Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1913)
- Date
- 1913-01-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 der Missetäter verhaftet. Auch die Mittelschulen sind von der Hetze nicht verschont geblieben. Im Gymnasium des Generals Chrzanowsti wurde der Schüler Teschner, Sohn eines Arztes, von seinen katholischen Mitschülern so verprügelt, daß er in ärztliche Verpflegung genommen werden mußte; im Gymnasium von Kowalski wurden zwei Schüler der vierten Klasse infolge der Hetzreden des Neligionslehrers von Schülern der unteren Klassen arg mißhandelt. Von den Kanzeln herab werden Brandreden in die Menge geschleudert, kurz, alles belltet darauf hin, daß ein Pogrom vorbereitet wird. Man spricht auch schon davon, daß ein solcher in einer antisemitischen Versammlung beschlossen wurde, der am ersten Weihnachtstage in den äußeren Stadtbezirken beginnen und, wenn es die Umstände erlauben, nach dem Zentrum übergetragen werden soll. Die „Gazeta Poranna" (nicht zu verwechseln mit dem „Kurjer Poranny") zählt täglich unter deiil Titel „Jüdische Maskerade" die anonymen Firmen aus, die in jüdischerr Händen sind, und weist sornit den Pogromlustigen die Läden nach, die zu plündern sind. Es heißt, daß der Polizei ein Pogrom nicht ungelegen käme, da die Poleil sich dadurch gründlich kompromittiereil würden, und man daher deil gerade jetzt auf der Tagesordnung befindlichen Vorschlag' der Einführung der städtischen Selbstverwaltung in Polen am besten Hintertreiben könnte. Man behauptet daher, daß die Polizei, wenn ein Pogrom eintritt, ihm anfänglich freien Laus lassen will, um erst später einzugreifen. Einer jüdischen Abordnung, die deil Oberpolizeimeister Meyer bat, einenl Pogrom vorzllbeugen, antwortete er, daß er in den ersten fünf Minuten für nichts einstehen könnte, aber in den folgenden fünf Minuten den Pogrom Niederschlagen werde. * Wir wagen noch immer zu hoffen, daß diese Stimmung sich wandelt, und daß die letzten Tage des Jahres 1912 oder die ersten des Jahres 1913 nicht mit neuen, der Würde der Menschheit hohnsprechenden Greueln befleckt werden! Lkrlmrr lkünlllerdund. Non E r i ch G r a n d. ieder wandert man durch die Alt-Berliner aristokratischen Räume des ehemals Freiherr v. Lipperheideschen Palais in der Potsdamer Straße 38, um die reiche Bescherung an Werken der Malerei und Plastik, die der Berliner Künstlerbund in gewohnter Weise zur Winterausstellung vereinigt hat, zu besichtigen. Und — ich will es gleich vorwegnehmen, auch diese Kunstschau reiht sich in bemerkenswerter Fortentwicklung den Vorgängerinnen würdig an. Nach des großen Max Levi Tod mußte der Berliner Künstlerbund auf einen entsprechenden Ersatz bedacht sein, und es gelang auch, den bedeutenden Tierplastiker Max Esser für den Bund zu gewinnen. Esser, ein bereits gut bekannter Bildhauer, führt sich auch an dieser Stelle aufs vorteilhafteste ein. Seine kleine Serie Porzellannippes „Schneckenliebe" usw., ebenso seine größeren Arbeiten (für die Stadt Schöneberg) und last not least der Gipsguß des „Perlhuhn" aus der Nationalgalerie und die „Kampfschneppe" lassen die Tüchtigkeit seines Talents schnell erkennen. Von Erlanger, auch einem Tier- Plastiker, möchte ich den „Elefant" nennen. Sonst liegt wohl seine bildnerische Kraft mehr im rein Malerischen (Kühe vordem Stall). Moll-Ziemsen hat eine Prächtige Tänzerin gesandt, hoheitsvoll in Figur und Ausdruck. Jacob Plessner ist mit einer ganz eigen guten Arbeit vertreten, einem „Paris" von bestechender Form, sowohl in der ganzen Linie des Körpers als speziell des Kopfes, der von einer psychologischen Gedankenfülle erzählt, die dieses Werk so riesig schätzenswert macht. Das ist der leibhaftige „Paris", den Offenbach sagen und singen läßt: „Und die dritte, ach die dritte Stand daneben und blieb stumm, Ihr mußt ich den Apfel geben, Kalchas! Du weißt wohl warum?" Da die