Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1913)
- Date
- 1913-01-03
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Alliance vor Jahren billig erworben hat. .Der Direktor selbst . weiß über viele Mißstände zu klagen, aber die eigentümlichen Verhältnisse der gemischten Bevölkerung erschweren sehr die Einführung der notwendigen Verbesserungen. Ein ganz merkwürdiges Exemplar fand ich im Lehrerkollegium. Der j Lehrer des Arabisch en ist.— ich traute meinen Ohren nicht — ein rechtgläubiger russischer Christ, der für Rechnung der russischen Negierung in Nazareth erzogen wurde, ' ein Jahr in Haifa Lehrer war und seit 9 Jahren in der Allianceschule in Kairo die Sprachen Mohammeds unterrichtete. Er erzählt mir, daß er Gorki und Tolstoi ins Arabische übersetzt hat. Der Direktor lobt ihn als einen guten Lehrer und als Verteidiger der Juden gegenüber Angriffen in arabischen Blättern. * Eine Mädchenschule der Alliance ist von 108 Schülerinnen besucht; eine andere von ihr subventionierte Knaben- und Mädchenschule besteht im Stadtteil. Abbassieh. In demselben, sehr entfernten Stadtteil befindet, sich die Privatwohnung des Chachambaschi, des (trotz der englischen Okkupation) durch ein Dekret des Sultans in Konstantinopel, eingesetzten Oberrabbiners sämtlicher Juden von Kairo. Mit dem gegenwärtigen Inhaber dieses hohen Amtes, dem als bedeutende rabbinische Autorität geltenden Chacham Rafael Ben Schimon, seit Jahren in Korrespondenz stehend und persönlich befreundet, hatte ich es unterlassen, meinen Besuch anzumelden. Große Ueberraschung, herzliche Begrüßung, Enttäuschung darüber, daß mein Aufenthalt so kurz sein wird — ich hatte erklärt, schon Sonntag über Port- Said nach Jaffa Weiterreisen zu müssen. „Aber sagen Sie mir nur", ruft der Chachambaschi (die Konversation fand natürlich in.hebräischer Sprache statt), „wie kann man nach Aegypten aus bloß drei Tage kommen?" „Wie darf man denn überhaupt länger in diesem Lande weilen?" erwiderte ich. „Wenn ich für länger als drei Tage gekommen wäre, hätte ich mich ja einer Uebertretung des für jeden Juden bestehenden religiösen Verbotes schuldig gemacht, nach Aegypten zurückzukehren und hier Aufenthalt zu nehmen." Kaum hatte ich diese scherzhafte Bemerkung gemacht, als der Oberrabbiner an seinen Bücherkasten eilte, einen Folianten hervorholte und eine Stelle aufschlug, mit der er sich zur Beschwichtigung religiöser Bedenken wohl oft schon befaßt haben muß. Hier in dem von seinem seligen Vater, einem bekannten Gelehrten, verfaßten Responsenwerke „Ulam ha- Schaar", , gedruckt in Jerusalem 1862, in den Nachträgen, Fol. 23, war ein Gutachten zu lesen, wonach es nicht weniger als acht Gründe sind, warum das religiöse Verbot, nach Aegypten zurückzukehren, außer Kraft ist: Erstens sei nur verboten worden, aus Palästina nach Aegypten zu reisen. Zweitens sei nur verboten, auf dem Wege durch die Wüste hin zu gelangen. Ferner nur zur Zeit des Staates und nur, um dauernd in Aegypten zu wohnen; dann gilt dies speziell für Kairo überhaupt nicht; dann sind die gegenwärtigen Aeghpter gar keine Aegypter usw. (Vergl. die klassische Entschuldigung wegen eines zerbrochenen Krugs!) Das aufgesührte schwere Geschütz war natürlich überflüssig. Ich wußte, daß schon Autoritäten des Mittelalters ausreichende Erklärungen zur Entlastung des Gewissens frommer Juden in Aegypten gegeben haben, und daß darüber in den Glossen zu Maimonides^ Kodex und im „Raschbaz" Verschiedenes zu lesen ist. Aber der große Eifer, mit welchem hier' ein orthodoxer Oberrabbiner die halachische Rechtfertigung der Umgehung eines religiösen Verbotes produzierte, des klaren Wortes der Thora (Deuteron. 