Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1913)
- Date
- 1913-01-03
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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heben, die Hand aus und nahm -ein wenig von seinem Dessert: Krillerbsen. (Diese Erbsen werden, ohne zu zerplatzen, in Salzwasser abgekocht und einzeln und kalt gegessen.) Als besondere . Delikatesse trank er hin und wieder einen Schluck Bier dazu. Verachtet seinen Geschmack, ihr christlichen Gourmets, aber beneidet ihn um seinen Magen. Im großen und ganzen kann es einem solchen Mann gleichgültig sein, ob der Reichtum oder „das Glück", wenn sie -auf der Wanderschaft sind, in sein Haus eintreten oder nicht. Aber das Schicksal wollte es nun einmal so. Mr. Phillips oder Philpots in Buenos Aires war kinderlos gestorben und hatte sein großes Vermögen nach Abzug einiger Legate einem Ferdinand Caroe, der ihm einst das Leben gerettet, und Simon Levi, der ihm einst mit seinem ganzen Besitze beigestanden, zu gleichen Teilen hinterlassen.' Der dänische Konsul drüben hatte dem Ministerium des Auswärtigen Bericht erstattet, und einer von dessen Beamten, ein Legationsrat, hatte es selbst übernommen, Simon Levi aufzusuchen, um zu erfahren, wie ein Mann und ein Jude aussähe, wenn er Plötzlich reich wurde. Als es an die Tür klopfte, meinte Levi, es sei die Schabbesgojte, und nachdem er „herein" gesagt und die Tür sich öffnen und schließen gehört hatte, ohne daß die Lichtschnuppe kürzer geworden wäre, stieß er, den Blick unverwandt auf das Buch geheftet, ein ungeduldiges „Nu?" oder eigentlich „Nuuh?" aus. Der Fremde wußte nicht, was das heißen sollte, aber es machte ihm wohl Spaß, die Situation noch ein bißchen pikanter zu gestalten, und er blieb schweigend stehen, weshalb Simon Levi bald darauf hinzufügte: „Nu! Was Putzen Se nischt 's Licht?" Den fremden Herrn amüsierte die Geschichtet Er nahm die Lichtschere und Putzte das Licht. - „Seh'n Se nach 'n Ofen," sagte Levi, immer die Augen auf feinen Chummisch geheftet. Der Legationsrat fühlt sich in ein Märchen hineingezogen wie Harun al Raschid und ließ sich auch zu dem neuen Dienst herab,, der von ihm begehrt wurde; aber das Feuer war ausgegangen, und Feuer anmachen — das war ihm denn doch zu viel. Er sagte deshalb: „Das Feuer ist ausgegangen." Die Stimme kam Levi so merkwürdig fremd vor, und er hob den Blick von seinem Buch. „Was i§ das?" sagte er beim Anblick des feinen fremden Herrn. „Was is das? Wer sind Se? Was woll'n Se? Was hab'n Se hier ze suchen?" „Sie haben mich gebeten, den Ofen zu Heizen." „Wer sind Se? Was woll'n Se?" wiederholte Levi, ganz unheimlich berührt. „Ich möchte Herrn Kommissionär Levi sprechen." „Ja, das bin ich," sagte Levi. „Ja, das vermute ich. Aber ich habe den Auftrag, mich danach zu erkundigen, ob Sie beweisen können, daß Sie Herr Simon Levi sind." „Beweisen? Wer zweifelt daran?" „Ich zweifle nicht. Aber können Sie Nachweisen, daß Sie bin; Simon Levi sind, der in Fvedericiä geboren ist und bei einem Herrn Hehmann den Handel erlernt hat?" „Nachweisen? Wozu soll ich's Nachweisen? Ich wer' meinen alten Prinzipal nischt vor Gericht fordern; Er soll ruhig in d'r Erd' liegen, un heute abend Hab' ich mein' Feiertag. Entschuldigen Se!" „Ja, aber sind Sie es nicht, der einen Herrn Phillips oder Philpot gekannt hat?" Jetzt merkte Levi. daß irgend etwas im Gange sei, und es war, als ob der elektrische Stoß, der ihn durchzuckte, sich seiner Schwester mitteilte. Aber trotzdem sie völlig wach geworden war und den Fremden mit aller Energie anstarrte, gab sie doch weiter kein Zeichen des Lebens