Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1913)
- Date
- 1913-01-03
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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s Zeit lang Lehrer bei den Kindern des Oberrabbiners Prof. Wolfs gewesen war, als Buchhändler ernährte. Später bekam ich dann auch bei meinem soeben genannten Vorgänger Pros. Wolfs Unterricht im Talmud und in jüdischer Wissenschaft. Auf der Kopenhagener Universität studierte ich vorzüglich Orientälia, ich verlobte mich 1874 mit Cora Salomo rt5), ging nach Breslau, wo ich fünf Jahre studierte, und machte mein Examen 1879. In Breslau wohnte ich im Hause des Dr. Freudenthal, kann aber dabei so wenig verweilen, wie bei meinem Studienleben dort im allgemeinen, zumeist unter dem Direktorat des Dr. Lazarus. Von den Mitschülern arbeitete ■ ich zumeist zusammen mit David Kaufmann und Kosman Werner. 1879 ging ich, wie schon gesagt, zurück nach Kopenhagen, trat mein Amt an, wurde nach dem Tode des Prof. Wolfs zum Oberrab'biner befördert und legte mein Amt am 1. Januar 1903 wieder nieder. In dänischen Vereinen habe ich Anteil als Mitglied bzw. Vorsitzender der Vorstände genommen. Nach dem Tode meines Lehrers, Prof. Wolfs, wurde ich sein Nachfolger im Zentralkomitee der Alliance Jsraelite Universelle. Seit der Gründung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums bin ich Mitglied des Ausschusses dieser Gesellschaft, und nachdem auch ich vergebens versucht hatte, dem nach dem Rücktritte des Prof. Berliner eingeschlafenen Verein M e k i z e N i r d a m i m eine passende Leitung zu verschaffen, wurde ich, da gelegentlich der internationalen Orientalistenversammlung vor vier Jahren eine große Anzahl jüdischer Gelehrten in Kopenhagen weilte, durch Herrn Dr. Poznanfki, Warschau, veranlaßt, die Herren 31t einer Beratung zusammen zu berufen. Bei dieser wurde ich, gegen meinen Willen, dazu gedrängt, den Vorsitz in dem neu zu bildenden Verein zu übernehmen. Ich durfte es nur wagen, weil einerseits der anwesende Dr. Poznanski dann zusagte, als Sekretärin den geschäftsführenden Vorstand treten zu wollen, und anderseits die Hoffnung war, daß Dr. Freimann, Frankfurt, willig sein würde, als stellvertretender Vorsitzender zu fungieren, wenn er von der Neugründung Nachricht erhalten würde. Und es ging, allerdings mit Arbeit genug, und es wird hoffentlich bei der Hilfe der Kollegen und der Opferwilligkeit der Mitarbeiter und der noch in viel größerem Maße zu erhoffenden Unterstützung der Gemeinden, der Vereine und der Einzelpersonen, auch weitergehen. Uuk dem Wege nach yerulslrm. Reistbricfc von Rabbiner Dr. Armand Kaminka, Wien. III. (Kairo. — Ein nächtlicher Besuch der Pyramiden. — Die Allianceschulen.. — Warum das religiöse Verbot, nach Aegypten zurückzukehren, heute nicht mehr gilt. — Argumente zugunsten der liberalen „Richtlinien". — Fostut.) uf dem sehr ausgedehnten, großstädtischen, elektrisch beleuchteten Bahnhof in Kairo herrscht ein reges Leben, und man würde sich bei der Ankunft in einer europäischen Hauptstadt zu befinden glauben, wenn nicht die. großen Scharen der arabischen Gepäckträger und Händler, mit Kopsbund geschmückt, in langen, hellen, bis an die Sohlen reichenden Mänteln, schon dem Perron ein eigenes Gepräge geben würden. Bei der Fahrt durch die europäischen Straßen könnte man durch den Anblick von Luxus und Eleganz, geschmackvollen Geschäftsauslagen und vielen Autos sich mitunter in der Wiener Kärntnerstraße wähnen, wenn nicht die Bevölke- 0) Meine Frau ist die Urenkelin des ersten dänischen Klausstisters, Isaak Jakob — Jtzig Meisling. Ihre Vatermutter war die Cousine des ersten dänischen jüdischen Theologen, Isaak Noa Mannheimer. rung erinnern