Hand und stellte ihn der Königin vor, die eine spanisch höfische Verbeugung machte. Der König gab ihr durch einen sanften Lendendruck zu verstehen, dem Verwalter ebenfalls die Hand zu reichen, was dann auch — ohne weiteres — geschah. Unvergleichlich schön ist der von Philipp II. angelegte herrliche Park mit seinen alten Orangen-, Zedern- und Lorbeerbäumen und den langen Alleen, mächtiger Eichen, Ulmen und Kastanien. Zahllose Fontänen schleudern ihre Wasserstrahlen hoch in die Lüfte. Toledo erreicht man von Madrid in etwa zwei Stunden. Es ist ein kleines ödes, verfallenes, aber malerisches Felsennest, das von dem wilden, reißenden Tajo wie von einem Gürtel umschlungen ist. Den Zauber eines spanischen Städtebildes lernt man hier kennen. Das Auge schweist über diese Märchenstadt mit ihren altersgrauen verfallenen Festungsmauern. Das kahle hügelige Gelände, die kleinen, in der Schlucht liegenden weißgetünchten Häuser, Tore, Brücken, Bogen, Türme machen einen altertümlichen Eindruck. Alles überragt der Alcazar, die imposante Maurenfeste. In seiner Ruinenhaftigkeit bietet Toledo für Maler eine Schatzkammer stimmungsvoller, von tiefer Melancholie angehauchter Motive, wie keine zweite Stadt. Mit seinen engen krummen Gassen macht es einen düsteren, traurigen Eindruck, viele Häuser stehen leer und verlassen, und große Schutthaufen liegen umher. Inmitten dieser Ruinen stehen zwei alte Synagogen. Die erste ist im 13. Jahrhundert erbaut im maurischen Stil und seit 1405 eine christliche Kirche: „Santa Maria la Blanca." Diese ehemalige Synagoge hat ein Kellergewölbe, in dem die Maranen (Scheinchristen) ihre Zusammenkünfte hatten und ihrem Judentum lebten. Die zweite, Sinagoga del Transito, wurde 1360—1366 von Rabbi Meir Äbdeli auf Kosten Samuel Levys, des . später Hingerichteten Schatzmeisters Peters des Grausamen -.erbaut. Nach der Vertreibung der Juden 1492 durch die katholischen Könige wurde diese Synagoge der heiligen Jungfrau geweiht. Der einschiffige Bau ist mit herrlichen Arabesken.und Friesen bedeckt. Die hebräische Inschrift unterhalb der Wappen von Kastilien und Löon gedenkt des Gründers und rühmt die Könige,, die andere Inschrift enthält einen Auszug aus den Psalmen Davids. Die Synagoge hat einen offenen, mit Zedernholz verkleideten und mit Elfenbein ausgelegten Dachstuhl. Das Licht fällt durch vergitterte Oeffnungen oben in den Wänden hinein. Das Innere der Airche Santa Maria la Blanca in Toledo, eine im 13. Jahrhundert erbaute Synagoge und seit 1405 katholische Kirche.

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