Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1912)
- Date
- 1912-12-27
- Page
- Seite 623 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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623 Und als diese Totgeweihten die Gestalt des Königs aus - der Terrasse erblickten, begannen sie ihm mit schrecklichen Stimmen, als hätten sich die Gräber geöffnet, zuzurufen: „Unser Blut komme über dich und über diese Stadt!" ' „Alexander, Fluch über dich!" „Der .Tod möge gleichfalls deine Brut ausrotten." „Geh zugrunde und mit dir Jerusalem, das lebend auf uns Sterbende schaut." Und es entstand ein Getümmel der Verzweiflung, ein Trubel der Gehenkten, denen man den Todesstoß gab. Selbst jene, welche in den Qualen schon ohnmächtig geworden waren, erwachten noch in der Agonie und ließen die blutigen Augen dort hin schweifen, wo ein Wald von Fackeln auf der Terrasse loderte, und wo die triumphierende Musik von fünfzig Instrumenten raste. Und die sterbenden Lippen riefen: „Tod Alexander! Möge dein Fleisch von deinen Knochen abfallen, daß deine Söhne deinen Leib morden und die Vögel dein Aas verschleppen." Von dem Rachegeschrei der achthundert an den Kreuzen hängenden Juden gereizt, ließ der König ihre Frauen und Kinder aus den Gefängnissen schleppen und unter den Augen der sterbenden Väter und Männer hinmorden. Das von den Kreuzen reichlich strömende Blut vermengte sich mit dem am Boden in Strömen dahinfließenden Blut. Ein Dickicht von flehenden Händen streckte sich in der Richtung der Terrasse aus. — das Weinen und Wimmern der Kinder stieg wie ein Sturmwind zum Schloß empor, brandete an den Granitfelsen, schwang sich in die Höhe, stieß, aus den Händen der Spielenden die Instrumente und rief eine Leichenblasse auf den Gesichtern der Hofgesellschaft hervor. „Erbarmen!" rief man. .Aber Alexander zerrte an seinem Barte, wandte sich den Flehenden zu und'rief, rasend geworden: „Für euch ist nicht meine Gnade, sondern Ausrottung, nicht Nachsicht, sondern ein blutiges, unausgesetztes Gedenken! Ich werde niemandem vergeben, denn niemand von euch hat mich, den König, verschont!" Die vom Blutdurst wildgewordene Soldateska mordete darauf blindlings los. „O abaddon, o abaddon! Du hast auf Judas Boden gewütet", ertönte der Chorgesang auf Befehl des Königs. Aber die Chorleiterin beendete nicht den Gesang. Das Instrument entsank ihrer Hand und sie, von einem Irrsinn erfaßt, begann knapp am Rande der Terrasse zu rennen und in rasenden Sprüngen zu heulen. In einem tanzenden Sprunge stürzte sie mit weit ausgestreckten Armen von der hohen Terrasse in die Tiefe und zerschmetterte sich den Schädel an einem Löwen aus Stein, der Schloßwache hielt. Darauf flohen die verstörten Choristinnen, und-ihnen folgend verschwanden langsam die Gäste und Höflinge. Nur König Alexander stand noch lange allein auf der. Terrasse unter dem Schutze seiner Garde ... Uebersetzung von S. Horowitz. Litrrarilchr Mitteilungen. — Jüdische S P r i ch w ö r t e r. Herausgegeben von Dr. A r t u r Landsberge r. 1912. Ernst Rowohlt, Verlag, Leipzig. Geheftet 3 Mark, in Leder gebunden 6 Mark. Die vorliegende Sammlung hat ihren Ursprung in einer dem Herausgeber von Herrn Hermann Blumenthal vor einigen Jahren zur Verfügung gestellten Reihe von Sprichwörtern sowie in einer Handschrift von M. Blaß aus dem Jahre 1850 (Königliche Bibliothek in Berlin), in der der Quellennachweis geführt werden sollte, daß manche deutsche Sprichwörter aus Talmud und Midrasch entstanden sind. Endlich in zwei gedruckten Sammlungen, einer Auswahl, die 1889 in einer Zeitschrift veröffentlicht wurde, und dem bekannten Buche von A. Tendlau. Der Verfasser Polemisiert in der Einleitung sehr stark gegen einen hessischen Rabbiner und gegen Herrn Max Weinberg, denen -er vorwirst, sie hätten die Originale entstellt. Die Sammlung selbst zerfällt in folgendeAbteilungen:„Von Familie und Haus; von Glück und Unglück; von Weisen, Narren und Schlehmilen; von Juden und Andersgläubigen; von Gott, Tod und Leben; von Tugend und Lastern; weise