Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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sodann noch der Vorsitzende den Dank der Gesellschaft äussprach. — Der vor kurzem erschienene Jahresbericht der. Gesellschaft ist kostenlos von ihrem Bureau, Berlin N 24, Gr. Hamburger Straße 29, zu beziehen. ' W. Aus der Provinz Posen, im Januar. Posen. Unter überaus zahlreicher Beteiligung fand hier die Beerdigung der Frau Emilie Aschheim, geb. Oppenheimer statt. Die Dahingeschiedene hat von ihrer Verheiratung an verschiedene Ehrenämter verwaltet. Als -Armenpslegeriu zeigte sie rühmenswerte Opferfreudigkeit und unermüdlichen Eifer. Die Fürsorge für die Bedürftigen war ihr Herzenssache. Sie ist den Armen persönlich nahegetreten. Sie war ihnen eine wohlwollende Helferin und treue Beraterin. Der Vorstand des Frauenvereins zur Unterstützung armer israelitischer Witwen und. Waisen mit Mietszins erleidet einen herben Verlust. Lange Jahre hindurch hat die Verewigte bis an ihr Lebensende dem Vorstande, dieses Vereins angehört und war unermüdlich, wo es galt, Witwen und Waisen ihre hilfreiche Unterstützung angedeihen zu lassen. lieber 'ein Jahrzehnt war die Verstorbene Ehrendame des S. B. Lutzschen Alten- und Skechenheims und hat mit liebevollem Verständnis und warmer Fürsorge für die Alten und Siechen in vorbildlicher, segensreicher Weise gewirkt. Als Ehrendame in der Israelitischen Waisen- Knabenanstalt waltete sie elf Jahre ihres Amtes in steter Hilfsbereitschaft. Den Zöglingen war sie jederzeit eine liebevolle und wohluwllende mütterliche Freundin und der Direktion ein Vorbild in ihrer Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit echt weiblicher Mitarbeit. In dem großen Trauergesolge. bemerkte man Mitglieder der fünften Arinenkommi's'sion mit ihrem Vorsitzenden, Vertreter der Stadt- und Gemeindebehörden u. a.m., sowie die Vorstände der verschiedenen Wohlsahrtseinrichtungen, denen die Verstorbene ehrenamtlich angehörte. Dem Leichenwagen voran schritten die Waisenknaben und Mädchen der Flickschule. Auf dem Friedhose hielt Herr Rabbiner Blum eine zu Herzen gehende Ansprache an die Trauerversammlung, in welcher er die hohen Tugenden und Verdienste der Verstorbenen hervorhob, und betonte ganz besonders, daß sie im Wohltun keine konfessionelle- Schranke kannte und daß sie Liebe und Güte umgaben bis an ihr Lebensende. Hieraus sprach ein Neffe der Verstorbenen Herr Prediger Emanuel aus Burgstein in Westfalen namens des Familienkreises und beklagte den herben Verlust über den frühen Hintritt der frommen guten Frau. — In der ersten Sitzung nach Neujahr wurde von der Stadtverordnetenversammlung der bisherige Vorsitzende Herr Justizrat Placzek; wiedergewählt. — Zerkow. Die Rentier Samuel Joachimczykschen Eheleute feierten das Fest ihrer goldenen Hochzeit. Aus diesem Anlaß wurden dem Jubelpaare verschiedene Ovationen dargebracht. Bürgermeister Krane überbrachte die Glückwünsche der Stadt. Der Jubelbräutigam war lange Jahre Stadtverordneter. Die Eheleute sind beide geistig und körperlich noch sehr rege. — Witkowo. In den jüdischen Schulvorstand wurden die Kausleute Goldschlag und Paul Cohn gewählt. 