Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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genommene Haus und Grundstück zu erwerben, und daß auch' sonst die materielle Frage, zu Besorgnissen.in der Zukünft keinen Anlaß g'ebe. An der Spitze des aus achtzehn Mitgliedern bestehenden Kuratoriums steht Herr Albert Wehl. - ~ .0. Köln, 2. Januar. Am vorigen Samstag abend fand hier im großen Saale des Kolonialhauses eine von der Vereinigung für das liberale Judentum Deutschlands und' vom Liberalen Verein für die Angelegenheiten der hiesigen jüdischen Gemeinde veranstaltete Versammlungstatt, in der Herr Rabbiner Dr. Kalter aus Danzig über die gegenwärtige Lage des liberalen Judentums sprach. Eine zahlreiche Zuhörerschar lauschte den von Wärme getragenen und überzeugenden Ausführungen des Redners mit gespanntester Aufmerksamkeit länger als anderthalb Stunden. Ohne in eine Polemik mit den Gegnern einzütreten, setzte er im ersten Teile seines Vortrages die Grundprinzipien des liberalen Judentums auseinander und wies dessen Berechtigung geschichtlich nach, denn niemals wäre das Judentum eine starre, in sich abgeschlossene Religion gewesen; es hätte sich -vielmehr stets in lebendiger Fortentwicklung befunden und den Anschauungen der verschiedensten Zeiten Rechnung getragen. Für die Nichtigkeit dieser Auffassung sprechen nicht nur die Bibel, der Talmud und die jüdische Religionsphilosophie des Mittelalters, sondern auch der Schülchan aruch selbst; schreibt doch-kein Geringerer -als Grätz im neunten-Bande seiner Geschichte von diesem Gesetzbuche: „Es erscheint darm ein -ganz anderes ° Judentum als das, welches am Sinai offenbart, von den Propheten verkündet und selbst von Maimuni., gelehrt wurde./ Aber dieses Judentum entsprach vollständig den Vorstellungen der Juden jener Zeit, und darum wurde Karos Kodex allsogleich mit Freuden ausgenommen. und als unverbrüchliche Norm festgehalten." Niemmrd dürfe und könne leugnen, daß das liberale Judentum durchaus aus historischem.. Boden steht, und -als solches erstrebe es den Einklang zwischen Lehre und Leben, zwischen Glauben und Wissen, wolle es lebendige Religion, an der Verstand, Herz und Wille ingleicher Weise beteiligt seien, und gehe es daraus aus, religiöse Persönlichkeiten heranzubilden. Es sei aber durchaus falsch, zu glauben, der religiöse Liberalismus beruhe auf Willkür und Bequemlichkeit. Er wolle nicht ui-ederreiß-en, sondern ausbauen, und gerade die Aufstellung der Richtlinien, zu einem Programm des liberalen Judentums verfolge den ausgesprochenen Zweck, mit der Grundsatzlosigkeit zu brechen, die bisher überall dort herrschte, wo man dem.Schülchan aruch keine, unbedingte Autorität beimaß. Sodann ging der Redner dazu über, die Richtlinien selbst zu. erläutern, und betonte als deren wichtigste Forderungen die Pflege religiösen Lebens inr Hause und in der Familie sowie die-religiöse Erziehung unserer Jugend. Durch die objektive Würdigung und eingehende Betrachtung-derselben,' wußte er -alle die Angriffe der Gegner als völlig haltlos und unverständlich hinzustellen. Mit der. Aufforderung an die Versammlung, allezeit die Devise des Liberalismus: Treue zum Judentum, gepaart mit Gewissensfreiheit, hochzuhalten, schloß der Redner seinen.begeisterten und begeisternden Vortrag unter dem lauten Beifall aller Anwesenden. Herr Justizrat Callmann hob noch besonders hervor, daß die Resolution der Getneindevorstünde keine Herabsetzung des Rabbinerstandes bedeute; im -Gegenteil sei sie ein Beweis der Achtung, welche die Gemeinden der Ueberzeugnug ihrer Rabbiner entgegenbringen, und ein Zeichen höchster Toleranz, nur allen Richtungen im Judentum gerecht zu werden.. ..... . .. Bonn, 5. Januar. Der Bund Jüdischer Korporationen (B. I. St.) hielt in der vergangenen Woche hier seinen.zwölften Kartelltag ab. Die Beratungen bezogen sich meist aus interne Verbandsangelegenheiten, es galt die Kraft des Bundes durch den inneren Ausbau der einzelnen Verbandsvereine zu heben und zu fördern. Dem Bund gehören zurzeit 10 Korporationen an, die älteste wurde 1895 in Berlin gegründet, die jüngste im vorigen Jahre in Heidelberg, sie hatte, im zweiten Semester ihres Bestehens schon 28 Füchse. Im ganzen zählt der Verband etwa 650 Mitglieder, darunter rund 300 aktive. Der Kartelltag wurde am 28. Dezember durch einen Festkommers im großen Saale der Lesegesellschaft in Köln geschlossen; dabei trat der Bund zum erstenmal vor eine' größere Oefsentlichkeit. Zu der Feier waren, außer den etwa 30 Vertretern der Verbandskorporatiönen in Wichs, zahlreiche Freunde und Gesinnungsgenossen aus der Stadt und aus den benachbarten Bezirksverbänden erschienen. Der Saal war mit den blaü-wüß-gelb'en Fahnen der einzelnen Vereine geschmückt. Zahlreich wären auch die Mitglieder des Kartells zionistischer . Verbindungen und