Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229072--69119-3281403- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
hiesigen Kirchen stattfanden, waren von vielen Hunderten besucht, die Beamtenschaft, das Militär, die Stadtvertretungen, die Schulen und viele Andächtige aus allen Schichten der Einwohnerschaft füllten die der ernsten Feier entsprechend mit Trauerschmuck ausgestatteten Gotteshäuser. Dem Trauergottesdienst in der Synagoge, bei welchem Rabbiner Dr. Salomon gleichfalls in tiefempfundener ergreifender Gedächtnisrede des hohen Entschlafenen gedachte, wohnten u. a. Negierungsdirektor Hübscher, Konsistorialrat Dr. V o g t h e r r, Bürgermeister Preu, Schulrat Keßelring usw. bei; auch Hier wurde die Trauerfeier gehoben durch sehr schöne Gesänge des Chors imb ganz besonders durch das geradezu hervorragend gesungene Solo des Herrn West hei me r, „Mein Herr und Gott, ja immerdar". Sämtliche Gottesdienste waren würdige Trauerfeiern für unseren vielgeliebten, nun in Gott ruhenden Prinz-Regenten Luitpold. B. Neustadt a. H., 2. Januar. Bei der vergangenen Freitag stattgesundenen Trauerfeier zu Ehren des verstorbenen Prinzregenten Luitpold war unser Gotteshaus, das mit Palmen- und Lorbeerbäumen würdig geschmückt war, außerordentlich zahlreich besucht. Die Büste des Prinzregenten ragteaus dem Pflanzenarrangement hervor, umhüllt von Trauerflor. Ein Orgelpräludium eröfsnete die ernste Feier. Der Knaben- und Mädchenchor, von Schülern und Schülerinnen der Volksschule und sämtlicher höherer Lehranstalten gebildet, sang zwei ergreifende Lieder. Kantor Dottenh e i m e r hob in seiner innigen Trauerrede die Verdienste des entschlafenen Landesvaters hervor und gedachte der guten Eigenschaften . und Vorzüge des Verstorbenen. Das schlichte offene Wesen, der Edelmut und die Herzensgüte des Heimgegangenen Fürsten rühmte der Redner in tiefempfundenen Worten. Daraus wurde das Seelengebet gesprochen. Der Feier wohnten auch Stadtvertreter, darunter Adjunkt Wolfs, bei. Speyer, 5. Januar. Am 3. d. M. vollendete der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Speyer, Herr Sigmund .Herz in körperlicher und geistiger Frische sein 85. Lebensjahr. Von 1861 ab gehört er dem Synagogenausschuß an, und 1872 wurde er zum Vorstand dieser Gemeinde gewählt, welches Amt er bis heute ununterbrochen verwaltete. Seit dem Jahre 1861 ist Herr Herz auch als Vorsitzender des Derwaltungsausschusses, des Wohltätigkeitsfonds des Nabbinatsbezirks Speyer-Frankenthal ununterbrochen tätig. Genannter Herr hat sich während seiner langjährigen treuen und gewissenhaften Tätigkeit um das Wohl der hiesigen israelitischen Gemeinde sehr verdient gemacht. Möge Herrn Herz ein recht froher Lebensabend beschieden sein. Oesterreich-Ungsrn. L. Wien, 2. Januar. Die „Neue Freie Presse" vom 1. Januar berichtet: Heute erschien eine Deputation jüdischer Kausleute aus Saloniki in unserer Redaktion und überreichte uns, mit der Bitte um Veröffentlichung, ein Schriftstück, in welchem es heißt: „In unserer Not wenden, wir uns an die Presse, damit Europa erfahre, daß die Juden in Saloniki noch immer ihres Lebens nicht sicher sind, und daß ihr Hab und Gut fortgesetzt bedroht ist. Als am 24. v. M. zwei jüdische Geldwechsler, Frankes und Ammir, heimgingen, wurden sie im Zentrum der Stadt von griechischen Soldaten unter Assistenz einheimischer Griechen in grausamer Weise ermordet und ihres Geldes beraubt. Wer seines Lebens und Eigentums sicher sein will, muß spätestens um 5 Uhr nachmittags seine Wohnung versperren, da bei Einbruch der Dunkelheit die griechischen Soldaten ihr Unwesen treiben, in die Häuser eindringen, und alles, was in ihre Hände kommt, ist verloren. Es vergeht nicht eine Nacht, in der nicht türkische oder israelitische Geschäfte geplündert werden, so daß viele Geschäftsleute um ihr Hab und Gut gebracht werden. Im Geschästsviertel Sibi, wo sich Kolonialwarenniederlagen befinden, haben die Geschäftsleute türkische Nachtwächter zu ihrem Schutz engagiert, es ist aber schon mehrmals vorgekommen, daß diese Wächter von griechischen Soldaten weggelockt wurden, worauf deren Genossen ungestört plünderten und raubten. Ein in französischer Sprache erscheinendes Blatt, das über solche Vorfälle berichtete, wurde gemaßregelt und konnte erst nach einigen Tagen wieder erscheinen. Das allesgeschieht unter den Augen der griechischen Behörden, und auch die Diplomaten sehen ruhig zu. Noch vor wenigen Wochen waren die Diplomaten bereit, wenn türkische Behörden sich eine Inkorrektheit zuschulden kommen ließen, Kriegsschiffe in einen türkischen Hafen zu senden. Dies geschah, unn europäische Interessen zu schützen. Auch in Saloniki sind jetzt europäische Interessen bedroht, denn der dortigen Handelswelt I wrrd