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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-01-03 · Heft 1 (3.1.1913) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 1 (3.1.1913)
Date
1913-01-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Gehilfen zu beschäftigen, sondern der Oberste Gerichtshof legte den § 105b Abs. 2 der Reichsgewerbeordnung dahin aus, daß eine Unterscheidung zwischen christlichen und israelitischen Geschäftsleuterl unzulässig ist. Das Statut müsse für alle Geschäfte derselben Art gleichmäßige Geltung haben. Da der Beschwerdeführer im Einklang mit dem Statut handelte, wurde ein subjektives Verschulden ans seiner Seite als nicht gegeben angenommen. So muß nun doch eintreten, was die Sozialdemokraten im Münchener Rathause von allem Anfänge an gefordert hatten. Die Ausnahme für Israeliten muß aus dem Ortsstatut verschwinden. Ganz humoristisch wirkt zwar nachstehender Artikel der „Frankfurter Zeitung", aber die Sache bleibt betrüblich genug. Eine gewisse Befriedigung kann man über den Artikel empfinden dadurch, daß er von einem evangelischen Pfarrer herrührt. Er lautet: Die Kanzel als Abonnentenfalle. (Von einem evangelischen Pfarrer.) Kurz vor Weihnachten ist von einer anonymen Stelle aus an Tausende von Adressen, und zwar nicht nur an evangelische Pfarrer, eine „Pressepredigt" von Ernst Berendt verschickt worden, die im Verlag „Der Reichsbote", G. in. b. H., Berlin SW. 11, erschienen ist. Es ist wohl auch auf Konto des Verlags zu setzen, daß der Umschlag mit Reklamen für die „Kreuzzeitung", den „Reichsboten", die „Deutsche Zeitung", das „Posener Tageblatt", die „Berliner Neuesten Nachrichten", die „Deutsche Warte" bedruckt ist. Aber bei einer Predigt macht das immerhin einen merkwürdigen Eindruck. Das Erstaunen aber wächst, wenn man sich in der Predigt selbst nach den Urteilen über die Durchschnittspresse umsteht. Man sollte von einem Prediger, der die Presse zum Gegenstand einer Sonutagspredigt inacht, mindestens doch erwarten, daß er ein wenig mit der Art der modernen Zeitung sich vertraut gemacht hat; und »um sollte weiter erwarten dürfen, daß er der Presse einigermaßen gerecht wird. Aber Ernst Berendt macht nicht einmal den nllerbescheidensten Versuch zur sachlichen Beurteilung und einem objektiven Werturteil. Mit ein paar allgemeinen Redensarten von der Gottlosigkeit und dein „sittlichen und sozialen, kirchlichen und religiösen Unverstand" der anständigen Durchschnittsprcsse läßt der Prediger sich genügen. Aber diese Oberflächlichkeit und beschämende Unkenntnis sind an der „Pressepredigt" nicht das Tadelnswerteste. Geradezu unglaublich ist es, daß der evangelische Pfarrer Kanzel und Predigt zu einer breitspurigen und überlauten Reklame für eben jene Blätter mißbraucht, die auf dem Umschlag sich dem Leser der Berendtschen Predigt empfehlen. Und fast unglaublich, daß diese Reklame ans der Kanzel zu einer wüsten und demagogischen Hetze ausartet, wie inan sie zu Zeiten des Rektors Ahlwardt gewohnt war. Zur Eharakterisiernug des Geistes, dem diese „Pressepredigt" dient, sei folgende Stelle zitiert: Was sollen wir also tun? — Können wir fordern, daß jene großen und größten jüdischen Zeitungen, die unser deutsches Leben gegemvärtig beherrschen, ihren Geist verleugnen? — Können wir fordern, daß die gleichfalls vom Iudengeist erfüllte Hetzpresse sich ändert? — Solche bequemen Forderungen überlassen lvir den bekannten Staats- und Weltverbesserern. Aber, das können, das müssen wir fordern, daß jeder ehrlich deutsch-evangelische Manu nicht diese verjudete Presse in seinem Hause duldet. — Und, wenn Du meinst, diese großen Judenzeitungen für Dein Geschäft nötig zu haben, gut, so gebrauche sie für Dein Geschüst, obschvn es dem weiterschauenden deutschen Manne zu denken geben sollte, wenn nur der Jude die Geschäftswelt am besten bedient. Aber gut, gebrauche sie für Dein Geschäft, schließlich hat ja jeder Stand und jeder Berus seine besonderen Fachzeituugen. Also gebrauche auch Du, wenn Du's meinst, die Judenzeitung fürs Geschäft, aber gebrauche sie nicht für Deinen Geist und Deine Gesinnung, gebrauche sie nicht für Dein Herz und Haus, damit Du christlicher Mann nicht verjndest, damit Deine Kinder nicht von früh aus die Hände danach ausstrecken und Deine erwachsenen Kinder nicht daran vergiften. Und damit darüber niemand im unklaren sei, zu welchem praktischen Zweck die „Pressepredigt" gehalten ist, heißt es einige Zeilen weiter unten: Laß Juden und Judengeuossen und Jüdisch-Gesinnten ihre Zeitungen, aber habe Du das evangelische Ehrgefühl, daß für den