Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- Seite 19 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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aber es ist doch ' von-besonderer Bedeutung, Daß der größere Teil der Mitarbeiter aus Amerika selbst kommt, und daß dort eine beträchtliche Zahl neuer junger Kräfte für die wissenschaftliche Arbeit gewönnen wird. Man kann in gewissem Sinne einen besonderen amerikanischen Stil konstatieren, die Aufsätze der in Amerika herangebildeten Gelehrten unterscheiden sich von den aus europäischen Schulen hervorgegangenen durch die größere Leichtigkeit der Schreibweise, das schwere Geschütz der gelehrten Anmerkungen ist ihnen meist fremd. Daß ein besonderes Gebiet vorzugsweise in der Zeitschrift gepflegt würde, ist nicht zu erkennen, hingegen läßt sich nach der anderen Seite feststellen, daß umfangreichere Publikationen von Texten nicht erwünscht sind. Selbstredend werden wichtige Neuerscheinungen wiedie Papyrussunde von Elephantine oder die Dokumente über eine unbekannte alte Sekte in ausführlichen Artikeln behandelt. Von Gebieten,, die sich einer Bevorzugung erfreuen, ist zunächst die hebräische Poesie des Mittelalters hervorzuheben; nicht nur daß Bacher auf Grund von sieben neuen handschriftlichen Divanen, die ihm neuerdings Vorgelegen haben, ausführlich über die Poesie der Juden in Pernen schreibt, wird von Davidson zum erstenmal die Gedichtsammlung eines unbekannten Alvan b. Abraham vorgeführt, und A. B. Rhine schreibt über die weltliche Dichtung unter den Juden Italiens, wobei er diesmal) M. CH. Luzatto ausführlich behandelt. Auch die Religions-. Philosophie und Religionsgeschichte sind durch mehrere Abhandlungen vertreten, neben zwei leicht verständlichen Aussätzen von Husik über einen mittelalterlichenchristlichen Kritiker Maimunis und von Wolfson über Maimuni und Halevi finden wir zwei nicht minder interessante und sehr gelehrte Aufsätze von Malter über die in der jüdischen Literatur üblichen Metaphern für Körper und Seele und von Israel Friedländer über den Glauben an das Wiedererscheinen verstorbener Häupter messianischer Bewegungen. Mehrfach sind auch Aufsätze vertreten, die den Talmud behandeln, unter denen hier nur die sehr interessante Abhandlung des verewigten I. D. Wynkoop aus Amsterdam über Paronomasie im Talmud erwähnt werden soll; es wird nämlich die bisher m. W. noch nirgends beachtete Tatsache hervorgehoben, daß sehr oft, zumal in der Haggada, Namen von Autoren durch irgendeinen Anklang an die mitgeteilte Auslegung bedingt sind und einer kritischen Prüfung infolgedessen nicht standhalten. Auch über das jüdische Recht handeln mehrere Aufsätze. Die Zeitschrift legt mit Recht viel Wert auf Bücherbesprechungen. Es wäre zu wünschen, daß sie eine kurze bibliographische Uebersicht der amerikanischen Neuerscheinungen brächte, über die wir in der alten Welt nur sehr mangelhaft unterrichtet sind, die aber unseres Wissens auch kaum in irgendeiner amerika- Nischen Zeitschrift vollständig verzeichnet werden. I. Elb o gen. iBauöiffm: Nebkr die sltteltsmentlichr Wissenschaft und die Leligionsgelchichtk." Von Lu d w i g Geiger. er derzeitige Rektor der Berliner Universität Wolf Wilhelm. Graf Baudissin hat beim Eintritt feines Amtes am 5. Oktober eine Rede gehalten, die ungemein bedeutsam ist. Sie mag wenigstens in kurzem Auszüge hier wiodergegeben werden. s) Der Anfang ist in. Bd. 1. erschienen, auch Davidson hat dort bereits Poesien aus der Genisa veröffentlicht, *) Die älttestamentliche Wissenschaft und die Religionsgeschichte. Rede zum Antritt des Rektorates der Königlichen Friedrich-Wilhelms- Universität in Berlin, gehalten in der Aula am 15. Oktober 1912, von Wolf Wilhelm. Graf Baudissin. Berlin 1912. Universitätsbuchdruckerei von Gustav Schade. Es