befreundeter jüdischer Vereinigungen erschienen. Der Kommers nahm einen sehr angeregten Verlaus;, aus! den Reden der einzelnen Vertreter der aktiven Vereine und der Verbände der Alten Herren klang die stolze Ueberzeugnug, daß es durch diese akademischen Vereinigungen gelungen sei, trotz der vielen äußeren und innern, diskreten und indiskreten Gegner ein „neues Judentum" zu schassen. Die Festrede hielt A. H. Rabbiner Dr. Emil Cohn aus Essen. Er führte aus, daß man in der gesamten jüdischen Welt das Verdienst des Bundes jüdischer Korporationen freudig anerkenne. Denn es sei ihm gelungen, trotz seiner raschen äußeren Ausdehnung die' innere Einheit zu bewahren und trotz mancher Unklarheiten und Uebertreibungeu, wie sie sich nun einmal aus dem Geiste und dem Teinperament der Jugend erklärten, die innere Einheit auf echt jüdischer Grundlage immer mehr zu befestigen. Ein Vertreter der Universität Krakau hielt eine Ansprache in hebräischer Sprache, worin er die Vereine jüdischer Studenten der Sympathien der polnischen Juden versicherte, woraus Rabbiner. Dr. Cohn gleichfalls in hebräischer Sprache antwortete. Hr. Wolfssohn, der Vertreter.der Zionistischen Bewegung, sprach sich in bemerkenswerten Ausführungen über die Pflichten der Juden aus, in der gegenwärtigen Zeit lebhafter innerer Kämpfe fest zusammenzustehen,, jede Abbröckelung, die aus Rücksicht aus die „gute Gesellschaft "erfolge, zu verurteilen und zu bekämpfen und die Ideale des Judentums im allgemeinen hochzuhalten und zu pflegen. 8t Bad Neuenahr, 3. Januar...Nachdem von Herrn Dr. Lichtenstein-Bonn in seinem in Nr. 43 des vorigen Jahrganges d. B. erschienenen Brief über das Krankenheim in Neuenahr der fachmännische Teil dargestellt wurde, möchte ich mir gestatten, einige Worte betr. die Unterhal-. tung der so dringend notwendigen Wohlfahrtseinrichtung zu bemerken, mit dem Wunsche, baß die wirklich edle soziale Einrichtung auch in weiteren Kreisen unterstützt werden möge. Es gibt ja wohl manche gute Sache, für die einzutreten gewiß lobenswert ist, aber eine schönere und edlere Einrichtung als die. in Neuenahr für arme Kranke ins Leben -gerufene existiert im ganzen Deutschen Reiche nicht zum zweiten Male. Gilt es doch hier in erster Reihe, armen Kranken, die selbst nicht in der. Lage sind, eine Kur zu bezahlen, ihre Gesundheit zucückzugeben. Der in dem Bericht bereits-,-angeführte Punkt, daß die Armen gratis ausgenommen werden,, verdient nochmals ganz besonders hervorgehoben und dazu bemerkt zu werden, daß nicht allein eine Gratisaufnahme stattfttfdet, sondern den Kranken wird erstens eine Kurkarte verabreicht, welche zum Besuch des Kurgartens und zur Trinkkur berechtigt, zweitens Badekarten, drittens ärztliche Behandlung, viertens sachgemäße Pflege, fünftens vollständige Verpflegung gewährt. Die hierfür notwendigen enormen Summen müssen durch freiwillige Mitgliederbeiträge ausgebracht werden. Es ist in dem Bericht des Herrn Dr. Lichtenstein bereits angeführt, daß im letzten Sommer 58 Kranke ausgenommen worden sind, die bis aus einige als gesund entlassen werden konnten. Ich. möchte deshalb für die gute Sache nochmals eintreten und alle edelgesinnten Glaubensgenossen bitten, dem Verein israelitisches Krankenheim in Neuenahr als Mitglied beizutreten und denselben durch Jahresbeiträge zu. unterstützen. Es ist dringend notwendig, daß der Vorstand in seinem Streben, recht bald ein. eigenes- Krankenhaus zu errichten, unterstützt wird, und da Herr Dr. Lichtenstein diesen Punkt in so vornehmer Weise und nur nebenbei berührt hat,-wird hierauf, noch ganz besonders hingewiesen. J^der, der dazu beiträgt, diese so schöne soziale Einrichtung existenzfähig zu gestalten, wird eine Genugtuung darin finden, daß er dazu beigetragen hat, ein Erholungsheim für die Aermsten der Armen, für kranke Hilfsbedürftige, .geschaffen, zu haben, besonders aber alle diejenigen, die selbst die Neuenahrer Heilquellen benutzt und Gelegenheit gehabt haben, zu sehen, wie die -armen Kranken sich zusehends dort erholen. Meine Bitte , geht nun dahin, daß'alle edlen Menschenfreunde, welche diesen Bericht lesen, nach Kräften dazu beitragen möchten, daß dieses Ziel recht bald erreicht wird. Jeder Beitrag wird -dankbarst entgegengenommen. Als Mitglieder werden alle diejenigen ausgenommen, welche dem Verein, einend Jahresbeitrag von mindestens 5 Mark an zuwenden. Die Beiträge können dem Vorständsrnitgliede -und Kassierer Herrn Ab r. B ä r in Ahrweiler auf Scheckkonto Nr. 4967 Köln eingesandt werden. Dankbar -für alle -Zusendungen, möge jedernach seinen Verhältnissen geben; die größten und kleinsten Beiträge sind willkommen. — Ein Vorstandsmitglied des Vereins Israelitisches Krankenhaus in Bad Neuenahr. M: L. Bayreuth, 3. Januar. Die Trauergottesdienste, die am Tage nach-der Beisetzung unseres Regenten Luitpold in den