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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-01-03 · Heft 1 (3.1.1913) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 1 (3.1.1913)
Date
1913-01-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Fast noch schlimmer als ivte Zurücksetzung seitens der Regierenden ist aber die in neuester Zeit.so lebhaft geäußerte Anschauung mancher Juden, sie seien nicht bloß Angehörige einer Glaubensgemeinschaft, sondern eines Volkeseiner Nation, sie hätten daher kein Recht, in 'deutschen Angelegen-? Herten mitzusprechen, um die deutsche Literatur sich zu kümmern, sie müßten das Raten und Taten über deutsche Verhältnisse den Deutschen überlassen und in literarischen Dingen sich ausschließlich mit jüdischem Stoffen beschäftigen. Eine solche Anschauung, durch die Vergangenheit Lügen gestraft, dünkt uns für die Gegenwart geradezu ein Verbrechen; wir werden niemals aufhören, sie als ein solches zu brandmarken. II. ' Auch im Innern der deutschen Judenheit herrscht eine tiefe Erregung. Man klagt die „Richtlinien" der liberalen Vereinigung an, daß sie ein Schisma hervorzurusen geeignet sind. Aber wenn man sie unbefangenen Sinnes liest, so muß man sagen, daß sie eher durch ihre Zahmheit, als durch ihre Wildheit überraschen. Es steht in ihnen kaum eine Forderung, die nicht auf der Rabbinerversammlung der vierziger Jahre schon aufgestellt, von den Synoden der siebziger Jahre erwogen oder gutgeheißen worden ist. Speziell in den Bestimmungen über Gebete und Kultusordnung ist gar manches milder und vorsichtiger ausgedrückt als in den energischen Darstellungen, die Abraham Geiger in den Ausführungen zu „Schutz und Trutz" (Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben, Bd. 7) gegeben hatte. Die Bestimmungen, die in den „Richtlinien" zusammengefaßt sind, waren zum Teil längst in den Gebetbüchern der letzten Jahrzehnte und in dem Kultus vieler Gemeinden durchgesührt; man begreift kaum, woher der Haß der Gegner gegen solche Sätze kommt, die seit Jahrzehnten vielfach Geltung besitzen. Gegen zwei Punkte der Gegenerklärungen, die unsere Zeitung, soweit sie ihr zugeschickt worden, sämtlich zum Abdruck brachte, um -ein Zeugnis ihrer Unparteilichkeit zu bieten, muß entschieden Verwahrung eingelegt werden. Nicht gegen die törichte Behauptung, daß die Liberalen ein Schisma Hervorrufen, denn eine-solche Ansicht ist schon in dem Leitartikel von Nr. 49 des vorigen Jahrganges genügend bekämpft worden, wohl aber gegen zwei andere Anschauungen. Die erste ist, daß die Gegner der Richtlinien den Anspruch erheben, daß sie allein das Judentum vertreten. Jngleichen protestieren ja jedesmal in Repräsentantenversawmlungen die orthodoxen Mitglieder im Namen des Judentums, sobald ein liberaler Vorschlag gemacht wird. Heißt denn Judentum die Gesamtheit der Ge- und Verbote der schriftlichen und mündlichen Lehre, und zwar nicht bloß der 'Grundvorschriften, sondern auch der Einzelvorschriften nach dem Schulchan Aruch und dessen Glossatoren?^) Besteht nicht vielmehr das Judentum in den ewigen aus die Gotteserkenntnis bezüglichen Wahrheiten und sittlichen — aus der Lehre von der Gottesebenbildlichkeit und Botteskindschaft aller Menschen sich ergebenden Geboten, neben denen einzelne , Glaubenslehren und Satzungen mit dem Fortschritt des Menschengeistes sich entwickeln und wandeln? Diese Verachtung des Geistes, die Leugnung der Entwicklung, dieses Hängen an erschwerenden Vorschriften, diese innere Erstarrung, wie sie bei den extremen Orthodoxen ühlich sind, sie sind es (freilich neben den Bedrückungen, die leider auch, unser Staatsorganismus auf die Juden häuft), die so viele Juden zur Gleichgültigkeit, so manche zur Taufe zwingen. Im Namen des Judentums zu sprechen, haben viel eher die das Recht, die die altheiligen Lehren und den Geist der Zeit miteinander versöhnen, wollen, als die, welche jede Entwicklung s leugnen, die Strebenden in ein geistiges Ghetto einzuzwängen versuchen. . x) Ich halte mich hier an das Vorwort der ersten