22 Stettin, 3. Januar. Auf der vor einiger Zeit hier abgehaltenen „Deutschen Nationalkonferenz zur internationalm Bekämpfung des Mädchenhandels" gab Herr Pastor Wagner-Köln eine leider gar zu wahre Schilderung von den jüdischen Opfern dieser moralischen Seuche. Der Redner sagte u. a.: „Der Mädchenhändler ist der ausgesprochene Kupplerthpus, er zeigt Entschlossenheit, Schlauheit, Schweigsamkeit. Meistens sind es ungarische. Polnische und galizisch'e Juden, die jüdische Mädchen verkaufen, skrupellos, was aus den Mädchen wird. Sie schließen mit den Mädchen Und deren Verwandten, die meistens nicht wissen, um was es sich handelt, die Verträge. Es kommt ihnen dabei die große, wirtschaftliche Notlage der Juden in diesen Ländern zu Hilfe, dann aber auch die Vergnügungs- und Putzsucht, mangelhafte Erziehung, Leichtgläubigkeit, unglückliche Familienverhültnisse. Bei Tausenden von Mädchen, die den Händlern zum Opfer fallen, ist das Verlangen, die Welt kennen zu lerrren, maßgebend. Ein sehr gebräuchliches Mittel ist bei den Mädchenhändlern die Scheinehe mit gefälschten Papieren. Bei der Einschiffung verschwindet der „Ehemann"unter dem Versprechen, nachzukommen, im Ankunstshafen wird das Opfer ins öffentliche Haus gebracht. Oft hindert tiefe Scham die Mädchen, ins Elternhaus zurückkehren. Ein Händler hatte sich eine „Künstlertruppe", die „Sieben Libellen", zusammengestellt, mit der er in Rußland herumreiste und hier die Mädchen an die Häuser verkaufte. Die Liste des Nationalkomitees wies im vorigen Jahre nicht weniger als 1400 Namen von Mädchenhändlern auf, bis 1911 waren 300 Personen vor Gericht gebracht und in Deutschland sind 90 Personen zum Teil zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt worden. Das britische Kotnitee hat. den Mädchenhandel in Aegypten aufgedeckt und es ist gelungen, 2253 Mädchen, die aus Rußland, Oesterreich und Grie-?/ chenland nach Aegypten verschleppt waren, zu retten. Aber nicht bloß ' jüdische und slawische Mädchen werden verschleppt, sondern auch deutschenamentlich aus Oesterreich. Hätten wir keine öffentlichen Häuser, dann gäbe es. auch keine Käufer, und der Mädchenhandel wäre unterbunden. ’ : - . ' - 22 Lübeck, 3. Januar. Es gibt vielleicht keine zweite Stadt, in der die reine, hingebungsvolle Menschenliebe so viele segensreich wirkende Veranstaltungen und Maßnahmen zur Milderung von Armut und Elend ins Leben gerufen hat, als Jerusalem. Es gibt aber auch wohl keine Stadt, in welcher durch den Zusammenfluß der Armen und Unglücklichen aus allen Ländern der Erde so viel Not und Elend an jeder Straßenecke uns entgegenstarrt als in Jerusalem. Ungewöhnlich groß ist die Zahl der Aermsten unter den Armen, der Kranken und Siechen. Durch die schlechten Ernährungs- und Wohnungsverhältnisse, durch den Mangel an Wasser und durch die ungünstigen klimatischen Einflüsse ist die Zahl der Kranken eine ungewöhnlich'große. Allerdings sucht auch die große Zahl der Krankenhäuser, Spitäler und Greisenheime dieses Elend nach Kräften zu mildern. In den meisten dieser Institutionen finden Kranke in bestimmten Sprechstunden unentgeltlich ärztlichen Rat-'und Hilfe. Aber für die am meisten Bemitleidenswerten unter diesen Unglücklichen, für diejenigen, welche die Krankheit an ihr Schmerzenslager fesselt, weil sie nicht mehr die ärztlichen Sprechstunden ausfuchen