17, 16) „Der Ewige sprach zu euch: Ihr sollt 'aus diesem Wege niemals zurückkehren" — brachte mich doch auf seltsame Gedanken. Ist das nicht ein sehr gefährliches System, durch Analyse und Interpretation Vorschriften der Thora einfach außer Kraft zu setzen? Könnten nicht Reformrabbiner dasselbe System auf andere Gebote und Verbote anwenden? Könnten sie nicht auch, mit Bezug auf das Fahren am Sabbat sagen: erstens ist das nur aus Grund der Kulturverhältnisse des Altertums verboten gewesen, dann sind ja unsere Vehikel gar nicht mit Tieren bespannte Fuhrwerke usw., oder mit Bezug auf die Leviratsehe und die Chalizaformalitäten geltend machen, -daß sie nur unter den ökonomischen Verhältnissen zur Zeit des Staates ihre Verbindlichkeit hatten; oder hinsichtlich der „Chukoth hagojim", der verpönten nichtjüdischen Bräuche: diese Satzungen seien gar keine Satzungen, sondern gesellschaftliche Einrichtungen, und die gegenwärtigen Gojim seien gar keine „Gojim" u. ä. m. — das wäre ja ganz im Sinne der Autoren der liberalen „Richtlinie n" in Deutschland. Vielleicht hat gerade gesetzestreue Dialektik das Holz für die Axt geliefert, welche die „Liberalen" schwingen. Maimonides selbst hat übrigens über die Frage des Wohnens in Aegypten, wo er seinen „Mischna Thora" und seinen „More Nebuchim" versaßt hat, sich gar keine Sorgen gemacht, wiewohl er in „Hilchot Melachim" das Verbot genau registriert und nur Handelsbeziehungen gestattet. Noch am selben Tage war es mir vergönnt, FostLt (Alt-Kairo) zu besuchen, wo der große Religionsphilosoph durch Jahrzehnte als Oberhaupt der jüdischen Gemeinde gewirkt und sich seinen unvergänglichen Ruhm erworben hat. (Nachdruck verboten.) Von Mei'r Goldschmidt. Deutsch von Zda Anders. imon Levi saß an einem Freitag abend in seinem armseligen Stübchen und genoß nach der Arbeit derWochedie Heiligkeit des Sabbats in tiefstem Frieden. Nach dem Gottesdienst hatte er mit seiner Schwester Gittel eine gute Suppe nebst Braten gegessen, dann gebenscht und ein paar Psalmen gesungen. Gittel hatte leise mitgesummt, bis der eintönige gedämpfte Gesang des Bruders und ihr eigenes Summen sie eingeschläfert hatten. Sie saß mit verschränkten Armen in -einer Ecke des Sofas und nickte, und die Art, wie sie dann plötzlich wieder aus dem Schlummer aufschveckte und auf einen Augenblick zu summen anfing, zeigte, daß sie sich im stillen darüber Vorwürfe machte, daß sie nicht mehr mitsummte — nachdem der Bruder schon lange aufgehört. Er hatte einen Chummisch, vorgenommen und sich allmählich vollständig in diese Lektüre vertieft. Während er so dasaß, das alte Sammetkäppchen zurückgeschoben, unter dem ihm ein Büschel graumelierter Haare von der Stirn abstand, zeigte sein scharfes eckiges Gesicht nicht eigentlich tiefen sanften Glauben oder Gottesfurcht, wenn es auch offenbar von einer religiösen Stimmung beherrscht wurde. Nein, es drückte zugleich oder im wesentlichen eine eigenartige Zufriedenheit, einen gedämpften Triumph aus, als führe er einen Prozeß und Höre die Zeugen genau die Erklärungen abgeben, die er wünschte. Es wurde auch ein Prozeß geführt; die sechs Wochentage standen in Levis Phantasie vor dem Ricklterstuhl des siebenten Tages; den sechs Wochentagen folgte die gesamte Wirklichkeit, und alles miteinander wurde zunichte oder zu eitel Schein und Blendwerk gegenüber den großen Ereignissen und Verheißungen, die ihn und sein Geschlecht betrasen. Er "bewies nicht an der Hand irgendeines Raisonnements, daß die Bibel recht habe, aber die Bibel bewies ihm als einzige Realität, daß alles andere unrecht habe. Hin und wieder streckte er, ohne den Blick vom Buche zu er-