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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-01-10 · Heft 2 (10.1.1913) · p. Seite 23

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 2 (10.1.1913)
Date
1913-01-10
Page
Seite 23 (sequence 11)
Language
German
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stolz sein! Er muß der Erste sein in -der Familie! Tut 's d'r nischt lerd, daß er nischt die Erbschaft gemacht hat?" „Aber Simon, Simon," sagte Gittel fast weinend. „Ist das der Segen, den uns der Reichtum ins Haus bringt?" »Was Hab' ich da gered't, Gittel? —> Stuß, trocken' deine Augen, dein Bruder Simon macht d'r kein' Aerger! Sag kein böses Wort über den Reichtum. Er wird noch zum Segen wer'n, er soll zum Segen wer'n, mit Gottes Hilfe! Du un ich, wir wer'n es gut haben auf unsere.alten Tag'. Wer weiß, am End' kommt 'n Freier ze dir ... och, nu weiß ich, Gittelche, warum du willst, daß alle 200 000 Taler sollen bekannt wer'n. Du willst in Gold stecken von Kopf bis Fuß, denn kommen se angeloffen!" Gittel lachte und sagte: „Ja, darum war's!" „Wie alt bist du, Gittel, bis hundert Jahr zu gesund? — Wart mal — sieben un vierzig — in Emmes, Gittelche, de kannst noch heiraten—ich bezähl's!" „Mach nich solche Späß, Simon. Laß mich 'n altes Mädchen sein un bei dir bleiben, bis ich de Augen zutü'!" „Gittel red nischt davon! Weißt du, seit ich angefangen Hab, älter ze wer'n, Hab ich oft ein'n Gedanken gehabt, un der is nu mit dem vielen Geld wiedergekommen. Was nützt das alles? Wir. kommen doch alle auf den guten Ort un wer'n begraben! Ob ich vor dir sterb — oder du vor mir — beides is doch so schwer, Gittel!" „Red jetzt nich davon, Simonche. Wir bleiben zusammen, wir beide." „Ja — wenn du nich heiratest." »Simon!" - „Nu, nu, ich wer's nie mehr sagen, — ausgenommen, du verlangst, daß de Leut sollen wissen von alle 200 000 Taler!" „Wenn du 's nich willst, Simon, werd' ich nich reden." „Wenn du nischt redst, red ich auch nischt! — Nu wollen w'r schlafen gehen. Güte Nacht, Gittelche — Probier jetzt, wie 'ä reiche Mahd schlaft." > Jetzt muß mit ein Paar Worten der Bruder vorgestellt werden^ den Simon Levi besaß, und den er, aus vielen Gründen, „Windbeutel" nannte. Zunächst war der Bruder ein gutgewachsener schöner Mann, der sich, freilich in oberflächlicher Weise, christlichem Geist und christlicher Denkungsart angeschlossen hatte, und viel mehr mit Christen verkehrte als Simon. In dieser seiner leichten Art lag etwas, was Simon schon vor Jahr und Tag Windbeutelei genannt hatte. Außerdem hatte der Bruder im Hinblick auf seinen Verkehr mit Christen seinen Namen ein wenig verchristlicht oder modernisiert. Eigentlich hieß er Mordochai, war aber von kleinauf Mortche genannt worden, und die üblichste Mebersetzung davon ist Markus. Aber da auch das noch ziemlich kräftig jüdisch klang, hatte Mortche diesen Namen allmählich in Martin umgemildert, was' für Simon eine neue Windbeutelei bedeutete, wenn sie auch mit den Übrigen Windbeuteleien in Einklang stand. „Mein Bruder Mortche Martin" Pflegte er von ihm zu sagen, aber nur zur Schwester. Gittel, denn Simon war noch ein armer Mann und kritisierte nicht laut. Aber bei gegebener Gelegenheit Pflegte er hinzuzufügen: „Wenn man aus Mortche Martin macht, was macht man dann aus Simon?" Dann konnte er sitzen und sämtliche Namen, die mit S ansingen, heraussuchen, von Sören bis Sidse, und sich darüber halb ärgern, halb amüsieren. Denn was soll ein armer Mann tun? Er muß der Biene gleich -ein wenig Freude auch aus den Dingen zu saugen versuchen, die bitter sind. Dies war -also die zweite Windbeutelei. Die dritte und'wesentlichste war, daß Mortche oder Martin eigentlich wenig besaß, aber verhältnismäßig flott lebte. Er war nun einmal ebenso sanguinisch, wie Simon melancholisch war, meinte, der Herrgott würde schon für ihn. sorgen, wenn er sich bloß frisch