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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-01-03 · Heft 1 (3.1.1913) · p. Seite 8

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 1 (3.1.1913)
Date
1913-01-03
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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- 8 Juden, wie alle andere Dänen, feste Familiennamen annehmen. Und es geschah im allgemeinen-bei Juden und bei Christen in der unglückseligen Weise, daß man die Endung -- sen (dem deutschen — sohn entsprechend) an den Namen des Vaters heftete. Daher in der christlichen Bevölkerung die unglaublich vielen Hansen, Petersen, Nielsen usw., die man seit einiger Zeit auszurotten versucht. Als «der älteste Sohn (David) meines Großvaters die hiesige Freischule besuchen sollte, wurde er von dem Gründer und Direktor derselben, M. L. Nathanson, nach seinem Familiennamen gefragt. Der Junge erklärte L e v h zu heißen, auch Holländer genannt zu werden. Nathanson dekretierte, daß diese keine Familiennamen seien, und frug nach dem Rufnamen des Vaters. Er erfuhr, daß mein Großvater Simcha im bürgerlichen Verkehr Simon genannt wurde und bestimmte deshalb, «daß der Junge als Simvnsen eingetragen werden sollte.-) — Mütterlicherseits kann ich meine Vorfahren hier in Dänemark nicht ganz so weit zurückverfolgen. Meine Großmutter mütterlicherseits Ev a gehörte sowohl durch Vater als durch Mutter zu einer der großen Familien Henrigues, die dem sephardischen Ritual folgten. Dieser Zweig kam nachKopenhagen über die den Juden geöffnete holländische Stadt Nakskou, weshalb die Familie, wie verschiedene andere, hier in Kopenhagen „Nasche" genannt wurde. Der Großvater meiner Großmutter Bend ix Mose s-Pinchas Nasche war, mit guten Zeugnissen versehen, schon vor 1750 von Nakskou nach Kopenhagen gezogen. Viele seiner Nachkommen nehmen hier und anderswo hervorragende Stellungen ein. Am kürzesten „lebe ich" hier in Kopenhagen, wenn ich an den Vater meiner Mutter denke. Isaak Selig Hahn kam vor bald 100 Jahren hierher aus Hamburg. Dort finde ich auf dem Friedhöfe vier frühere Generationen?) Zu der Familie dort gehörte auch der Unterrabbiner Joseph Hahn, der in dem Eibeschütz-Emden-Streit zu vermitteln suchte. Er hat sich den kleinsten und bescheidensten Leichenstein auf dem ganzen alten Friedhofe setzen lassen. Mein Großvater Hahn war ein gut gelernter Geldwechsler, hatte aber als alter ,,Measses"schüler') für das Studium doch mehr Interesse als für das Geschäft. In den oben erwähnten hiesigen Streitigkeiten hat er als ganz junger Mann auch dem alten Oberrabbiner Abraham Gedalja einmal beigestanden. Dieser konnte — selbstverständlich — weder Dänisch noch Deutsch schreiben. Ich besitze nun eine Eingabe an die Regierung, welche die Inschrift trägt, daß sie von dem Oberrabbiner Hebräisch versaßt ist, dann von I. S. Hahn ins Hochdeutsche übersetzt und endlich von (einem Juristen) I. Jakob aus dem Deutschen ins Dänische übersetzt ist. Bei diesem meinem sehr angesehenen Mnttervater wurde mein Vater Jakob von der Direktion der Freischule s. A. als 12 A jährige Waise untergebracht. Einerseits war der fähige und ungewöhnlich fromm gesinnte Junge in der Schule so geschätzt, daß man ihm eine besonders gute Stelle verschaffen wollte, anderseits war mein Großvater geeignet gesundeil, der Lehrmeister des Waisen zu werden. Nach damaligen Verhältnissen (1835) hatte ein Lehrjunge auch mit der Familie seines Prinzipals sehr viel zu tun. 'J) Mein Vater nahm daun später nach den vorgeschriebeueu juridischen Formen den Namen Simvnsen an. .*) Die Familie stammt vermutlich aus Frankfurt, wo die Hahns lange zurnckgehen. Ein Jsaae zum Hannen war ein Nachkonune voll dem berähinten Anwalt der Juden Josel Rosheim (S. Geiger, Z. f. G. d. I. in D., 111. 