Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Komplikationen in den von den . Griechen eroberten Gebieten zugunsten der / Juden einschreiten. Charakteristisch ist die Aeußerung eines höheren Polizeibeamtcn in Athen, der öffentlich die Juden als „ekelhafte Hunde" bezeichnete. Zwar fehlt es nicht an Auslassungen der liberalen griechischen Presse zugunsten der Juden; das griechische Volk im ganzen hält aber -mit seinen feindseligen Empfindungen gegen die Juden nicht zurück, und es .ist nicht abzusehen, welche Folgen daraus entstehen könnten-, wenn die griechischen Nationalisten, durch die Eroberungen gestärkt, die Oberhand gewinnen sollten. So sieht es aus im Lager derjenigen, die den Krieg gegen die Türkei im Namen der Humanität zur Befreiung der Unterdrückten und Verfolgten unternommen haben! * In Italien, und zwar in« Turin, hat vom 20. bis 23. Dezember vorigen Jahres der zweite Kongreß der jüdischen Jugend stattgefunden. Die „N. I. K." berichtet darüber: Vorige Woche (22. bis 25. Dezember) fand hier, wie bereits angekündigt, der zweite Kongreß der jüdischen Jugend in Italien statt. Die Tagung gestaltete sich zu einem wahren Triumph des nationaljüdischen Gedankens. Hatte man während des ersten Jugendkongresses vorsichtig alle „zionistische" Diskussion verhindert, so war doch schon damals der Boden für eine offene Aussprache über die Renaissancebestrebungen des modernen Judentums aus kulturellem und kolonisatorischem Gebiet -vorbereitet worden. Der zweite Jugendkongreß hatte folgendes Programm: 1. Sonntag, den 22. um 2,30 Uhr: Eröffnungssitzung int großen Saal der jüdischen Gemeinde. Vortrag des Advokaten Alfouso Pacisici aus Florenz über: „Die hebräische Sprache." Abends 9 Uhr: Bericht des Herrn Dr. David Krinkin (Rom), der soeben von seiner Palästinareise zurückgekehrt ist, über: „Die jüdische Kolonisation in Palästina" (mit Lichtbildern). 2. Montag: Bericht des Herrn Em-ilio Bacchi aus Turin über: „Die beste und praktischste Art, die jüdische Jugend in Italien zu organisieren."' Abends 9 Uhr: Bankett zu Ehren der Kongresststen, das vom Vorstand der Gemeinde gegeben wurde: Dienstag: Bericht des Herrn Dr. David Pryto aus Florenz über: „Die Juden in Tripolitanien und der Cyrenaica" und Vortrag des Herrn Rabbiner Dante Lattes, Direktor des „Corriere Jsraelttico", aus Triest über: „Die religiösen Zeremonien." Abends 9 Uhr: Dr. Elias S. Artom aus Florenz über: „Die jüdische.Schule in Italien." Mittwoch, den 25.: Bericht des Herrn Dr. Umberto Cassuto aus Florenz über das Thema: „Für eine Geschichte der Juden in Italien." Diskussion über verschiedene Vorschläge (Zionismus, Pro-Cultura- Vereine, Die Lage der Juden im Jemen und die Notwendigkeit ihrer Kolonisation >in Palästina usw.) Wir bitten einen unserer italienischen-Freunde, vielleicht die Direktoren der Settimana Jsraelitica, die uns nur das Programm in ihrer Nummer vom 2ll. Dezember mitteilte, etwas ausführlicher davon zu^berichten. Aus R u ß l a n d kommt eine Nachricht, die diesmal nicht hoffnungslos klingt. Die „Neue Lodzer Zeitung" meldet nämlich: . Aus Kiew . wird der „Rjetsch" berichtet, daß die zahlreichen Bitten, der Ausweisung' der Juden aus dem Südwestgebiet Einhalt zu tun, berücksichtigt wurden. Der Generalgouverneur erließ eine Anordnung, die Ausweisung der Juden bis zum 14. April 1913 auszuschieben. Auf die Anordnung über den Aufschub der Ausweisung der Juden schrieb der Generalgouverneur nachstehende Resolution: „Ohne auf die prinzipielle Erwägung der Motive und der Rechtlichkeit der Ausweisung'einzugehen, erachte ich die Ausweisung als unmenschlich." Aus dem Gouvernement Wolhynien sollten 800 jüdische Familien äusgewiesen werden, das heißt etwa 5000 Leute. Man nimmt an, daß in diesen Tagen eine Anordnung hinsichtlich des Aufschubs der Ausweisung der Juden aus den Gouvernements Kiew und Podolien erlassen werden wird. Einen seltsamen Artikel: „Chauvinismus im Warschauer R e ä l k r e d i t" entnehme ich'dem'„Ratgeber auf dem Kapital-- markt": :■■■- Unter einem Teil der Warschauer Grundbesitzer herrscht seit einiger Zeit eine starke Beunruhigung, hervorgerusen durch die national-polnischen Tendenzen, welche -in immer größerem Maße Einfluß auf die Kreditgesellschast der Stadt Warschau, das bedeutendste, auf Gegenseitigkeit beruhende Bodenkreditinstitut Russisch-Polens, gewinnen. Die