Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse 77. Jahrgang Nr. 2 Berlin, 10. Januar 1913 Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Seiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentum»*, Berlin SW., Jerusalemer Straße HS/HS, zu richten. Verlag von Rudolf rnofse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch. Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32$. ÜIThftlt Judenheitssrage. Von Ludwig Geiger. Die IJUI-JUli* Woche. — Die jüdische Ehe im Qesterreichischen Herren- 'hause. Von Rahel Edelstein-Friedmann — Literaturbericht. Von I. Elbogen. — Vaudissin: lieber die alttestamentliche Wissenschaft und die Religionsgeschichte. Von Ludwig Geiger. — Ein alter Grabstein. Von Rosenbaum.- — Reiseerinnerungen an Spanien. Von'Caspar- Lazarus. — Feuilleton: Maser. Von Meir Goldschmidt. Deutsch von I da Anders. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums^). Berlin, Breslau, Aus der Provinz Posen, Stettin, Lübeck, Elberfeld, Köln, Bonn, Bad Neuenahr, Bayreuth, Neustadt a. H., Speyer, Wien, Jerusalem. — Von Nah und Ferm_• ' ' ' ~ ~ ■ Mr Iudenheitskrsgr. Von Ludwig Geiger. ines muß man den Zionisten lassen: sie wissen vernehmlich zu den Zeitgenossen zu reden. Da ihre eigenen Organe, außer von ihren Gläubigen, wenig gelesen werden, so drängen sie sich in die allgemeinen Zeitungen und Zeitschriften ein. Zwei solcher Aufsätze haben lautes Echo gefunden: M. Goldsteins Kunstwartaufsatz und Herrn Klötzels Studie in einer neuen Revue. .Nun tritt Herr Georg Hecht als Dritter auf den Plan*). Sein Name ist uns nicht unbekannt, wir haben schon einmal versucht, einen Strauß mit ihm auszufechten. Es gibt Leute genug, die sagen möchten: das, was er sagt, ist lauter abgedroschenes Zeug, es lohnt sich kaum darauf zu antworten. Aber derartige Redensarten, zumal wenn sie in nichtjüdischen Blättern vorgetragen werden, werden gerade von Juden eifrig gelesen und, was viel schlimmer ist, von Christen gläubig ausgenommen. Aus diesem Grunde dürfen sie nicht unwidersprochen bleiben. Herr Hecht unterscheidet drei Stufen der Judensrage: Erstens die Europäisierung, die vor mehr als einem Jahrhundert begann. Sie sei, wie er aussührt, nicht gelöst worden, da die Assimilation seitens derer, welche sich bemühten Europäer zu werden/mißlang. Sodann der Antisemitismus, endlich der Zionismus, Und nun möge Herr Hecht das Wort ergreifen, wobei für unsere Leser ausdrücklich zu bemerken ist, daß nicht etwa ein Antisemit, sondern ein Zionist spricht. Er sagt erstens, „es gilt noch zu verhindern, daß die Judenheit den zukünftigen Europäern ein Hemmnis würde". Dann fährt er fort, „die Juden sind noch nirgends europäisch kultiviert, sie haben nur. Teilfaktoren einer Kultur entwickelt, keine geschlossene Art ihres Daseins. Darum ihre Zerrissenheit, ihre Unfruchtbarkeit. Europa ist ihnen um ein Stück voraus, darum auch die Verachtung, der Haß, der aus ihnen lastet." Und er schließt: „aber die Europäer unter den Juden zählen sich schon und rüsten sich. Die Werke der Literatur, die koloniale Ausdehnung in Palästina, der neue kunstgewerbliche Fleiß der jüdischen *) Georg Hecht: „Die Judenheiksfrage", in: „Die Kritische Tribüne", Jahrgang 1, Nr. 18. ' Bevölkerung dort reden eine deutliche Sprache. Die Organisierung der Judenheit kommt, die Judenfrage stirbt". Wenn dieses Gerede wirklich einen Sinn haben soll, so kann es doch nur heißen, ihr Antisemiten habt recht, die. Juden nicht als Angehörige eines bestimmten europäischen Volkes aufzufassen, sie sind es nicht, sondern sie sind oder sollen Nationaljuden sein. Zweitens: die Juden besitzen nicht die Kultur des Landes, in dem sie leben, drittens: die Juden sollen ein eigenes Gemeinwesen, und zwar in Palästina, bilden. Das sind lauter Sätze, die wir schon so oft bekämpft haben, daß. wir kaum mehr Lust besitzen, noch einmal darauf einzugehen. Nun sagt zwar Hecht gelegentlich, „was nutzen die besten Besiedlüngspläne für Palästina?", das müßte mit anderen Worten heißen: wir wollen keinen Judenstaat, aber schließlich ist dieser Widerspruch gänzlich gegenstandslos', da zum Schlüsse Palästina als das Land der Zukunft .verheißen wird. Gegen diese Sätze des Verfassers muß man aus das entschiedenste protestieren. 1. Die Judenfrage ist den Europäern kein Hemmnis, denn jedes einzelne Volk hat sich trotz der Juden oder, wie man besser sagen kann, mit wesentlicher Unterstützung der unter diesem Volke lebenden Juden zu seiner augenblicklichen Höhe entwickelt. 2. Die gebildeten, fortgeschrittenen Juden Deutschlands, Frankreichs usw. sind vollkommen europäisch kultiviert, sie sind weder zerrissen noch unfruchtbar. Sie haben nicht wegen ihrer sogenannten Unkultur Haß und Verachtung erfahren und erfahren diese noch täglich, sondern nur dadurch, daß einzelne Europäer in verblendetem Nationalismus, andere aus übertriebenem religiösen Fanatismus, die dritten aus Neid und Mißgunst gegen sie aufgetreten sind. 3. Nicht die Europäer unter den Juden, sondern nur die extremen Zionisten rüsten sich. Die sogenannte neue jüdische Literatur, obgleich man sie mit lauten Posaunenstößen der Reklame begrüßt, bedeutet gar nichts als einzelne kleine, mitunter hübsche Beiträge eines Genres, das neben vielen anderen auch seine Pflege verdient; die landwirtschaftlichen und kunstgewerblichen Arbeiten in Palästina haben keinen weiteren Wert, als, daß einige Hunderte, möglicherweise ein paar Tausend Menschen nützlich beschäftigt werden, die sonst in Rußland verkämen oder der Barbarei roher Bevölkerungen preisgegeben werden. -. Gewiß würdedie Judenfrage sterben, wenn sämtliche Juden nach Palästina oder' nach irgendeinem Territorium auswanderten, um. einen neuen Staat zu begründen. Das ist. ja aber, wie Wenigstens die ehrlichen Zionisten behaupten, gar nicht, ihre Absicht. Dagegen ist die Bildung einer jüdischen Nation in Europa innerhalb and erer Nationen gar keine