oder der Teilnahme von sich, als daß sie so unmerklich wie-möglich die Arme auseinandernahm. > „Phillips?" sagte Levi. „Kommen Sie aus Südamerika? Bitte, setzen Se sich." ' „Nein, ich bin Legationsrat — und ich komme vom Ministerium des Auswärtigen." ■ Jetzt fragte Levi nicht mehr mit Worten; er starrte nur. Der Legationsrat fuhr fort: „Herr Phillips ist gestorben."' „Tot?" rief Levi. „Phillips tot? . . . Nebbich! . . . Boruch dajon emmes . . . Woran is er g'storben? . . . Mm... Mm...! Phillips tot!" ' „Ja, und er hat Ihnen zweimalhunderttausend Taler vermacht." „Zweimalhunderttausend Taler! Wer sind Sie?" „Ich bin Legationsrat —" „Können Sie's beweisen?" „Hier ist meine Karte," sagte der Legationsrat lächelnd. „Aber Sie können sich, wann es Ihnen beliebt, ans Ministerium wenden und dort jede gewünschte nähere Auskunft erhalten." , „Träum' ich?^ sagte Levi. „Gittel, hast du's gehört?" „Ich weiß nicht, Simon, ich glaube," erwiderte Gittel sanft. „Was hat er gesagt?" „Er hat gesagt, daß Phillips gestorben is un dir zweimalhunderttausend Taler vermacht hat." „Und du hast gehört, daß er sich nennt Legationsrat un vom Ministerium des Auswärtigen kommt?" fuhr Levi mit einem fast drohenden Blick auf den Fremden fort —einem Blick, der sein Signalement aufnahm und ihn gleichsam als Geißel sesthalten wollte. Der Legationsrat sagte: „Sie werden alles, was ich sagte, bestätigt finden, und ich kann hinzufügen, daß Sie wahrscheinlich ein bißchen benachteiligt worden sind. Im Auslande weiß man mit solchen Hinterlassenschaften umzugehen und. läßt so wenig wie möglich aus den Fingern. Aber 400 000 Taler sind doch auch ein hübsches Sümmchen zum Teilen. Ich gratuliere. Gute Nacht!" Als er gegangen war, sahen Gittel und Simon einander mit einem fast dummen Blick an. Sie Waren äußerlich schlaff vor innerlichem.Entzücken. Es ist viel poetischer, sich das Kommen eines solchen Reichtums auszumalen, als es zu erleben. Malt man es sich aus, so ist der Reichtum nicht materiell, ein Haufen Silber, Gold oder Scheine, sondern die Erfüllung aller Sehnsüchte, die Erreichung der Ideale, eine große Menge Bilder von Glück, die sich auf der Schwelle des Daseins zeigen, während der Geist mehr oder weniger deutlichim Hintergründe eine merkwürdige Lichtgestalt erblickt, einen Geist, eine Fee, die Glücksgöttin selbst, mit der man sich auf geheimnisvolle Weise verwandt fühlt, und durch die man für einen Augenblick wie rungewandelt, idealisiert ist. Kommt dagegen der Reichtum in Wirklichkeit, so macht er wohl im Augenblick der Ueberraschung großen Eindruck, aber gleich daraufentstehen an Stelle der Bilder der Phantasie oder der Schönheit, Pläne, die der Begrenzung, fast Angst, begegnen. Er wirkt fast physisch, fragt die Organe, welchen Genuß sie begehren und macht ihnen gleichzeitig ihre Endlichkeit fühlbar. Wie jede plötzliche Re- . alität paßt er selten ganz in die gegebene, gewohnte hinein, es wird in der Regel scheinen, als ob er zu spät käme, er hat eine Art Schmerz im Gefolge, und in einem Falle wie Levis, vergrößert sich dieser Schmerz noch dadurch, daß der Reichtum .selbst mit all seiner Realität doch einen Mangel hat: er existiert "nur als Verheißung, das Geld ist nicht im Hause. Endlich war Simon Levi wieder so ziemlich der Alte, und er begann ' zu reden: „Reich? Zweimalhunderttausend Taler . Gittel, kannst ' du's begreifen. Kannste. der's anmerken, daß du ä reiches Mädchen bist? Das bist de doch! Wenn ich reich bin, bist du auch reich! Naarischkeiten — du hast de Hälfte von meiner Armut getragen ... nu, de Hälft' will ich nischt sagen . . . Aber wo