deutschen Mann eine deutsche Zeitung gehört. Es gibt Gott sei Dank solche Tagesblätter, die in allem von deutsch-evangelischer Gesinnung redigiert und getragen sind. Es gibt solche hier im Thüringer Land, und wenn es eine große Berliner Zeitung sein soll, so sind auch dort gesinnungsvolle Blätter." Uns will es fast scheinen, daß „Geschäft" Geschüst bleibt, wenn man gleich die Kanzel zur Geschästsreklame mißbraucht. Schließlich aber: diese „Pressepredigt" ist ein eklatantes. Beispiel dafür, mit welchen Mitteln heute die Konservativen sich um die Massen bemühen. -* Damit würde diese Chronik geschlossen werden können, wenn nicht auch! diesmal recht bedenkliche und übel klingende Nachrichten aus Saloniki und Rußland zu registrieren wären. In Saloniki steht es schlecht. Dem Hilfsverein der Deutschen Juden geht folgendes Telegramm aus Saloniki zu: Saloniki, 25. Dezember. Die jüdische Gemeinde in Saloniki ist Wiederuin in schwere Trauer versetzt worden. Ermutigt durch die Straflosigkeit der verschiedenen Uebergrisse gegen die Juden in der letzten Zeit, haben die Griechen weitere schwere Exzesse sich zuschulden kommen lassen. Gestern, abend gegen 5 Uhr sind zwei jüdische Kauslente aus offener Straße durch Griechen ermordet worden. Unter der jüdischen Bevölkerung herrschen große Aufregung und Bestürzung. Zahlreiche Familien rüsten sich zur Ansnmnderung, da sie an einer Besserung der Lage verzweifeln. Als vor einigen Tagen hellenische Soldaten, die. aus Monastir zurückkamen, hörten, daß Angehörige anderer Truppenteile straflos jüdische Häuser geplündert hatten, begannen auch sie Plünderungen i vorznnehmen. Aus R u ßlan >d liegen zwei Nachrichten vor. Die eine ist der „Ostseezeitung" entnommen und erweitert schon früher gegebene Nachrichten: Die Einzelheiten, die man über die Massenausweisungen von Juden hört, sind erschreckend.. Wenn es auch nicht wahr ist, daß, wie ein englisches Blatt gemeldet hat, die gesamte Nikolajewer Judenschast, 25—30 000 an der Zahl, die Stadt verlassen muß, so sind es doch jedenfalls dort Tausende, die der Ausweisung anheimsallen sollen. Am traurigsten ' geht es aber in den Dörfern zu, wo die Betroffenen nicht einmal die nötige Zeit'bekommen, um in . einiger Ordnung zu einem neuen Wohnort zu gelangen. Irr dem Kreis Dnbno, wo zweihnndertsiebzig Familien dem Exil ansgesetzt sind, wird den Unglücklichen höchstens eine Frist von zwei Wochen, meist aber nur von drei Tagen gewährt. Die jüdischen lokalen Bertreter, die sich an Kvkowzow mit einem Bittgesuch gewandt haben, weisen daraus hin, daß tausend Kinder damit auf die Straße gesetzt werden. Auch ans dem Kreis Kremenetz und zahlreichen anderen Orten kommen ähnliche Klagen. Es gibt dabei kein Gesetz mehr. Juden, die sogar seit über dreißig Jahren in den betreffenden Dörfern ansässig sind, wurden nicht geschont. Kurzum, die Bnreailkratie im gesarnten südwestlichen Rayon ist in Bewegung gesetzt, um die Inden, die ans dem Lande wohnen, aufs äußerste zu schikanieren und an den Bettelstab zu bringen. Die andere, mt§ 'der „V äffischen Zeitung", hat folgenden Wortlaut: Infolge der Tatsache, daß der sozialistische Arbeiter Jagello mit Hilfe der jüdischen S t i m m e n gum Dumaabgeordneten der Stadt Warschau gewählt wurde, verhängen die polnischen Antisemiten einen Boykott gegen die Juden. Die Polen mitsamt dein katholischen Klerus hatten die Wiederwahl des früheren Abgeordneten Roman Dmowski angestrebt. Der Boykott wird hier nur als eine Vorbereitung zu stärkeren Schritten gegen die Juden angesehen. Man betreibt bereits ziemlich unverhüllt eine Pogrompolitik. Die polnische national-demokratische Partei predigt zusammen mit den Klerikalen den Judenhaß. Außer den bereits bestehenden antisenntischen Hetzblättern „Rola", „Polak-Katolik", „Posiew", „Dzien", dessen Herallsgeber und Redakteur der frühere Deutschellsresser Stefan Gorski ist, der aber gegen das Deutschtum nichts ausrichten konnte, wurde noch ein billiges Tageblatt „Gazeta Poranna" gegründet, das nur eine Kopeke kostet nlld massenhaft auch unentgeltlich verteilt wird. Der Boykott wird durch Komitees vom Verbände der christlichen Arbeiter geleitet, der unter dem Einfluß der 'Geistlichkeit steht. Straßengesindel wllvde gemietet zur Terrorisierung von Christen, die bei Juden kaufen. Die Leute bekommen dafür einen Rubel Tagelohn. Einer Dame, die aus einem jüdischen Geschäft heraustam, wurde ein kostbarer Mantel zerschnitten, anderen Personen wurden die Kleider mit ätzenden Flüssigkeiten begossen. Die Polizei hat allerdings einige

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