Gesellschaft hat das Monopol.des hypothekarischen Kredits in Warschau, einer Stadt von 800 000 Einwohnerti. Ein anderes Institut, das amortifierbare Hypothekendarlehen gewährt, gibt es dort nicht, und jeder Warschauer Hauseigentümer ist also auf diese eine Gesellschaft angewiesen. Welchen bedeutenden Umfang die Geschäfte des Instituts im Laufe der Zeit gewonnen haben, geht aus der Höhe des Psandbriefumlaufs hervor, der Ende 1911 bereits den Betrag von 129 Millionen Rubel erreicht hatte. Bis vor etwa fünf Jahren würden bei der Beleihungspolitik des Instituts, entsprechend den Vorschriften der Gesellschaft keinerlei Unterschiede Nationaler oder konfessioneller Natur gemacht. Dies änderte sich aber, als in die Direktion einige polnische Chauvinisten gewählt wurden. Seitdem begannen gewisse Restriktionen gegen Hausbesitzer mosaischen Glaubens, die etwa 40 Prozent des gesamten Warschauer Hausbesitzes ausmachen. Die betreffenden Kreise wollen nun einen neuen Vorstoß in der angedeuteten Richtung machen, indem sie anläßlich der am 18. d. M. stattfindenden Generalversammlung den Antrag eingebracht haben, in das Statut eine Bestimmung dahingehend aufzunehmen, daß. in die Repräsentation (eine Art Aufsichtsrat, aus dem auch die Mitglieder der Schätzungskommission entnommen werden) höchstens 20 Prozent Mitglieder mosaischen Glaubens gewählt werden dürfen. Eine Reihe von national-polnischen Zeitungen trat leidenschaftlich für diese Aenderung ein, während die in Frage kommenden Hausbesitzer von einer lebhaften Beunruhigung ergriffen worden sind, da sie nicht ohne Grund fürchten, daß die Beleihungspolibik des Instituts bei Annahme dieser Statutenänderung noch mehr als bisher von national-polnischen Einflüssen bestimmt werden würde. Die weitere Folge würde — so behauptet man — eine Entwertung der betreffenden Häuser sein. Mit Rücksicht -darauf, daß ein großer Teil Warschauer Stadtpsandbriefe sich im Auslande, namentlich auch in Deutschland, befindet und dort als Unterlage von Kreditgeschäften dient, dürsten diese Vorgänge auch außerhalb Warschaus mit Interesse verfolgt werden. ■fc Auch in Deutschlund regt sich der Antisemitismus immer wieder. Zunächst ist daraus hinzuweisen, daß der Reichstagsabgeordnete Dr. Werner, Gießen, folgende kurze Ansragen an den Reichskanzler gerichtet hat: „Beabsichtigt der Herr Reichskanzler, Schritte zu tun, um die immer brennender werdende Ausländerfrage an den deutschen Hochschulen und Universitäten -im Interesse unseres Volkstums, unseres geistigen und wirtschaftlichen Lebens gesetzlich zu regeln?" „Trägt man sich in den Kreisen der verbündeten Negierungen mit der Absicht, das betäubungslose Töten der "Schlachttiere, insbesondere das aller Menschlichkeit hohnsprechende Schächten gesetzlich zu verbieten? — Ich begnüge mich mit schriftlicher Antwort." „Sind dem Herrn Reichskanzler die ungeheuerlichen Tatsachen des Kinderhandels bekannt? Besteht bejahendenfalls die Absicht, die entsprechenden wirksamen Maßregeln dagegen zu ergreifen? — Mir genügt eine schriftliche Antwort." „Hält der Herr Reichskanzler den Erlaß des Herrn Ministers der öffentlichen Arbeiten gegen die Verteilung jüdengegnerischer Schriften auf Bahnhöfen usw. für zu Recht ergangen? Ist der Herr Reichskanzler dann bereit, seinen Einfluß dahin geltend zu machen, daß auch gegen jüdische und judensreundliche, Christen- und Deutschtum_ bekämpfende Preßerzeugnisse vom lSchlage des „Berliner Tageblatts" und des „Ulk" ebenso scharf vorgegangen wird? — Eine schriftliche Antwort würde mir genügen." - Sodann ist folgender recht unliebsamer Vorfall zu erwähnen. Die „Mitteilungen" des Abwehrvereins schreiben: A n t i s e m i t i s m u s i n F a ch z e i t s ch r i f t e n. In der „Zeitschrift für Deutsche Philologie" findet sich " eine Besprechung des Buches von Felix Hermann Wirth „Der Untergang des niederländischen Volksliedes" aus der Feder des Marburger Oberbibliokhekars Prof. Dr. A. Kopp, die den lebhaftesten Beifall der „Zeitfragen" (Nr. 46) gefunden hat, weil sie die Verderblichkeit der Herrschaft einer wurzellosen Stadtkultur mit., antisemitischen Gedankengängen nachzuweisen sucht. Es heißt darin it. a.: „Der Einfluß der bodenständigen Bevölkerung ist ja leider in den großen Städten Deutschlands, und zumal mn Berlin zugunstest einer internationalen Plutokratie gänzlich äusgeschältet."