Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- Seite 21 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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bildet. Dieses Riesenbauwerk ist aus 320 hohen Bogen 7 bis 28 Meter hoch, ohne Mörtel und Klammern ausgesührt. Die Fahrt ist langweilig, der Rapido, d. i. der Schnellzug sährt 40 Kilometer die Stunde, er hat die Pyrenäische Gebirgskette zu überwinden. Die Landschaft ist hier eine öde, verdorrte, steinige, wafferlose Steppe. Die wenigen einsam stehenden Bäume find zum Erbarmen ärmlich mit Blüten und Zweigen versehen. Die ganze Gegend sieht wie heruntergekommen, aus. Bei unserer Ankunft in Madrid ries ich den Meinigen entgegen: „Endlich eine Oase nach langer Wüstenfahrt!" Spanien ist das Land der größten Kontraste. Der Dichter der Weines- und Sangeslieder hat diese Gegend sicherlich nicht gekannt, die öde Landschaft läßt die Poesie nicht aufkommen. Am nächsten. Tage, einem der vielen spanischen Feiertage, machten wir einen Ausflug nach dem Vororte Getaffe., Die Wettflieger Paris-Madrid wurden erwartet, und wie ich gleich bemerken will, für diesen Tag vergebens. Der Hof, die vielen Tausende, die sich dort eingesunden hatten, gaben uns Gelegenheit, spanisches Leben kennen zu lernen. Angenehm überraschend war für mich, den legeren, ungezwungenen Verkehr des Königs mit Umgebung und Publikum zu beobachten, von der strengen spanischen Hofetikette habe ich nichts bemerkt. Unter den Bauwerken Madrids nimmt das Königliche Schloß die erste Stelle ein. Auf einer steilen Anhöhe im Westen der Stadt über dem dürftigen wasserarmen Manzanares gelegen, bildet dieser im Renaissancestil ausgeführte Palast ein ungeheures regelmäßiges Viereck. Während der Anwesenheit des Hofes findet täglich vormittags im Schloßhofe Wa.chtparade statt. Madrid, das noch einige besonders schöne Gebäude besitzt, wie das der Bank von Spanien, der Versicherungsgesellschaft Phönix, das im Bau begriffene Hauptpostgebäude sowie das Palace-Hotel, bemüht sich, eine moderne europäische Großstadt zu werden. 'Wie wohl jeden Fremden, führte michder erste Ausgang nach der Puerta del Sol, dem Sonnentor. Die Puerta ist der größte und belebteste halbmondförmige Platz im Herzen von Madrid, von palastähnlichen Gebäuden umgeben, und in der Mitte mit einer prächtigen Fontäne geschmückt. Hier spielt sich nicht nur das geschäftliche, sondern auch politische Leben ab. Den ganzen Tag bis tief in die Nacht hinein herrscht da ein buntes Leben und Treiben. Der Fremde bekommt den Eindruck, hier ist immer „irgend etwas Besonderes los." Zehn Straßen gehen von hier aus, und fast alle Straßenbahnen kreuzen die Puerta. In seinem Prado-Museum hat Madrid eine der bedeutendsten und ältesten Gemäldesammlungen der Welt. Tizian, Raffael, Tintoretto, Rubens, Rembrandt, Dürer, Ribera, Goya, Muvillo und last not least Velasquez, der mich vor allem interessierte. Seine Bllder sind so währ, so naturgetreu gemalt, daß man sich von ihnen nur schwer trennen kann. Murillo dagegen ist der Interpret der religiösen Stimmung. Es fiel mir auf, daß vorherrschend schwarze Kleidung getragen wird. Meine Information brachte Licht in das Dunkel. Die Spanier trauern jahrelang; nicht nur um den Verlust der nächsten Angehörigen, sondern auch um den entfernter Verwandten, wie Cousin und Cousine. Ist die Familie zahlreich, was meist der Fall, so kommen viele Spanier aus der Trauer und der schwarzen Kleidung nicht heraus. Bei dieser Gelegenheit empfehle ich den Reisenden nach Ländern mit tropischem Klima, sich mit warmer Kleidung, namentlichwollenen Unterkleidern, Strümpfen zu versehen. Die plötzliche Abkühlung nach- Sonnenuntergang gebietet Vorsicht gegen Erkältung und andere bedenklichere Erkrankungen. Bei Frauen und Mädchen, die fast alle schwarze Haare und Augen haben, fällt die schöne Haartracht auf; lose herumhängende Haare sieht man nicht. Das Haar bleibt geordnet, weil kein Hut, sondern die Mantilla getragen wird. Mit Fächern weiß jede Spanierin umzugehen. Wie eitel diese Frauen sind, und welche Sorgfalt auf die Haartracht gelegt wird, konnte ich auch bei den ebenso wenig jungen wie schönen Marktfrauen beobachten. Die Damen in Spanien altern schnell. Nach dem zweiten Jahrzehnt sangen - sie an stark zu werden, der vordere Teil des Oberkörpers ist besonders entwickelt. Diese Neigung wird durch ihren natürlichen und ererbten Hang zur Trägheit unterstützt. Selbst für kurze Wege wird die Equipage oder die Straßenbahn benutzt. Die Oberen ausgenommen, entspricht die Qualität der Kleidung im allgemeinen etwa der, die bei uns die bessere Arbeiterklasse trägt. Nur auf gute und namentlich blank geputzte Stiefel wird großes Gewicht gelegt. In erster Geschäftsgegend gibt es große Läden für Stiefelputzen, „8alon äs limxiabotas". Selbst in den Cafös wird man von Stiefelputzern bestürmt, und es ist nichts Außergewöhnliches, diese putzige Operation zehmal pro Tag ausüben zu lassen. Ebenso werden alle möglichen Sachen angeboten, Carmen in allen Tonarten und auf allen Instrumenten gespielt. Die Bettlerplage ist groß und für den Fremden eine fatale Belästigung. Man hat mich bald belehrt, nicht allen Anforderungen dieses Industriezweiges nachzukommen und „anäa", d. h. „weg da" zu rufen. Trotz der kurzen Lehrzeit habe ich das Examen mit Erfolg bestanden. Das Begehrenswerteste für den Bettler ist die Zigarette. Straßen und Plätze, sonst nicht sauber, sind von den kleinsten Stückchen Zigaretten, Stumpeln gesäubert; alles wird aufgelesen und verdampft. Geraucht wird die mit Geschick selbst gedrehte Zigarette auf der ganzen Linie. In ersten Geschäften, wo ausschließlich männliches Personal tätig ist, wird Sinagoga del Transite* in Soleöo. mm k'iJINjÄj. i n i>: V\ \V