Versteht sich von selbst, daß ein Vertreter der christlichen Theologie nicht eine bloße Verherrlichung des Judentums geben kann, und so gipfelt seine Rede in der Auseinandersetzung, daß das Christentum nicht nur die Erfüllung, sondern die Weiterbildung des Judentums ist. Der Redner sagt nämlich: . .." „Daß Gott groß ist und ihm gegenüber alles andere klein, er der Herr und der Mensch der Knecht, das war der Ausgangspunkt der älttestamentlichen Religion. Und doch zeigte der Kultus, wo der Fromme sich vor Gott beugte, daß er. ihn suchte. Wollte er ihn finden, ohne durch seine Größe unterzugehn, so müßte diese Größe die Kleinheit des Menschen überwinden, indem sie sich zu dem Menschen herabließ und ihn dadurch zugleich über sich selbst erhob. So . entstand aus dem alten Glauben an die jenseitige Erhabenheit der Gottheit der neue an eine Größe Gottes, die das Innenleben des Menschen ganz ausfüllt. Das Bewußtsein von einer Verbindung Gottes mit. dem Menschen besitzen andere Religionen in der gesteigerten Form des Glaubens an eine Einwohnung Gottes im. Menschen. Sie ist dem Alten.Testament fremd." Aber doch schließt der Redner mit dem Satz: „Aber jene-älttestamentliche Anschauung von der Gottesgemeinschaft ist in den Ausgängen dieser Religion und von da aus im Christentum zu einer überwältigenden Macht geworden eben deshalb, weil es hier der über alles andere hohe Gott war, der als eine Gemeinschaft mit dem Menschen eingehend gedacht wurde." Aeußerst wichtig und für unsere Leser besonders erfreulich sind zwei größere Stellen der Rede. Der gelehrte Verfasser behandelt zuerst die. älteren und neueren Studien über die Abhängigkeit des Judentums von anderen Religionen, besonders der Nachbarvölker, wobei er hauptsächlich die Untersuchungen de Weites, Vatkes, Ewalds herbeizieht — jüdische Forscher werden überhaupt nicht erwähnt — warnt vor übertriebenen Schlüssen und tut vor allem dar, daß. die gewaltigen jüdischen Lehren, nicht nur aus Entlehnungen sich gestalten konnten. Seine höchst bemerkenswerten Aeußerungen lauten so: „Gewiß bestimmt der allgemeine Kultureinfluß eines Volkes auf das andere auch, die Religion, aber doch nur in der Weise, daß die volkstümliche Religion dadurch eine, neue Energie oder auch eine neue Richtung empfängt. So ist die Kultur der Kanaanäer von Einfluß gewesen für die Fortbildung der Religion der Hebräer. Auf indirektem Wege war es. wahrscheinlich die Gesetzgebung des alten babylonischen Königs Hammurabi für die Gestaltung des Rechtes im israelitischen Volke, und daraus mag zu entnehmen seich daß auch die der israelitischen Gesetzgebung zugrundeliegende Sittlichkeit - fortgebildet worden war durch eine Anschauungsweise, die in Babylonien ihre Heimat hatte. Bei derartigen Einflüssen der Umgebung handelt es sich um eine Verfeinerung des schon. Vorhandenen. Aber neue Gedanken werden der Allgemeinheit, stets übermittelt durch einen einzelnen, durch sein gesprochenes oder geschriebenes Wort. Aus alttestamentlichem Gebiet wäre für die Herübernahme wirklich religiöser Gedanken aus der Fremde, nicht rein, mythologischer oder sagengeschichtlicher Stoffe, wohl in der ganzen vorgriechischen Zeit , kaum an »literarische Vermittlung zu denken, sondern allein an die unmittelbare, durch religiöse Persönlichkeiten. Dabei kann es sich nach der Art der persönlichen Träger der älttestamentlichen Religion und ihrer Stellung zu anderen Kulten mehr nur um Anregungen als um wirkliche Entlehnungen handeln: Auch wo die Hebräer sich schlechtweg die religöse Anschauungsweise der Kanaanäer oder der Babylonier angeeignet haben, müssen es einzelne gewesen fein, die ihnen dazu die Wegweiser wurden. Von Volk -zu. Volk wandern als wirkliche Entlehnung nur Formen der Religion. Die Gottheit erhält etwa einen neuen Namen oder ein neues