jetzige Bilbhauergeneration sich mehr die Tiere zu Mustern ihrer Arbeiten nimmt als die Menschen — Plessner setzt in possierlicher Pose einen „bettelnden Bär" auf die Beine — muß man auch Werke wie Rasenbergs „Porträtbüste" mit besonderem Wohlgefallen würdigen. Von den Bildhauern zu den Malern vermittelt diesmal Manfred Prager geschickt den Uebergang. Nach jahrelangem, mühevollem Erproben hat der vielleicht sympathischste jüdische Malerkünstler Berlins eine Idee zur Verwirklichung gebracht, aus die er nicht wenig stolz sein kann. Aus der Suche, eine möglichst große monumentale Wirkung aus dem Bildwerk herauszuholen, ist Prager auf die Benutzung einer Steinplatte als Malgrund gekommen, und die vom Künstler beabsichtigte Wirkung ist schon jetzt — der „Schmierenkomödiant" ist das erste Werk, das sich in dieser Art in der Oefsentlichkeit zeigt, aber stofflich für den zukünftigen Zweck nicht ganz paßt — ersichtlich. Die hart-weiße, unnachgiebigglatte Steinfläche läßt jeden Pinselstrich in eherner, fast schwarzweißer Schärfe erkennen, und die kaum „gedeckten" Flächen des faltigen Tuchs und der Gesichts- und Haarpartien dieses Erzschelms von Weltbummler gehen in der Weitwirkung wunderbar zusammen. Prager, der über sein bedeutungsvolles, vielverheißendes Geheimnis — in Wahrung berechtigter Interessen — noch nicht den Schleier der Erkenntnis völlig lüften will, hofft diese Art der „Oelitnb Steinmalerei", besonders für die Zwecke der so mangelhaften Freskenmalerei zu verwerten, und aus dem bisher Gesehenen muß man die Ueberzengung gewinnen, daß der Künstler mit Einsetzung seiner hervorragend fähigen Persönlichkeit die grandiose Leuchtkraft der Farben zu neuen si-eghasten Werken bringen wird. Sonst sieht man noch von dem beliebten, fleißigen Künstler wertvolle Pastelle, wie den markanten Kopf des Reg.- Rats Dr. Moll und mehrere Porträtstudien, an denen Prager wohlüberdacht das Charakter decouvrierende Lachen und die Vielfarbigkeit der, Gesichtshaut demonstriert. Das zweite Werk, das hier den Lesern vorliegt, ist Marie H a i m s „Alpenveilchen", das duftig-zarte Blumenstück einer jungen Jüdin, die erst seit einem Jahr im Berliner Künstlerbund ausstellt und in unglaublich kurzer Zeit ihre künstlerische Kraft zu reicher Blüte entfaltet hat. Schon im letzten Sommer erregte' Fräulein Haim mit dem großangelegten Werk „Mutter mit Kindern", und auch auf dieser Ausstellung ist die sympathische Künstlerin wieder mit einer ähnlichen Leistung — „Lesestunde" — angenehm vertreten. Noch vollendeter als die figürliche Gruppe ist aber das „stillebende" und doch so „rührende" Alpenveilchen. Dieser blaß-bläuliche, dunstige Ton, der übrigens in fast allen ihren Arbeiten wiederkehrt, großtupsig angelegt — so daß die Bilder gobelinartig aus grobfüdiges Gewebe gesetzt, erscheinen überfärbt gut die Glätte der Zeichnung, ohne sie irgend übel abzuschwächen, und so kommt es, daß nicht sehr scharfe Reproduktionen der Haimschen Werke viel an ihrer Güte verlieren. — M. B e r n st e i n - L a n d s b e r g s sprudelndes Talent liegt in ihren unerschöpflichen Varianten von Kindern auf der Straße. Ihr „Lieblings"-Thema, das die bekannte Malerin in ganz ungeahnt vielseitigen Zusammenhängen mit fast spielender Leichtigkeit und Liebe vorträgt. Mit sechs Stücken dieser köstlich-humorvollen Art wartet Frau Landsberg wieder aus, und - jedes dieser kleinen Tableaus reizt durch seine natürlich-gedankliche Einfachheit wie durch gut beobachtete Züge aus dem bunten Leben („Häuserschatten"). Noch weiter in dieser Richtung geht M. I s e n b a r t h in dem durchsichtigen Sujet „Baubuden". Bielefeld beschenkte uns mit einem, allerdings skarbinahast klassischen Berliner Bild von der „Werderschen Kirche". Von Borghardt drei im Motiv „einladende" Bilder, darunter auch der durch Brockenhusen genugsam bekannte „Biergarten" in Kohlhasenbrück. In