ein enormer Schaden zugefügt,-und wenn demräuberischen Treiben nicht Einhalt geboten wird, werden auch österreichische, deutsche, französische und englische Fabrikanten geschädigt werden. Im Namen der Humanität find die Griechen in den Krieg gezogen; wir wenden uns an die Humanität Europas mit der flehentlichen Bitte, uns zu Hilfe zu kommen." Es wäre, zu wünschen, daß dieser Hilferuf der jüdischen Kaufleute in Saloniki nicht wirkungslos verhalle. — Wie die „Union" berichtet, ist die Wegtausbewegung in Galizien noch immer nicht zum Stillstand gelangt. An der Spitze steht nach wie vor das be—rühmte Kloster der Felicianerinnen in Krakau, das schon viel den Behörden zu schaffen gab. Neuerdings wurde in demselben Kloster der achtjährige Knabe Roman Laub gewaltsam getauft. Die Mutter des Knaben, Frau Mina Laub, leitete die gesetzlichen Schritte ein wegen der Ungültigkeitserklärung der Taufe, da dieselbe zwischen dem 7. und 14. Lebensjahre unzulässig ' ist. Die politische Behörde gab diesem Ansuchen Folge, erklärte die Taufe für ungesetzlich und gab Auftrag zur Abnahme des Kindes aus dem Kloster und den kleinen Roman seiner Mutter zu übergeben. Doch die Oberin des Klosters erklärte, diesem gerichtlichen Aufträge nicht Folge leisten zu können und verweigerte die Ausfolgung des ungesetzlich getauften Kindes. Aus Einschreiten der Mutter gab das Gericht den Auftrag, das Kind Zwangsweise abzunehmen, doch erklärte die Oberin, das Kind, das noch vor einigen Tagen im Kloster war, sei nicht mehr da, und sie wisse nicht, wo es sich befinde. Natürlich wurden die weiteren Schritte zur Auslieferung des Kindes eingeleitet, aber dieser Fall ist typisch und illustriert zur Genüge die Zustände in Galizien. Türkei. 22 Jerusalem, im Dezember. Während des letzten Jahrzehnts hat das moderne jüdisch-palästinensische Schulwesen einen sehr bemerkenswerten Aufschwung genommen. In diesem Zeitabschnitt haben sich nicht allein die früher hier bestehenden Volksschulen bedeutend erweitert, sondern es sind auch verschiedene neue Schultypen, vom Kindergarten bis hinaus zur höheren schule, in Stadt und Land entstanden. Hängt ja von der Erziehung der Heranwachsenden Geschlechter das Gedeihen der jüdischen Kolonisation in Palästina ab. Mögen auch die verschiedenen jüdischen Schulen in Methoden und Lehrplänen mehr oder weniger voneinander abweichen, was übrigens ein natürlicher Prozeß gesunder Entwicklung ist, sie steuern doch alle unentwegt demselben Ziele zu: das klassische Land der Bibel zu einem jüdischen Kulturzentrum zu machen. In einem Kulturzentrum müssen sich aber notwendigerweise alle diejenigen Faktoren vereinigen, die, sich gegenseitig unterstützen und ergänzen, kulturfördernd wirken. Ein solcher wichtiger Faktor ist unleugbar ein S ch u l m u s e u m. Die Bedeutung einer solchen Institution für Unterricht und Erziehung eines Landes weiß nicht nur die Lehrerschaft allüberall richtig einzuschützen, sondern sie wurde und wird auch von den staatlichen und städtischen Behörden aller Kulturländer erkannt. Eine Notwendigkeit geradezu ist ein solches Institut für das gesamte Bildungswesen im Orient, wo dem überwiegend größten Teil der Lehrer und Erzieher, fern von der großen Kulturwelt, die Erzeugnisse der modernen Lehrmittelindustrie und des Schulbuchhandels sowie der schulhygienischen Gebrauchsartikel fast völlig unbekannt bleiben. Anschaulichkeit ist die Grundbedingung für den Erfolg des Unterrichts, gute Lehr- und passende Anschauungsmittel vermögen allein jeden Unterricht zu befruchten, während nur günstige hygienische Bedingungen in der Schule Körper und Geist der Kinder gesund erhalten können.. Von diesem Gedanken geleitet, hat der Jerusalemer Zweigverein des palästinensischen Lehrerverbandes ein Pädagogisches Museum in Jerusalem ins Leben gerufen. Dasselbe soll drei Abteilungen umfassen: 1. Eine historische Abteilung, die alles enthalten soll, was die geschichtliche Entwicklung des palästinensischen Schulwesens betrisst. 2. Eine Abteilung für Lehr- und Lernmittel, Schulgeräte, Schulbücher und pädagogische Werke und 3. eine Abteilung für Schulhygiene. Die palästinensische Lehrerschaft und insbesondere diejenige Jerusalems, die von der Bedeutung ihrer schweren Ausgabe durchdrungen ist, ist bereit, den Ausbau dieses Instituts mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln zu fördern. Sie ist hierbei aber auch aus die opferwillige Unterstützung seitens der weiten jüdischen Kreise im Ausland angewiesen. Die Leitung des Instituts wendet sich an alle Schulleiter, Lehrer und pädagogische Schriftsteller, sowie an Fabrikanten und Kaufleutemit der Bitte, dieses Kulturwerk in Palästina durch Uebersendung von musterhaften Lehr- und Lernmitteln für Kindergärten, Volks-, Mittel-