würde, daß man in Afrika und in einem mohammedanischen Lande ist. Auch mein Zimmerdiener in dem ganz modern eingerichteten Hotel „Eden Palace" am Ezbekiahpark ist ein würdiger M u st a p h a von tiefbrauner Farbe, mit blendend weißen Zähnen, ein übrigens intelligenter und geschickter Mensch, sicherlich ein Nachkomme der „Chartume Mizraim", die den König Vharao durch ihre Künste in Erstaunen setzten. Für das leibliche Wohl der auf rituelle Kost angewiesenen Fremden sorgen in ganz befriedigender Weise zwei jüdische Restaurants, das eine „Salonique", das andere „Palestine" benannt, beide in einem arabischen Stadtteil, bei der Geschäftsstraße „Muski" gelegen, wo tagsüber und auch in den Abendstunden ein dichtes Gedränge der verschiedenartigsten Meuschenthpen herrscht, ein buntes Durcheinander von Geschäften, Werkstätten, eine Menge Straßenhändler, Eselsführer, Kameltreiber. Wir hatten der Kost der in solchem Milieu gelegenen Speiseanstalten mit einem gewissen Bangen entgegengesehen; es erwies sich jedoch, daß sie bürgerlichen jüdischen Restaurants in Europa keineswegs nachstehen. Schon wenige Stunden nach unserer Ankunft in Kairo, am späten Abend, befanden unr uns in einem Auto auf der Landstraße auf dem Wege zu den Pyramiden von Gizeh. Ein amerikanischer Glaubensgenosse, der, ebenfalls nach Palästina reisend, sich uns bereits auf dem Schiffe angefchlossen hatte, war der Urheber der exzentrischen Idee, die Wunderwerke der Pharaonen noch in derselben Nacht — „bachzi halajlo" — beim schwachen Mondschein zu betrachten. Der ägyptische Sicherheitswachmann, der bei der Cheopspyramide seinen Dienst hat, scheint an derartige nächtliche Besuche gewöhnt zu fein. Für ein kleines Geschenk kletterte er in eine der Grabkammern und beleuchtete sie von innen mit Magnesiumlicht. Selbstverständlich haben wir dann am Tage den Pyramiden noch einmal eine formelle Visite abgestattet, nach Brauch auf Kainelen durch die Sandwüste bis zum Sphinxtempel reitend, dessen grandiosen, zum Teil unterirdischen vier- oder fünftausend Jahre alten Bail wir besichtigten. Es galt nun, die wenigen Tage fleißig zu benutzen, um auch das jüdische Kairo kennen zu lernen. Freitag, 18. Oktober, früh.am Morgen, holte inich der Direktor der Knabenschule der Alliance Jsraälite Universelle, Mr. Somekh, zum Besuche feiner Anstalt ab. Sie wird von 313 Schülern frequentiert (darunter 231 zahlende) und erhält bei einem Budget von 33191 Frank von der Alliance eine Jahressubvention von 10 070 Frank, von der Anglo Jewish Association in London 1000 Frank jährlich. Die Vielsprachigkeit ist auch hier allen privaten Erziehungsanstalten eigentümlich, da die Eltern entschieden verlangen, daß die Kinder außer Arabisch auch Französisch und Englisch lernen imd das Hebräische wiederum, wenn auch manche Eltern darauf verzichten würden, aus religiösen Gründen unterrichtet wird. So kommt es, daß z. V. in der oberen Klasse 12—13 jährige Knaben folgenden Lehrplan haben: 17 Stunden wöchentlich Französisch (und allgemeine Fächer in französischer Sprache), 9 Stunden wöchentlich Englisch, 8 Stunden wöchentlich Arabisch und 5 Stunden wöchentlich Hebräisch (Religion) zusammen 39 Stunden wöchentlich. Der hebräische Unterricht wird hier von Rabbinern (Ehachams) alten Schlages erteilt. Die Kenntnisse der Kinder sind 'sehr verschieden, wie auch die Herkunft verschieden ist. In jeder Klasse sind Schüler, die aus Rußland stammen, Kinder von Familien, die in den letzten Jahren eingewandert sind, und im Hebräischen ganz anders vorbereitet sind als die im Lande geborenen Spaniolen. Die Schule ist in einem altertümlichen, dem Zweck nicht vollkommen entsprechenden Haus, einem ehemaligen Justizgebäude untergebracht, das die