68- 9). Wenn mein Großvater Isaak Hahn von diesem Isaak Hahn abstammt, dann geht die Linie bekanntlich über Raschi auf den Tannaiteu, Jochanan den Saudalmacher zurück. I Sein Schwager Simon Neukirch, verheiratet mit meiner sehr gebildeten Großtante Sara Hahn, war scholl 1780 Subskribentensanlinler für dell „Moassef" in Kopenhagen. Meine Großmutter,.Eva Hahn, war eine ungewöhnlich lebhafte und herzensgute Frau, so daß mein Vater sich dort von Anfang an wohl befunden haben mag: Er mußte bald zeigen, was er vermochte; mein Großvater Hahn starb jung, ohne Vermögen zu hinterlassen, seine Freunde wollten nicht, daß die Witwe und die vier Kinder eines Mannes, der eine Zeit lang Vorsitzender der Repräsentanten der Gemeinde gewesen war, einfach durch Wohltätigkeit ernährt werden sollten. Man kannte aber den Charakter- und die Fähigkeiten meines damals erst 20 jährigen Vaters, sammelte daher ein Paar tausend Taler und vertraute ihm diese Summe an als Darlehen, damit er, durch Weiterführung des Bankgeschäfts, die hinterlassene Witwe ernähren sollte und die Kinder, bis diese selbst etwas verdienen konnten. Die schlvierige Aufgabe wurde gelöst, nicht nur durch die Tüchtigkeit des jungen Mannes, sondern auch durch die für unsere Zeit fast unglaubliche Genügsamkeit einer notabeln Familie. Sobald die älteste Tochter aus der Schule war, wußte sie als Lehrerin das Ihrige beizutragen. Nicht allzu lange unterrichtete sie fremde Kinder, denn bald wurde sie als glückliche Braut von meinem Vater heimgeführt, und meine Mutter Rose s. A. war in der Tat, bis sie allzu früh abberufen wurde, auch ihren fünf Kindern, unter denen ich gerade den Mittelplatz hatte, eine ausgezeichnete Lehrerin, die es verstand, ihre jungen Schüler zu Eigenarbeit anzuleiten und ihnen die für die Familie sprichwörtliche Wahrhaftigkeit einzuprägen. Hier kann ich nicht von allen dem erzählen, was ich meinen Eltern zu danken habe. Mein Vater war, wie gesagt, schon vor der Barmizwo aus der Schule und mußte sich deshalb mühselig weiteres Wissen erwerben. Die englische Sprache erlernte er z. B., da er kein Geld hatte, einen Lehrer zu zahlen, von einem jungen Polytechniker, der aber nur Zeit hatte, die freie Stunde um 5 Uhr früh vor dem Gottesdienst zu gewähren. Von der religiösen Weihe, die von meinem Vater in bewegten Augenblicken ausströmen konnte, wissen auch meine Mitschüler aus dem Breslauer Seminar zu erzählen, die ihn im Jahre 1879 gesehen haben, als er herüberkam, um mich nach erfolgtem Examen nach Kopenhagen zurückzubringen, wv ich damals schon aus der Ferne als Hilfsprediger engagiert worden war. Meine eigene Kindheit verlief in den glücklichsten Umgebungen. Am 17. März 1853 geboren, besuchte ich zunächst eine kleine, von einer Dame geleitete Vorbereitungsschule, ging dann in eine große Bürgerschule herüber, Ivo der Aufenthalt mir gar nicht angenehm war, trotzdem meine zwei älteren Brüder schon die Schule besuchten, und ein Onkel, der tüchtige Sprachlehrer T. L. Simonsen, dort unterrichtete. Doch muß ich es dem Leiter dieser Anstalt, Herrn H. E. Melchior — er war kein Jude, was man vielleicht nach dem Namen vorausfetzen würde — danken, daß ich zum Studium gekommen bin. Ich hatte die Schule schnell durchlaufen, konnte somit, 13 Jahre alt, das sogenannte Präliminärexamen machen, mein Vater wollte mich aber noch ein Jahr in der Schule sitzen lassen, damit ich erst mit meiüem 14. Jahr, wie meine älteren Brüder, in rin Geschäft trete. Dem widersetzte sich aber der Schulleiter, da er mir nicht so viel in diesem Extrajahr vorzulegen habe, daß ich nicht faulenzen könne. So ging das Examen gut vorüber und ich bekam Privatunterricht teils in jüdischen Fächern, teils iy den gelehrten, anderthalb Jahr später trat ich dann in das Gymnasium und absolvierte das Abiturium 1870. . Der Lehrer, dem ich vorzüglich meine Anleitung zur jüdischen Traditivnsliterätur schulde, ist der vor einigen Jahren in Hamburg gestorbene Dr. Joseph Heinemann, Sohn des ehemaligen Gothenburger Rabbiners. Er war hier zirka vier Jahre Lehrer in der Religionsfchule und dabei auch mein Privatlehrer. In den Talmud wurde ich besonders eingeführt durch einen wirklich bedeutenden Gelehrten David Rubin, der sich hier, nachdem er eine

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