Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229072--69105-3281389- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
14 Lösung, sondern der Anbruch einer furchtbaren, -ja geradezu tödlichen Gefahr für datz Judentum. 7 .Wie der ganze-Artikel Hechts in seinen/Gedanken schief und verkehrt, in feiner Ausdrucksweise geziert und unverständlich ist, so sind einzelne Behauptungen absolut der Wahrheit widersprechend/ Etz nützt.ja nicht viel, wenn man diesen übereifrigen Zionisten hundertmal ihre Erfindungen vorhält,, ihre Behauptungen entkräftet, sie kommen immer wieder daraus zurück. So heißt es einmal über Leopold Zunz, von dem der geradezu nichtswürdige Satz gebraucht wird, „der das Judentum ausgrub und begrub", ein Satz, der, wie ich zur Ehre des Verfassers, annehmen will, nur von ihm gebraucht worden ist, um ein sogenanntes geistreiches Wortspiel anzubringen,— so -heißtes folgendermaßen: „dieser Zunz, der erste Wissenschaftler des Judentums, erklärte es für eine Marotte, daß er nicht die Taufe, nahm, andere hatten solche Launen natürlich nicht". Ich erkläre es für geradezu unwürdig von dem großen Meister, dessen Namen wir immer nur in bescheidener Verehrung aussprechen, in solchem wegwerfenden Tone zu reden, aber die. Behauptung über Zunz selbst ist oft genug als ein Märchen dargelegt worden; da es den Zionisten jedoch in ihren Kram Paßt, wird es immer wieder vorgebracht. Und was das Schlimmste ist, solche Darlegungen, in denen kein Fünkchen eines neuen oder wahren Gedankens liegt, werden gläubig angenommen und bestimmen die öffentliche Meinung. - Mr Woche. _ Berlin, 7. Januar 1913. ieeuro p äischeLage ist seit dem Ansang des neuen Jahres ernster, ja recht bedrohlich geworden. Vielleicht sind, während diese Zeilen in Druck gehen, die Friedensverhandlungen bereits abgebrochen, wenn, es nicht der Botschafterkonferenz gelingt, eine neue Grundlage für die Besprechungen zu finden.. Denn die Türkei scheint fest entschlossen, Adria- .nopel und die ägäischen Inseln nicht herzugeben. Die verbündeten Balkanmächte lassen aber von dieser Forderung nicht ab. Ist eine Einigung nicht zu erzielen, so müssen wieder die Waffen reden. Es ist nicht unmöglich, daß dann das. Glück sich wendet, daß die Türken, die sich aus ihrer Betäubung erholt Haben, vielleicht siegreich wider ihre Gegner .Vorgehen., Was aber dann? Während R u m ä n i e n , das sich bisher ruhig verhalten hat, nun den Zeitpunkt gekommen wähnt, von Bulgarien ein Stück der Beute, zu fordern, um sich, wie der Ausdruck lautet, zu arrondieren, werden.die liberalen Blätter nicht müde, dieses Land an seine Pflicht zu erinnern, die Juden aus ihrer rechtlosen Lage zu befreien. Dazu schreibt das „Berliner Tageblatt": Zu unseren Mitteilungen' über die Bemühungen der rumänischen Juden, endlich die ihnen in der Berliner Kongreßakte zugesicherte politische Gleichstellung zu erlangen, wird uns von juristischer Seite geschrieben: ■»' „Der Grund, weshalb die rumänische Negierung den Juden die ihnen nach Artikel 44 des Berliner Vertrages von 1878 gewährleisteten Rechte vorenthält, ist — unglaublich, aber wahr —/der, daß die in Rumänien wohnenden Israeliten nicht als Rumänen, sondern als. Fremde unter rumänischem Schutz betrachtet werden und auf sie das Fremdeyrecht angewendet wird. Dieses besteht nun darin, daß Fremde.'nach.: demjenigen Recht behandelt werden, das die Rumänen in deni Vaterlande des betreffenden Fremden genießen. Da.nun die rumänischen .Jrrden keine Staatsangehörigkeit in einem anderen 'Lande besitzen, so ist die Folge, daß sie überhaupt keinem Recht unterstehen. (!) Merkwürdigerweise gibt die rumänische Regierung diesen Grundsatz, daß die Juden «Fremde" seien, sofort auf, sobald es sich um Pflichten, zum Beispiel die militärsiche Dienstpflicht, handelt. Rur. sehr wenigen Juden/ gelanges bisher, naturalisiert zu werden. 