und. munter hielte. „Ich krieg' doch nie soviel Geld, daß ich meinem Sohn und meiner Tochter etwas hinterlassen kann-" Pflegte er zu sagen. „Mögen sie also mit meiner Frau und mir eine fröhliche Jugend haben und lernen, sich unter Menschen. zu bewegen, und nach meinem Tode sollen sie es machen, wie ich .es nach meines Vaters Tode gemacht habe: ich Hab' so viel Brot gesundest, wie ich gebraucht habe. Was hat es für einen Zweck, gniddrig zu sein und sich vor der Zeit graue Haare wachsen zu lassen?" Das konnte Simon Levi seiner Natur nach nicht verzeihen, besonders, da der Bruder infolge dieser Philosophie nie etwas oder jedenfalls nur sehr wenig für die Schwester Gittel übrig hatte und Simon allein die Sorge für diese überließ. Wenn ihm dies einfiel, sagte Simon zu Gittel: „Dein Bruder Mortche." Von allen Anzeichen dafür, daß Mortche sich zu sehr überhob, war keines Simon unangenehmer, als daß er im Sommer Markisen hatte. Simon wohnte in einem Erdgeschoß auf der Schattenseite, der Bruder in einer dritten Etage auf der Sonnenseite, und Simon fühlte deshalb nicht, daß die Sonne dem Bruder ganz besonders zusetzen konnte. Aber eines wußte Simon auf alle Fälle, .und das war, daß seine Eltern und Großeltern keine Markisen gehabt hatten. Diese drei weißen Markisen vor den Fenstern des Bruders erschienen ihm wie Flaggen, deren Wehen vielsägend von unnatürlichem Ehrgeiz, von Freude oder Lustigkeib kündete, und nie konnte er vorüber gehen, ohne hinaufzublicken und zu murmeln: „Markisen! Unsere Owaus Owausseinu Markisen!" — Aber das kam nur in einem verstohlenen'Gemurmel heraus. Simon war ein armer Mann. Inzwischen waren Mortches oder Martins Kinder herangewachsen, und er sprach davon, daß sein Sohn Frederik — in der Synagoge war er nach seiner Geburt Schlaumö genannt worden nach dem Großvater; aber Schlaumö oder Salomo läßt sich wörtlich mit Frederik übersetzen — das Geschäft übernehmen solle, und^leichzeitig munkelte man davon, daß Frederik in die hübsche Rikke Jacobsen verliebt sei. Hübsch war sie, und für ein munteres, gutes Mädchen galt sie; aber das war auch alles, denn Jacobsen konnte sich zur knappen Not durchschlagen. Aber das schien Mortche oder Martin keine Sorgen zu machen; er sagte: »Wieviel Hab' .ich mit meiner Frau mitgekriegt?" Eine gültige Verlobung hatte noch nicht stattgefunden, aber man „redete" von den jungen Leuten, und Simon Levi mußte natürlich, da er auch das junge Mädchen kannte, eine Art Mitempfinden spüren. Er äußerte sich indessen zu Dritten nicht darüber, aber zu Gittel sagte er das erstemal, als die Rede auf die Sache kam: „Wenn zwei Meissim tanzen, wer bezohlt de Oeisim?" Er war der Ansicht, daß Frederik, da er ein hübscher und tüchtiger, aber vermögensloser Mensch war, eine gute, d. h. eine vermögende Partie machen müsse. Aber es ist im Grunds die Frage, ob Simon Levi nicht nur mit dem Verstände dieser Ansicht war; von Herzen konnte er entweder nur den jungen Leuten viel Glück wünschen, oder — da er selbst so übersehen war — zufrieden damit sein, daß der Bruder nicht mit einer reicheren Familie verwandt würde, und so mit seiner „Windbeutelei" vollkommen recht behielt. (Fortsetzung folgt.) Litersrilche Mittrilungm. — Carl P u e tz s e l d t, H. H e i n e s Verhältnis zur Religion. (Bonner Forschungen, Neue Folge, Bd. HI.) G. Grotesche Verlagsbuchhandlung. Berlin 1912. XII, 154. /Mit der gleichnamigen Broschüre von Kalischer verglichen, ist das Buch vorzüglich zu nennen, absolut genommen aber höchstens eine fleißige und keineswegs endgültige Studie. Der erste Teil beschäftigt sich mit den religiösen Anschauungen des Dichters in chronologisch-biographischer Durchführung, während der Zweite gesondert die Religionen und ihre Grundideen, soweit Heines Aeußerungen auf sie Bezug haben, systematisch behandelt. Man kann aber bei der

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