Auflage' des vom Rabbiner Hirsch in Frankfurt a. M. empfohlenen Lehrbuches der Religion von Ludwig Stern (4. Auslage 1904). Ebenso stark muß der Protest gegen die Gegner lauten, welche'durch Prägung eines bequemen Schlagwortes es wagen, die Liberalen der Verletzung der Heiligkeit der Ehe, der Störung des Privatlebens zu verdächtigen. Der Satz der „Richtlinien", „die^ituelle Ehescheidung soll aus dem Grundsatz von Mann Und Frau beruhen und nach erfolgter bürgerlicher Scheidung oder Nichtigkeitserklärung der Ehe gegen böswillige Hemmnisse gesichert sein, die von dem einen oder anderen Ehegatten bereitet werden können", gibt den Gegnern nicht den geringsten Grund zu ihrer unerhörten Anklage. Vielmehr sind es gerade diese Sätze, die gerade der Heiligkeit der Ehe gerecht werden und sie in ihrer tiefen ethischen Bedeutung erfassen und die manche Unwüxdigkeit vernichten wollen, die in der alten Institution des Scheidebriefes und in der Beibehaltung unzeitgemäßer Bestimmungen liegt. Es ist ja leicht möglich, daß die orthodoxen Schlagworte von Schisma, Zersetzung des Judentums, Verletzung der Heiligkeit der Ehe die blöde Menge bestechen, mögen sich die Liberalen nicht irre machen lassen in der Durchsetzung ihrer Forderungen. An ihnen; besonders an den liberalen Rabbinern liegt es, fest zu bleiben in ihren Anschauungen und von den wohlerwogenen Worten ihres Programms auch nicht um ein Haar breit abzuweichen. III. Ich bin, seitdem ich diese Zeitung leite, gewohnt, zum Beginn des Jahrganges mit meinen Lesern und mit meinen Mitarbeitern zu konversieren und bleibe dieser Gewohnheit treu. Erstens, ich freue mich konstatieren zu können, daß Anregungen, die ich im ersten Leitartikel des vorigen Jahrganges und gelegentlich in manchen Artikeln im Lause des Jahres gegeben habe, auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Zweitens: ich bestätige dankend, gar manche Zuschriften aus dem Publikum bekommen zu haben, in denen die Billigung mancher Anschauung ausgedrückt, die Haltung der Zeitung anerkannt wird. Daneben fehlt es auch nicht an solchen, welche ihre Mißbilligung einzelner Aufsätze oder auch des Tones der Zeitung nicht verhehlen, auch anonyme Briese voll Beleidigungen lausen ein. Drittens: so zuftieden ich mit dieser Teilnahme des Publikums sein kann,, auch mit der letzterwähnten, so unzufrieden bin ich mit der Beteiligung der Mitarbeiter an den Literaturberichten; die Zusammenstellungen im Büchereinlaus erfüllen noch immer nicht recht ihren Zweck. Es vergehen Wochen und Monate, ohne daß sich jemand zum Rezensieren der angezeigten Schriften meldet. Schicke ich, was häufig genug geschieht, Bücher an Männer, die mir zur Beurteilung geeignet erscheinen, so erhalte ich zwar von einzelnen treuen Mitarbeitern, die ich nicht genug loben kann, die gewünschten Berichte, andere Rezensenten lassen mich monatelang warten oder vergessen es schließlich ganz, eine Besprechung einzusenden. Das Schlimmste aber ist, daß gerade die Berufensten eine Besprechung ablehnen, mitunter unter Hinweis darauf, daß die ihnen zugesandten Schriften zu wissenschaftliche sind, um sachgemäß in einem allgemeinen Blatte beurteilt zu werden. Ich halte diesen Grund, der für eine Ablehnung ins Feld geführt wird, sür irrig. Gerade ein Fachmann sollte die Gelegenheit ergreifen, unbeschadet einer eingehenden Rezension in einem wissenschaftlichen Blatte, den Lesern der „Allgemeinen Zeitung" einen kurzen Ueberblick über das Neue, wenn auch Bestreitbare zu verschaffen, das in manchen Schriften steht. Viertens: eine andere Klage richte ich an die Herren Rabbiner. Sie sind gewiß die Geeignetsten, um in theologischen, innerjüdischen Fragen — wenn dieser Ausdruck gestattet ist — das Wort zu ergreifen, sie schweigen aber meistens. Manche haben mir zwar wiederholt die schönsten Versprechungen gegeben, lassen es aber leider an der Erfüllung fehlen. Liefert der eine oder der andere aber wirklich einmal einen Artikel, so gehört er zu den ungeduldigsten Drängern.

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