können, für diese Armen gibt es in Jerusalem mit feiner nahezu 50 0v0köpsigen, zum -überwiegenden Teil notleidenden jüdischen Bevölkerung keine Hilfe. Es gibt in Jerusalem keinen Armenarzt, der diejenigen Kranken besucht, welche nicht mehr die Kraft haben, ihrerseits den Arzt auszusuchen. Die Aerzte an den verschiedenen Armenkliniken sind so/ überbürdet, daß sich ihre ärztliche Wirksamkeit auf ihren Kreis beschränken muß. Die Inanspruchnahme sonstiger Aerzte ist entsprechend der allgemeinen Teuerung so kostspielig, daß die armen Kranken daraus verzichten müssen. Wieviel Menschenleben diese Kalamität schon gefordert hat und noch täglich fordert, ist auch nicht annähernd festzustellen, ebensowenig wie die Zahl der Seelen, die dieser Jammer bereits den Fangarmen der Mission überantwortet - hat. Diesem himmelschreienden Mißstand ist nur durch Anstellung i eines eigen besoldeten Arztes mit Erfolg entgegenzutreten, der ausschließlich die Pflicht hat, die Kranken auszufuchen und ihnen ärztliche Hilfe zu bringen. Die P a l ä st i n a v e r w a l t u n g d e r P e k i d i m und A m a r k a l i m z u Amsterdam ist leider nicht in der Lage, die Gesamtkosten eines Armenarztes zu übernehmen. Sie ist aber gern bereit, einen wesentlichen jährlichen Beitrag dafür zu bewilligen, und es ist ihr auch bereits gelungen, mehrere angesehene Glaubensgenossen für dieses bedeutsame Unternehmen zu interessieren, die zum Teil namhafte Jahresbeiträge dafür gezeichnet haben. Um weitere Kreise für diese unabweisbare Angelegenheit zu gewinnen, find auf Anregung der - Deutsch-holländischen Palästinaverwaltung bekannte Persönlichkeiten verschiedener Länder zu einem Komitee zusammengetreten, das sich die Beschaffung der nötigen Mittel für die Anstellung eines A r m e n a r z t e s i n Jerusalem und im Anschluß hieran die Besserung der hygienischen Verhältnisse überhaupt zur Ausgabe gesetzt hat. .'An alle Edeldenkenden ergeht daher die dringende und herzliche Bitte, dieses Unternehmen durch einen angemessenen Jahresbeitrag, zunächst für die Dauer von drei Jahren, zu ermöglichen. Das hohe Verdienst, zu einer solchen Großtat jüdischer Menschenliebe helfend die Hand geboten zu haben,-möge allen denjenigen zur Seite stehen, die an der Errichtung und Erhaltung dieses Liebes,Werkes sich beteiligen. „Glücklich derjenige, der armen Kranken seine verständige Fürsorge zuwendet,' am Tage des Unglücks wird Gott ihn erretten." (Psalm 41, 2.) Die Zeichnungen des Jahresbeitrages sind an den Unterzeichneten Vorsitzenden des Komitees: Rabbiner Dr. S. Carlebach, Lübeck, zu richten. Reichsbankgirokonto Lübeck für Louis Wolfs oder Postscheckkonto Hamburg Nr. 6376 für Alexander Carlebach. S2 Elberfeld, 6. Januar. Unter dem Vorsitz des Herrn Albert Wehl, dessen Finanzgenie auch innerhalb der Gemeindever-. waltung anerkannt ist, fand vorigen Sonntag nachmittag im roten Saale der Stadthalle eine Versammlung von Mitgliedern der Gemeindestatt, um über den Stand des aus Initiative von Herrn W ehl in Angriff genommenen Altersheim- Projektes Berichte entgegenzunehmen. Es. wurde zur Kenntnis gebracht, daß eine namhafte Summe bereits vorhanden sei, die genüge, um das an der Königstraße belegene und für die Zwecke des Altersheims in Aussicht