Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- Seite 22 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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geraucht. Der junge Mann dampft mit dem Chef um die Wette. . Die einer belgischen Gesellschaft gehörigdn Madrider Straßenbahnen hatten den Fahrern und Schaffnern verboten, während des Dienstes zu rauchen: Die Leute streikten, Ersatz hat sich nicht gesunden, das Verbot mußte aufgehoben werden. Die Fahrkarte erhält man, wenn der Schaffner sich gemütlich erst seine Zigarette gedreht und angesteckt hat. Dafür nimmt er Trinkgeld nicht an. Das gestattet ihm der stark entwickelte Nationalstolz, der „Stolz des Spaniers" nicht. An einem weiteren Schlendertag besuchte ich den größten Trödelmarkt der Welt, den Nastro, der von Antiquitätensammlern oft beehrt wird. Da ist alles vertreten, vom kleinsten Stück schmutzigen Leders, Lappen, bis zum größten Möbelstück. Fleißige Besucher und Kenner haben auf dem Nastro oftmals wertvolle Gemälde, Kunstsachen billig erstanden und mit großem Gewinn (bis 100 000 Ptas.) veräußert. Auf dem Nastro habe ich mich einige Male umgesehen, auch verschiedenes gekauft, aber nichts verdient. Im Gegenteil. 'Man hat mir falsches Geld wieder gegeben, das in Spanien vielfach kursiert und darum große Vorsicht, Prüfung bei der Annahme erfordert. Gold habe ich im Verkehr nicht zu sehen bekommen, in den Schaufenstern der Bankiers unter Glas behütet, konnte ich es anstaunen. Dafür gibt es außer den kleinen schmutzigen Scheinen viel Silber und Kupfer. Die obere Bevölkerungsschicht ist mit jüdisch-arabischem Blut versetzt, das kann nicht wieder getilgt werden. Trotzdem ist es schwierig, jüdische Spuren in Spanien aufzudecken. Vor Antritt der Reise habe ich mich in der Bibliothek der Berliner jüdischen Gemeinde über die in letzteren Jahren erschienenen Werke, spanische Juden betreffend, zu informieren gesucht. Es ist nicht viel vorhanden. Interesse Hatte für Mich ein 1905 von einem Kenner und Freund des Judentums erschienenes. Buch „Espanoles sin Patria", von dem gelehrten Dr. Angel Pulido, Senator der spanischen Akademie:. Dieses', mit vielen Illustrationen versehene Buch beschäftigt sich eingehend mit der Geschichte der spanischen Juden und gipfelt in bem' Wunsch, daß besonders die in den Balkanstaaten und in der Levante in großer Zahl lebenden Abkömmlinge spanischer Juden (Spaniolen) wie Juden überhaupt nach Spanien zurückkehren mögen. Für die Einwanderung der Juden ist ein Verein hochgestellter Personen tätig; in der ehemaligen Synagoge in Toledo soll eine Stätte für jüdische, Sprach- und Geschichtsforschung unter dem Protektorat des Königs eingerichtet werden. Die Herrschaften merken es endlich, daß, als die Juden im Lande noch lebten und wirkten, also vor der Vertreibung, Spanien aus der Höhe war. Erfolg haben diese Bemühungen bisher nicht gehabt. Das katholische Land ist aber durch die vielen revolutionärer! Bewegungen im Jahre 1868 dahin gebracht worden, das 1851 neu befestigte Konkordat aufzuheben und Glaubensfreiheit einzuführen. Das Konkordat, d. i. die religiöse Vereinbarung zwischen Staat und Kirche, verbot, nichtkatholische Kirchen, Synagogen oder andere Andachtsstätten an der Straße zu errichten. Noch heute steht die evangelische Kirche am Deutschem Botschafts-Hotel auf der Paseo de la Castellana versteckt aus dem Hose. Nun aber können auch nichtkatholische Gotteshäuser überall frank und frei errichtet werden. Im April v. I. hielt ein Rabbiner aus Paris in dem großen literarischen Klub in Madrid Vorträge über „Jüdische Moral" und „Universalreligion". Es war dies seit dem Jahre 1492 das erste Mal, daß in diesem Lande ein Rabbiner öffentlich über religiöse Themen sprechen durfte. Bei den letzten Kortes- . wählen wurde ein Jude namens Bauer in das spanische Abgeordnetenhaus gewühlt. Er ist Rothschilds Vertreter, hat aber für seine Glaubensgenossen nicht viel übrig. Im Deutschen Klub in Madrid lernte ich einige Juden kennen, die aber als solche nicht erkannt sein wollen, indifferent sind und sich den Spaniern zu assimilieren suchen. Von-Herzen freute-ich mich, ihnen sagen zu können, daß getaufte Juden die Spanier nicht mögen. ' Mit Ausnahme von Sevilla, wo eine kleine jüdische Ge-, meinde existiert, gibt es in Spanien kein jüdisches Gotteshaus, kein religiöses Gemeindeleben. In Madrid wird im Hause des aus Bayonne stammenden Bankiers S al z e d o an beiden hohen Feiertagen Gottesdienst abgehälten, und nur mit Mühe ist ein .Minjan zusammen zu bekommen. Die treibende Kraft des religiösen Lebens, der Vorbeter und Prediger, ist der aus Gibraltar gebürtige englische Jude D. Jose Farache. Senator Pulido nennt ihn in seinem erwähnten Buch „Jsraelita distinguido" einen angesehenen Juden. Dieser Mann ist Kaufmann von Beruf, in seinen Mußestunden jüdischer Gelehrter. Er ist der erste Jude, der, nachdem mehr als 400 Jahre seit der Vertreibung der Juden aus Spanien verstrichen sind, ein jüdisch-theologisches' Buch herausgegeben hat, das in Spanien gedruckt ist und öffentlich verkauft wird. Das Erscheinen erregte Aufsehen, aber nicht bei den in Madrid lebenden Juden, die, haben Interesse — für den Stierkampf: , Von dem inzwischen ermordeten Ministerpräsidenten Canal e j a s ist Fa rach e aufgefordert worden, Vorträge über Juden zü halten, und der Minister äußerte sich bei dieser Gelegenheit dahin, daß mit Hilfe jüdischen Oels das Rad des Handels und der Industrie erst richtig funktionieren würde. Farache hat es aber abgelehnt, weil er glaubt, daß wohlhabende Leute nicht einwandern und arme Juden bei der im Lande herrschenden Armut nicht weiterkommen würden- -(Fortsetzung folgt.) Von Mei'r Goldschmidt: Deutsch von Zda Anders. (Nachdruck verboten) H - r machte eine Bewegung, als ob er in sein Schlafzimmer gehen wollte, blieb aber plötzlich stehen und sagte: „Un was wird mein Bruder, der Windbeutel, sagen?" „Er wird sich freuen," sagte Gittel. „Ja, er wird sich freuen! Un wie wird er sich freuen? Er wird sich gleich 400 000 Taler von mer borgen. — Gittel, ich sag' der, ich verlang von d'r: du sagst keinem Menschen was von die 200 000 Taler! „Aber, Simon, glaubst du denn, daß das geheim bleiben kann?" - „Geheim? Wer sagt, daß es geheim bleiben soll, daß ich 'n bißchen was geerbt Hab'? Hast du nich selbst gehört, wie er gesagt hat, se hab'n mich betrogen, ich Hätt' viel mehr haben sollen? Hätten se mich noch mehr betrügen können, hätten se's getan, da kannste draus schwören! Nu, mögen m'r die Schweilim dafür auch 'n bißchen nützen. — Sagen wer — Gott soll mich behüten un bewahren, un zu Guten soll ich's sagen, un es soll mer nischt angerechnet wer'n — — aber sagen wer, se haben mich betrogen um 180 000 Täler, denn bleiben mer immer noch 20 000 Taler, von die ich kann erzählen meinem Bruder, dem Windbeutel!" . „Er ist zu stolz, um zu kommen und dich anzubetteln, - Simon," sagte Gittel, „aber Maser mußt du doch geben, und du kannst es ihm ebensogut anbieten, wie einem Fremden." „Mein Bruder stolz! . Ja, er is stolz! Un gegen wen. is er stolz? Gegen mich, weil ich bin 'n armer Mann!. Un gegen dich, . weil du bist 'ne arme Mahd! Aber was heißt das? Er d a r f