Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1913)
- Date
- 1913-01-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse Berlin, 3. Januar 1913 77. Jahrgang Nr. 1 Ein unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel o^er die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 IN. — Postscheckkonto 32$. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße zu richten.. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin.' Tlttft£tlf Zum neuen Jahrgang. Von Ludwig Geiger. — Die IJllJ’lttll.» Woche. — Berliner Künstlerbund. Von Erich Grand. — Erinnerungen. Von David Simonsen-Kopenhagen. — Auf dem Wege nach Jerusalem. Reisebriese von- Rabbiner Dr. Armand Kaminka, Wien. — Feui iletvnr Maser. Von 9Ü! e 1 v Goldschmidt. Deutsch von Jda Anders. —' Büchereinlaus. — Sprechsaal. Der Gemeindevote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung de« Judentums"). Berlin, Aus der Provinz Posen, Gleiwitz, Hamburg, Chemnitz, München, Nürnberg, Düsseldorf, Frankfurt a. M., Stuttgart, Wien, London. V on Nah und Fern. Lum neuen Jahrgang. Von Ludwig Geig er. leben in bewegten Zeiten. Solche regen zu ernsten K' mS Betrachtungen an, zumal an Tagen, -die für eine Zeitschrift bedeutungsvoll sind, wie -der Anfang eines neuen Jahres. Ich mache von dem Rechte des Herausgebers, an der Spitze eines neuen Bandes. 31t meinen Lesern zu sprechen, auch in diesem Jahre 1913 Gebrauch. I. Die Welt starrt noch immer von Waffen. Zwar der Waffenstillstand ist geschlossen, und der Friedenskongreß tagt, aber niemand kann wissen, ob der erstere von langer Dauer und ob der Friedensschluß, wenn er wirklich bald erfolgt, ein wahrhaft dauerhafter -sein wird. Für uns als Juden war der Krieg verhängnisvoll, indem viele Juden, die unter den Fahnen dienten, getötet und verwundet, viele andere nebst ihren Familien hilfsbedürftig geworden sind, besonders aber auch dadurch, daß der Handel in den östlichen Gegenden unendlich geschädigt worden ist, und damit viele Glaubensgenossen in ihren ökonomischen Verhältnissen heruntergekommen sind. Die Hilfe, die von begüterten Juden jener Länder den Unglücklichen gewährt wurde, die Unterstützungen, die durch die großen deutschen und französischen Organisationen nach dem Orient geschickt wurden, haben gewiß manchem Elend gesteuert; es bedarf aber noch großer Summen, um die Wunden zu heilewdie der Krieg geschlagen hat. " Andere wichtige Fragen drängen sich im Gefolge des Krieges auf. Wie wird die Lage der Juden in den Gebietsteilen werden, die möglicher- oder wahrscheinlicherwoise aus der Hand der Türkei in die der Balkanmächte übergehen? Von den Bulgaren haben wir im allgemeinen Gutes zu erwarten; ob aber Griechen und Serben dem Beispiel ihrer Verbündeten folgen und das Dersahren der ehemaligen Landesherren, der Türken, nachahmen werden? Die Ausschreitungen, die in Saloniki trotz offizieller Ableugnung geschehen sind, erfüllen das Herz des Menschenfreundes mit bangen Sorgen........ Aber noch eine andere Erwägung muß uns beschäftigen. Die Türkei, in ihrem europäischen Besitzstände geschwächt — denn also muß sie aus dem Frieden herausgehen, wenn auch nicht alle Blütenträume der verbündeten Balkanstaaten reifen —, wird vielleicht mit straffer Hand ihre asiatischen Besitzungen verwalten. Wie wird sie in Palästina verfahren? Wir haben nie für einen jüdischen Staat in Palästina geschwärmt, ihn sogar nie für wünschenswert und erreichbar gehalten, aber die Ansiedlungsmöglichkeit, soweit die der Boden Palästinas zuläßt, immer als ein Heilmittel angesehen für Hunderte, wenn nicht für Tausende, die dort ihre Kräfte üben wollen; — wird die Türkei nicht etwa nun auch in den Juden, Die dort eine neue Heimat suchen wollen, eine Gefahr sehen und Palästina den Einwanderern strenger verschließen als vorher? Während die Beantwortung solcher Fragen erst der Zukunft angehört, stellt sich für die Gegenwart immer drängender die bange Frage, was wird aus den Juden in Rußland? Man hatte sich der Hoffnung hingegeben, daß nach dem Beispiel Amerikas, diejenigen europäischen Staaten, die den Juden volle Freiheit gewähren, wie England und Frankreich, gegen das völkerwidrige Verfahren Rußlands: den ausländischen Juden den Eintritt in das große russische Reich zu erschweren, energisch auftveten würden. Diese Hoffnung hat jedoch getrogen. Noch schlimmer als mit den ausländischen steht es aber mit den russischen Juden selbst. Rechtsbeschränkungen, Bedrückungen, Ausweisungen sind dort nach wie vor weiter an der Tagesordnung; sind auch glücklicherweise Pogroms in der allerletzten Zeit nicht zu verzeichnen gewesen, so ist die Furcht vor dem Wiederaufleben solcher Scheußlichkeiten keineswegs geschwunden. Widerrechtliche, die gesunde Entwicklung Tausender hemmende und bedrohende Maßregeln mehren sich eher, als daß sie sich mindern. Wird das Jahr 1913 diesen unnatürlichen Zuständen eine Besserung bringen? Wir wünschen es aus tiefster Seele, wagen es aber kaum zu hoffen, denn nirgends tritt ein Retter auf, der unseren Glaubensgenossen Heilung brächte. Auch für Deutschland können wir nur Hoffnungen hegen. Wie viel hier noch zu wünschen ist, ist in diesen Blättern oft genug gezeigt. Wohl ist Eigentum und Sicherheit den einzelnen gewährleistet, aber gar vielen ist die Hebung ihrer Kräfte versagt, viele Berufe sind den Juden völlig verschlossen; wo sie gleiche Pflichten haben, wie beim Militär, werden ihnen nicht dieselben Rechte gewährt, auf die sie Ansprüche erheben dürfen. Bei gar vielen Schriftstellern hat sich trotzdem das Märchen von einer Vorherrschaft der Juden festgesetzt; wir wollen nicht ermüden, jenes Märchen in seiner Unglaubwürdigkeit auszuzeigen. Wir werden auch ferner nicht aushören, daran zu arbeiten, jeder Ungleichheit entgegenzutreten und die Rechte zu erringen, die uns zwar durch die Verfassung gewährleistet sind, aber in Wirklichkeit nicht geboten werden.