Sprüche und Lebensregeln; scherzhafte Redensarten." Wie weit die Sprüche -richtig, sinngemäß und . wortgetreu übersetzt sind, vermag ich nicht zu beurteilen; uns mutet es jedenfalls recht merkwürdig an, daß die folgenden Sprüche, die wir als deutsche Sprichwörter oder Sinnverse anzusehen gewohnt sind, z. B. Einmal ist keinmal; Wie man sich bettet, so schläft man; Das ist nicht aus seinem Mist gewachsen; Wasch mir den Pelz und mach-ihnnicht naß", wirklich in dieser Form jüdischen Ursprungs sind. Der Verfasier vermeidet zwar absichtlich Quellenangaben, bei derartigen Sprüchen hcstte er jedoch eine solche kurze Angabe machen sollen. Jedenfalls liest sich die sehr hübsch ausgestattete Sammlung recht gut. Sie enthält viel Beherzigenswertes, Wertvolles, Anmutiges. L. G. — Weber, Adolf, Armenwefen und Armenfürsorge. Einführung in die soziale Hilfsarbeit. Leipzig 1907 (Sammlung Göschen Nr. 346). 120 Seiten. Preis 0.80 Mark. Wie notwendig es ist, fast eine jede Erscheinung auf dem Büchermarkt, insbesondere auch diejenigen der zurzeit so zahlreichen populär-wissenschaftlichen Sammlungen von unserer Seite zu prüfen, zeigt das vorliegende Merkchen, das zugleich ein Beweis dafür ist, in welcher Weise die Vorurteile und die falschen Vorstellungen der christlichen Theologie über das Judentum in andere Wissenschaftsgebiete hineingeraten und von dort aus weiter in das Volk dringen, lieber das Büchlein selbst zu urteilen, ist hier nicht der Ort und auch nicht die Aufgabe des Rezensenten; hier soll, wie schon angedeutet, nur das bemerkt werden, was vom jüdischen Standpunkte aus zu den Ausführungen des Verfassers zu sagen ist. Da wird auf Seite 7 als der Grundzug der christlichen Armenpflege der Satz hingestellt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst", ohne daß der Verfasser zu ahnen scheint, daß dieser Satz doch im 3. Buche Mosis, Kap. 19, V. 18 steht. Aus derselben Seite heißt es dann aber weiter, daß man bei, einer Skizze der geschichtlichen Entwicklung der Armenfürsorge, bei den Fürsorgemaßnahmen, die im Interesse der Armen die Hebräer und Aeghpter, die Griechen und die Römer getroffen habe, nicht länger zu verweilen brauche. Und Seite 8 heißt es in Wiederholung des Irrtums auf Seite 7: Der Arme habe „Anspruch auf Unterstützung, . . weil die allgemeine Menschenliebe jeden Menschen zum „Nächsten" des andern macht, von dem die ch r i st l i ch e- Religion fordert, daß man ihn lieben solle wie sich selbst". Auch über die derzeitige Armensürsorge bei den Juden ist der Verfasser nur mangelhaft unterrichtet. Seite 44 erwähnt er zwar die Armenfürsorge der Juden in der Gegenwart und nennt sie mustergültig, ein gewiß sehr erfreuliches Lob. Aber auch hier wieder sind die Angaben des Verfassers, auch wenn wir im Auge behalten, daß sein Büchlein eben nur eine Skizze ist, unvollkommen; er erwähnt nur die Jewish Colonisation Association und die Alliance Israelite Universelle; den im Jahre 1901 gegründeten „Hilfsverein der deutschen Juden" und die viel länger bestehende Großloge des Bne - Brith - Ordens für Deutschland scheint er nicht zu kennen. Seite 59 ist die Rede von den 1904 in Deutschland bestehenden 33 Arbeiterkolonien, von denen 30 evangelisch, 3 katholisch waren; der Verfasser kennt also nicht den im Jahre 1900 gegründeten Verein „Jüdische Arbeiterkolonie in Weißensee", eine der vielen Wohlsahrtsgründungen des Deutsch-Jsraelitsichen Gemeindebundes. — Hoffentlich gelangen diese Zeilen zur Kenntnis des Verfassers und veranlassen ihn, bei einer Neuauflage seines Werkchens diese Ausstellungen zu berücksichtigen; das nötige Material wird ' ihm jede jüdische Organisation, an die er sich wendet, gern zur Verfügung stellen. . N. M. N. * — Hermann Zivi, Königspsalm (Freie metrische Uebersetzung des 21. Psalms von A. Nußbaum) für Alt- oder Baritonsolo, vierstimmig gemischten Chor und Orgel, komponiert und Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog Friedrich von Baden zu Allerhöchst desselben 80. Geburtstage sowie Ihren Königlichen Hoheiten dem.