1899 warenunter den .rumänischen Juden.der Staatsangehörigkeit nach Rumänen 4272, — 1,6 Prozent, Fremde" unter rumänischem Schutz 256 588 — 96,2 Prozent, fremde Staatsangehörige 5859 — 2,2 Prozent. Unter den bodenständigen Juden Rumäniens /darf man übrigens keineswegs Eigentümer von Grund und Boden/ verstehen denn diesen können sie nach " gesetzlicher -Vorschrift nichterwerben —, sondern nur Pächter oder landwirtschaftliche Unternehmer, die den Bodenmit Zuhilfenahme von Teilpächtern und Lohnarbeitern bewirtschaften." -;■ .; Man schreibt uns: - Bekanntlich ist vor kurzem von der athenischen Telegraphenagentur offiziell ein Brief des . .Großrabbiners Jacob M e i r in - Saloniki an den Kronprinzen von -Griechenland zuerst in der französischen, dann in der englischen und'deutschen Tagespresse verbreitet worden, wonach der Großrabbiner im Gegensatz zu den,Konsularberichten die von der griechischen Soldateska an Juden oerübten Greueltaten in Abrede gestellt haben soll. Danach soll der betreffende Passus gelautet haben: „Aucune p 1 a i n t e ü 6 s'est* produite chez moi les jours.de raccupatioii pour destruetion ou pillage de Sy nagog.ues, sott contre des militaires, soit contr'e des civils. Es ist bei - mir in den Tagen , der Okkupation keinerlei' Beschwerde wegen Zerstörung oder Plünderung von Synagogen erhoben worden, weder gegen Militärnoch gegen Zivilpersonen.) Nun wird vom Säloniker Blatt „l’Independant“ der. authentische Wortlaut des Brieses des Großrabbiners an den Kronprinzen von Griechenland veröffentlicht. Danach lautet der erwähnte Passus folgendermaßen: Quan t aux plaintes qui s e sont produites et portöeschez moi lespremiers jours d e 1 o c cup a tio ne t p ar mi 1 esqu e 11 es i 1 n ’y a p as dc relatives a la destruetion et pillage des Synagögues, soit de la part d es m i 1 i t a i res, soit de s civils, je declare formellement que j’ai porte ces plaintes d i r e et emen t aux A u t o r i t e s li e 11 en es. „Was die Beschwerden anbetrifst, die in den ersten Tagen der Okkupation erhoben wurden und vor mich gekommen sind, unter denen sich aber keine auf Zerstörung und Plünderung von Synagogen, weder durch Militärnoch Privatpersonen bezieht so gebe ich die formelle Erklärung, daß ich jene Beschwerden unmittelbar vor die griechischen Behörden gebracht habe." Der Zweck dieser groben Entstellung seitens der athenischen Telegraphenngentur bedarf wohl keines Kommentars. Bemerkt sei nur, daß die griechischen Behörden, au f deren B e' r a n lass it ng der Großrabbiner seinen Brief, s ch w e rlichleichten Herzens geschrieben haben muß, es nicht einmal für Ihre moralische Pflicht gehalten haben, den von der Telegraphenagentur entstellten Text richtigzustellen. Daß weder seitens des Großrabbiners noch seitens der jüdischen- Gemeinde von Saloniki eine solche Richtigstellung bis jetzt-erfolgt ist, läßt sich aus ihrer schwierigen Position den griechischen Behörden gegenüber erklären. Zum Schluß sei noch bemerkt, daß der Großrabbiner von Saloniki bei seiner z w ei t e n Audienz beim König Georg von -Griechenland die unerhörten Nebergrisse der griechischen Soldateska gegen Juden, F r a u e n it n b M ä n »er, zur Sprache gebracht hat, was auf den König einen sichtlich tiefen Eindruck machte. Leider scheint der gute Wille des'Königs auf die raub- und mordsüchtige Soldateska wenig Eindruck zu machen. — Als man in Athen den Einzug der Griechen feierte, verbreitete sich plötzlich das Gerücht, daß die Juden einige. Soldaten in Saloniki vergiftet hätten. Große Erregung unter der Bevölkerung. Als dies durch, die den Behörden nahestehende "Presse dementiert wurde, .beruhigte sich die.Stimmung .ein wenig. — Einen ernsten Charakter hat die Erregung des Volkes in Larissa angenommen. Große Mengen von Manifestanten scharten sich auf den Straßen und schrien: „Tod den Juden!" Die Panik unter den Juden war sehr groß. Erst als die Polizei gegen die Manifestanten' einschritt, zerstreute sich die Volksmenge. — Noch viel schlimmer^ ging es in Halkida zu; dort übersielen die Griechen das Judenviertöl, zertrümmerten die Fenster, bewarfen alle jüdischen Passanten mit Steinen und bedrohten sie ernstlich. Auch die Fenster der dortigen Synagoge. wurden zertrümmert. Nur dem Eingreifen der Polizei war es zü verdanken, daß ein „Pogrom" verhütet werden konnte. Es muß hervorgehoben werden, daß die Behörden nur unter dem Druck des - Auslandes und nur aus Furcht vor ernstlichen